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„El Niños“ schlimme Bilanz : Das Monster stirbt, der Hungertod bleibt

Seit Monaten kein Wasser, null Ernten: Vieh und Mensch leiden derzeit auch im nördlichen Somalia. Bild: Reuters

„Godzilla“ liegt im Sterben. Das Klimaphänomen El Niño hat auf dem Globus humanitäre Flächenbrände entfacht. Jetzt wird es wohl schnell von der Kälteanomalie La Nina abgelöst. Wieder keine Ruhe fürs Weltklima?

          Die Bezeichnung „Godzilla“, so monierten zuletzt einige Kurznachrichtenteilnehmer im nie versiegenden Twitterstrom, sei dann doch eine Nummer zu monströs gewesen für das Klimaphänomen „El Niño“. Andererseits - so klingt die Metapher doppelt gut: Godzilla ist tot. Nur selten seit Beginn der systematischen Messungen, hatte man im tropischen Pazifik auf einer derart gewaltigen Fläche die Oberflächentemperaturen so drastisch steigen sehen, noch nie vermochte die Warmwasser-Anomalie, die schon seit Jahrzehnten hinter dem liebevollen Namen „El Nino“  („das Christkind“) ihr meteorologisches Unwesen treibt, einen solchen Heidenschrecken in den Tropenländern auszulösen (unser Multimedia-Spezial der F.A.Z.-Korrespondenten  und unser Liveblog zu El Niño).

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Und tatsächlich: Messtechnisch gesehen war El Niño 2015/16, Ende letzten Jahres zu einem wahren Monster mit Spitzenwerten von drei Grad über dem Normalwert angewachsen. Lediglich zur Jahreswende 1982/83 und nochmal 1997/98, als El Niño Warmwassermassen die globalen Lufttemperaturen mit sich in die Höhe riss, hatte man ähnlich Drastisches beobachtet: Extreme Dürren, respektive Überschwemmungen rund um den Globus, Missernten, Bergrutsche, Taifune - keine der gefürchteten Kalamitäten blieben schon diese El Niños schuldig. Der aktuelle El Niño freilich war ganz besonders gefürchtet. Denn die Welt war längst schon durch den Treibhauseffekt wärmer geworden, die Anfälligkeit für Wetterextreme gestiegen, und jeder wusste gegen Ende des vergangenen Jahres, als der globale Klimavertrag in Paris ausgehandelt wurde, dass die Welt auf diese Weltklimakapriole ein besonderes Auge werfen werde.

          Zuckerrohrernte vermasselt: Die durch El Nino verursachte Trockenheit ließ die Ernten in Thailand um ein Fünftel schrumpfen.

          So war es denn auch: El Niño 2015/16 wird für die neue Rekordmarke bei den Globaltemperaturen auf der Erde wesentlich mit verantwortlich gemacht. Und auch was die Katastrophenbilanz angeht, hat El Niño  wieder mal dem Welthandel und der Entwicklungspolitik seinen Stempel aufgedrückt. Besonders schlimm hat sich, nach dem Höhepunkt zu Beginn dieses Jahres, die Situation am Horn von Afrika in Äthiopien entwickelt, wo die Nachttemperaturen zeitweise nicht die vierzig Grad unterschritten. 80.000 Hungernde kann die Welthungerhilfe dort mit Lebensmittelhilfen erreichen. Doch in dem Land, das die schlimmste Missernte seit dreißig Jahren erlebt, vegetieren inzwischen 10,2 Millionen Menschen ohne ausreichend Wasser und Nahrung vor sich hin, die Saatgutreserven sind erschöpft, das Vieh verendet ohne ausreichend Getreidefutter. 219 von rund achthundert Distrikten in Äthiopien meldeten vergangene Woche praktisch einen Totalausfall der Ernten und den humanitären Notstand. Mehr als 450.000 Kinder sind dem „World Food Programme“ zufolge bereits massiv unterernährt.

          Äthiopien ist aber nur ein Brennpunkt. Weltweit, so schätzen die Entwicklungsexperten der Vereinten Nationen, haben mehr als 60 Millionen Menschen an den Folgen der Klimaanomalie zu leiden, insbesondere auch im südlichen Afrika, in Mittel- und Südamerika, Haiti und in Südostasiens. Das warme Wasser, das normalerweise Regen produziert und mit Passatwinden nach Südasien bringt, hat sich zum Höhepunkt des Phänomens größtenteils vor die südamerikanische Küste verlagert, wo es sintflutartige Regenfälle brachte, in Südostasien dagegen und in Ländern wie Thailand, das als zweitgrößter Zuckerrohrexporteur zwanzig Prozent der Erträge einbüßte, brachte El Nino wie in diesen Tagen lang anhaltende Trockenperioden. 

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