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Turbulente Arktis-Schmelze : Eisbären ohne Eis

Haben Eisbären bald keinen festen Eispanzer mehr unter den Füßen? Bild: Mario Hoppmann

Finale furioso am Nordpol: Die Eisschmelze hat sich nochmal beschleunigt, und die Eisbären verlieren offenbar immer schneller ihre kalte Heimat. Auch die Mathematik prophezeit ein böses Ende.

          2 Min.

          Was für ein Spätsommer am  Nordpol. Immer weiter geht es bergab mit dem Meereis. Ungebremst schwindet das arktische Packeis und mit ihm die Überlebensaussichten für die neunzehn Eisbärpopulationen in der Arktis. Am 10. September, nach einer turbulenten Woche, in der jeden Tag mehr als 34.000 Quadratkilometer Packeis im Nordpolarmeer verschwunden ist, registrierte das amerikanische National Snow and Ice Data Center mit seinen Satellitenmessinstrumenten eine Ausdehnung der sommerlichen Meereisfläche von nur noch 4,14 Millionen Quadratkilometer. Das ist, gleichauf mit dem Jahr 2007, der zweitniedrigste je gemessene Wert. Lediglich 2012, als die Meereisfläche schon deutlich früher zurückging und Anfang September ein Minimum  erreichte und damit 750.000 Quadratkilometer  unter dem aktuellen Wert lag, wurde weniger Eis in der Arktis registriert.

          Keine Aussicht auf Besserung

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ursache für die extrem beschleunigte Eisschmelze Anfang September sind zwei vorangegangene Wirbelstürme im asiatischen Raum, die vor allem  die sibirischen Küsten  mit warmer Luft aufgeladen hatten. Im Tschuktschen-Meer ist dadurch das meiste Eis  geschmolzen.  Auch die Beaufort-See hat mächtig Eis verloren. Überrascht hat die negative Bilanz vor allem deshalb, weil die Temperaturen im Nordpolarmeer noch im August recht kühl waren und es lange Zeit nach einem zwar überdurchschnittlich eisarmen, aber keineswegs rekordverdächtigen Eisschwund ausgesehen hat.

          Die Eisschmelze auf Grönland von Januar bis September 2016. In den  Küstenbereichen ist der stärkste Eisschwund (bräunliche Gebiete) zu beobachten. Bilderstrecke

          Die Bilanz dieses Sommers zeigt einmal mehr, wie anfällig das Arktiseis inzwischen ist. Schon zum Ende des Winters war klar, dass die junge Eisdicke der Meereisflächen zum großen Teil zu dünn ist, um den Sommer zu überstehen. Das alles sind schlechte Nachrichten für die Eisbären rund um den Nordpol. Sie benötigen für die Aufzucht ihrer Jungen und als Plattform für ihre Jagd nach Seehunden dringend stabile Eisflächen. In den vergangenen 35 Jahren hat sich allerdings in der Hinsicht nicht viel Positives getan - im Gegenteil, wie die Biologin Kristin  Laidre und der Mathematiker Harry Stern von der University in Washington  zusammen in der Zeitschrift „The Cryosphere“ berichteten.

          Bedrohter Eisbärennachwuchs

          Keine der neunzehn großen Eisbärpopulationen rund um den Nordpol kann sich sicher fühlen. Die Refugien für Ursus maritimus schwinden zusehends, wie die Analyse der Eisdaten ergeben hat.  Das gilt für die sibirischen Populationen ebenso wie für die nordamerikanischen oder europäischen. Und die Hoffnung, dass sich die Tiere auf die neuen Verhältnisse einstellen, hält Laidre für ausgeschlossen angesichts der Geschwindigkeit, mit der das Packeis schwindet und brüchig wird.

          Im vorigen Jahr haben die fünf großen Anrainerstaaten des Nordpolarmeeres noch eine Vereinbarung getroffen, dem Eisbärenschutz besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Insgesamt soll es sich dabei um 25.000 Tiere handeln, von denen die kleinsten Populationen 53.000 Quadratkilometer, die größten bis zu 281.000 Quadratkilometer Eisfläche in Anspruch nehmen. Wie Laidres Analyse zeigt, hat sich die Eisschmelze in den letzten Jahrzehnten nicht nur beschleunigt, sie beginnt auch noch in den meisten Bärenhabitaten früher im Frühling und endet später im Herbst. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Aufzucht des BärenNachwuchses werden schlechter.

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