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Ein Öko-Schirm am Himmel? : Kalken gegen den Klimakollaps

Das freut den Globus: Die Zonen fehlenden Ozons (blau) werden in Zukunft wieder kleiner. Hier eine Messung aus dem Jahr 2002 als das Ozonloch über der Antarktis zwischenzeitlich in zwei Bereiche zerfiel. Bild: Nasa

Ist das der grüne Notausgang für die Klimapolitik: Ein Kalk-Schutzschirm in der oberen Atmosphäre, der die Erwärmung bremst? Der Vorschlag aus Harvard hat ökologischen Charme, könnte aber bedeuten, dass es bald Kochsalz regnet.

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          In der Klimapolitik ist die Idee immer noch verpönt, dennoch denken seit Jahren Geoingenieure und Chemiker wie der Mainzer Nobelpreisträger Paul Crutzen ernsthaft darüber nach, wie der beschleunigte Klimawandel quasi durch den Notausgang verhindert werden könnte. Dann nämlich, wenn die Minderungsziele für die nationalen Treibhausgas-Emissionen allen politischen Ankündigungen zum Trotz verpasst und der globale Erwärmungstrend auf der Erdoberfläche nicht aufgehalten werden kann - beziehungsweise das Ziel im Pariser Klima-Abkommen, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, illusorisch wird.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Spätestens dann, so hoffen die Protagonisten des „Geoengineering“, schlägt die Stunde der wahren Visionäre. Ein Sonnenschirm für die Erde zum Beispiel: Schwefelpartikel in die obere Lufthülle blasen und damit zumindest einen Teil der Sonnenstrahlen abschirmen, ist einer der von Crutzen schon in den neunziger Jahren ins Spiel gebrachten Vorschläge, aber auch einer der umstrittensten. Schwefelpartikel seien umweltschädlich, zerstören die Ozonschicht, so der Haupteinwand, und sie reagieren und versauern als Schwefelsäure am Ende sogar die Lufthülle und kontaminieren womöglich noch flächendeckend die Gewässer und Böden.

          Kalk gegen versauerte Luft

          Im Zentrum der Debatte um das Projekt „Management der Sonnenstrahlung“ (SRM) standen schließlich Vorwürfe von Umweltgruppen und -politikern, die in dem Vorschlag vor allem ein politisches Risiko entdeckten: die Emissionsminderungsdiplomatie werde torpediert. Von wissenschaftlicher Seite kamen daraufhin etliche mehr oder weniger gewagte Alternativorschläge. In diese Kategorie kann man zwar getrost auch ein neues, an der Harvard-Universität entwickeltes und in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlichtes Konzept zählen, nämlich die obere Atmosphäre nicht mit Schwefelteilchen, sondern mit „kohlensaurem Kalk“ - Kalziumkarbonat -  oder basischen Natriumsalzen anzureichern. Allerdings hat diese kühne Idee, die Luft quasi mit Kalk zu impfen, einen geradezu ökologischen Charme. 

          Hilfe für den Wald Bild: dpa

          Kalk ist seit Jahrzehnten die Ultima ratio gegen das Waldsterben - letztlich im Kampf gegen die Versauerung der Böden, die vor den rigiden Luftreinhaltungsmaßnahmen im großen Stil mit zahlreichen lebensfeindlichen Säuren, allen voran der Schwefelsäure im „sauren Regen“, schwer geschädigt worden waren. Nun also Kalk im Boden und in der Luft? Den Forschern geht es dabei gar nicht so sehr wie im Fall der gelben Schwefelteilchen um die Strahlungswirkung in der oberen Atmosphäre. Wie viel Sonnenstrahlung das superfeine Puder aus Kalk oder Natriumsalz ins All zurück reflektiert, spielt in den Berechnungen der Harvard-Forscher praktisch keine Rolle. Kein Sonnenschirm aus Kalk also. Vielmehr sollen die basischen Erdalkalimetallverbindungen - wie im Boden - die Atmosphäre chemisch von Säuren entlasten. Das sind in der Luft genau jene Säuren - vor allem stickstoffhaltige Salpetersäure, Salzsäure und Bromwasserstoffsäure - die durch die Luftverschmutzung bis in die  obere Atmosphäre gelangen und dort jene Chemikalien bereitstellen, die für die katalytische Zerstörung der Ozonhülle mit sorgen: Stickoxide und Halogene wie Chlor und Brom.

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