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Dödö dödö: Lockruf der
Liebsten

Von TILL HEIN

25.12.2019 · Ein Gespräch mit dem Pinguinforscher Klemens Pütz über Gefahren durch den Klimawandel, das moderne Familienleben und sexuelle Eskapaden seiner Schützlinge.

Herr Pütz, Ihr aktuelles Sachbuch heißt „Unverfrorene Freunde“. Sind Pinguine Frechdachse?

Wo diese Tiere leben, haben sie an Land keine Feinde. Daher fürchten sie sich auch vor Menschen nicht. Sie sind vor allem neugierig. Wenn ich mich auf Expeditionen auf den Boden lege, um Fotos zu machen, klettern mir jugendliche Königspinguine manchmal auf den Rücken. Wann immer möglich wollen sie höher stehen als ihr Gegenüber. "Unverfrorene Freunde" spielt natürlich auch auf den exzellenten Schutz der Pinguine gegen Kälte an. Kaiserpinguine etwa brüten mitten im antarktischen Winter, bei bis zu minus vierzig Grad.

Biologe Klemens Pütz erforscht Pinguine seit rund dreißig Jahren: Er gründete ein Forschungszentrum, schreibt Bücher über Pinguine und hat mit ihnen auf den Falklandinseln seine Hochzeit gefeiert. Fotos: Dunja Batarilo

Wieso frieren sie nicht mit den Füßen am Eis fest?

Das liegt am sogenannten Gegenstromprinzip: Eine zentrale Arterie bringt bei Kaiserpinguinen das etwa 37 Grad warme Blut aus dem Herzen in die Füße. Rund um diese Arterie verlaufen Venen, die das Blut zurückleiten. Das Entscheidende: Die Wärme wird, bereits während das Blut in die Füße fließt, weitgehend an diese Venen abgegeben. In den Füßen kommt also relativ kühles Blut an - und fast die gesamte Wärme wird zurückgewonnen. Ingenieure wenden ein ähnliches Prinzip bei der Konstruktion energiesparender Passivhäuser an.

Seit gut dreißig Jahren beschäftigen Sie sich mit Pinguinen. Stimmt es, dass Sie sogar zu Ihrer Hochzeit welche eingeladen haben?

Umgekehrt. Meine Frau und ich haben im Januar 2001 auf den Falklandinseln geheiratet, umgeben von Hunderten Felsenpinguinen. Wir haben uns also bei Pinguinen eingeladen. Der Himmel war strahlend blau. Und Gott sei Dank war die Windrichtung während der Trauung günstig. So süß und unterhaltsam Pinguine sind - sie riechen streng.

Pinguine der Antarktis und Subantarkis

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Die großen Kaiser- und Königspinguine kennt praktisch jeder. Doch es existieren heute 18 verschiedene Arten, je nach Zählweise Grafik: Andre Piron



Achtzehn Pinguinarten gibt es. Wie viele haben Sie selbst erforscht?

Lassen Sie mich nachzählen: Kaiser-, Königs- und Eselspinguin, Felsen-, Goldschopf-, Dickschnabel-, Humboldt-, Magellan- und Adeliepinguin. Also insgesamt neun. Meine Lieblinge sind die Königspinguine mit ihren gelben Wangenflecken. Sie kennen diese Art wahrscheinlich aus dem Zoo. Und die Felsenpinguine, diese kleinen Punker mit grellbuntem Kopfschmuck: tough, wuselig und voller Energie. Königspinguine dagegen haben eine royale Ausstrahlung. Sie ruhen in sich. Nur die Größten aller Pinguine - die Kaiserpinguine - wirken noch etwas gelassener.

Dennoch soll es schwer sein, einen Kaiserpinguin einzufangen.

Aber hallo! Diese Tiere wiegen dreißig Kilogramm und sind enorm kräftig. Ihre Flügel, die sogenannten Flipper, sind gefährliche Waffen. Bei meinem ersten Versuch bekam ich einen Schlag zwischen die Beine, ging in die Knie, und der Pinguin entkam. Die richtige Technik musste ich erst lernen: Man schleicht sich von hinten an und packt den Pinguin im Nacken. Dann dreht man einen Flipper leicht nach hinten und fixiert ihn, ähnlich wie beim sogenannten Polizeigriff. Schließlich greift man mit der anderen Hand den zweiten Flügel.


„So süß und unterhaltsam Pinguine sind – sie riechen streng.“

Und der Schnabel?

Wenn Kaiserpinguine mit ihrem langen, geraden Schnabel piksen, tut das nicht besonders weh. Zumal man in der Antarktis ja in der Regel dicke Kleidung trägt. Kleinere Pinguinarten aber wie die Schopf-, Felsen- oder Brillenpinguine haben einen hakenförmigen Schnabel. Da muss man sich in Acht nehmen. Die Narbe hier an meiner rechten Hand stammt von einem Felsenpinguin.

„Pinguine haben ein modernes Familienleben“, schreiben Sie. Heißt das, Mutter und Vater arbeiten beide und haben nie Zeit?

Da ist vielleicht etwas dran. Ich wollte allerdings deutlich machen, dass sich Weibchen und Männchen die Familienarbeit gerecht aufteilen. Bei den Königspinguinen etwa wechseln sie sich bei der Babybetreuung alle ein bis zwei Wochen ab. Das Männchen oder das Weibchen wärmt das Küken jeweils in der Brutfalte, während die Partnerin oder der Partner im Meer auf Nahrungssuche geht.

Wie alt werden Pinguine?

In Zoos können manche fünfzig Jahre alt werden. Aber dort wachsen die Tiere ja auch wie in einem Sanatorium auf. Kaum hustet ein Pinguin, kommt der Tierarzt angelaufen. Aus der freien Natur haben wir kaum Daten zur Lebenserwartung. Die meisten Pinguine sterben irgendwo im Meer, und man weiß dann nicht, ob sie gefressen wurden oder an Altersschwäche starben. Einzelbeobachtungen aus der Natur zeigen aber zumindest, dass manche auch dort über zwanzig Jahre alt werden.

Eselspinguine gelten mit ihren roten Schnäbeln als die buntesten Langschwanzpinguine. Adeliepinguine fallen durch den weißen Ring um ihre Augen auf. Hier sind Adelie- und Eselspinguine auf dem Sprung, beide aus der Gattung Pygoscelis, den Langschwanzpinguinen. Foto: Getty

Können Pinguine so gut tauchen wie Robben?

Besser. Rekordhalter ist der Kaiserpinguin, der gut 550 Meter tief taucht. Die Tauchtiefe hängt mit der Körpermasse zusammen: Je größer und schwerer eine Pinguinart ist, desto tiefer können die Tiere ins Meer abtauchen. Vergleicht man das nun mit Robben und setzt die Tauchkapazität ebenfalls in Relation zum Körpergewicht, schneiden Pinguine sehr viel besser ab: Bereits ein gerade mal fünf Kilogramm schwerer Pinguin erreicht 200 Meter Tauchtiefe und kann mit einer stattlichen Robbe mithalten, die 150 Kilogramm wiegt.

In Kinderbüchern rodeln Pinguine gerne auf dem Po Eisberge hinab. Ist das reine Erfindung?

Nein. Auf dem Po kommt das allerdings nur unfreiwillig vor. Manchmal rutschen die Tiere halt aus. In Bauchlage aber gleiten sie ganz gezielt übers Eis: Müssen Kaiserpinguine auf dem Eis weite Distanzen überwinden, legen sie sich manchmal auf den Bauch, um sich mit den Füßen vorwärts zu schieben. Und in Bauchlage rodeln Pinguine auch tatsächlich freiwillig Eisberge hinab.



Seit wann gibt es Pinguine?

Bereits vor 60 bis 70 Millionen Jahren lebten in Neuseeland die Waimanus, eine Art Urpinguine. Zu jener Zeit rannten auf der Erde auch noch Dinosaurier umher. Die engsten lebenden Verwandten der Pinguine sind übrigens nicht etwa Laufvögel wie die Strauße, sondern Albatrosse. Ausgerechnet diese riesigen Vögel mit einer Flügelspannweite von gut drei Metern, die im Lauf ihres Lebens fliegend bis zu sechs Millionen Kilometer zurücklegen. Genetische Analysen haben das klar gezeigt.

Erwachsene Pinguine einer Art kann man schwer unterscheiden, oder?

Ja und nein. Brillenpinguine haben eine schwarzweiß gesprenkelte Brust, und dieses Muster ist so individuell wie der menschliche Fingerabdruck. Bei einigen Arten treten gelegentlich Farbmutationen auf. Es gibt zum Beispiel ganz schwarze Königspinguine. Und auf der Anvers-Insel an der Antarktischen Halbinsel lebte in einer überwachten Kolonie ein Adeliepinguin, der völlig goldblond leuchtete. Wir tauften ihn „Blondie“.

Können Sie Männchen und Weibchen immer auseinanderhalten?

Die Männchen haben etwas längere und dickere Schnäbel. Sieht man aber ein junges Männchen und ein ausgewachsenes Weibchen nebeneinander, kann man die Geschlechter leicht verwechseln. Und bei Eselspinguinen sind die Schnabel-Unterschiede so gering, dass selbst ich ein Maßband zur Hilfe nehmen muss. Bei Königspinguinen hilft ein zusätzliches Merkmal: Die Weibchen singen: „Dödö dödö! Dödö dödö!“, die Männchen hingegen: „Dödö dödö dö! Dödö dödö dö!“, also immer eine Silbe mehr.

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Biologen nennen das singen?

Pinguine sind Vögel - und Vögel singen nun mal. Aber auch wir Fachleute sprechen bei diesen besonderen Tieren manchmal eher von „rufen“ oder „trompeten“. Die Eselspinguine heißen übrigens nicht wegen ihrer Physiognomie so, sondern weil ihr Gesang an die Schreie von Eseln erinnern.

Stimmt es, dass Pinguinmännchen die Stimme ihrer Partnerin aus Tausenden heraushören können?

Ja. Und umgekehrt. Bei den meisten Arten kommen zur Paarungszeit erst einmal die Männchen an Land. Einige Tage später treffen die Weibchen ein, und Tausende Männchen beginnen, wild durcheinander zu singen. Bald stimmen die Weibchen ein, und über den Klang der Stimme finden die Pärchen aus dem vergangenen Jahr oft wieder zusammen.

Schnäbeln Pinguinpärchen wirklich verliebt, oder sieht das auf den populären Tierbildern nur so aus?

Insbesondere bei Königspinguinen gibt es tatsächlich zärtliche, romantische Lebensphasen. Irgendwann schubst das Männchen seine Partnerin dann allerdings um, damit es sich zur Paarung auf den Bauch legt. Das sieht etwas grob aus. Aber für das Weibchen ist das wahrscheinlich einfach das Signal, dass es jetzt endlich zur Sache geht.


Die Weibchen singen: „Dödö dödö! Dödö dödö!“, die Männchen hingegen: „Dödö dödö dö! Dödö dödö dö!“, also immer eine Silbe mehr.

Dass Pinguine nie fremdgehen, ist ein Mythos, oder?

Bei Adeliepinguinen sind bis zu zehn Prozent der Küken sogenannte Kuckuckskinder, sie wurden also nicht von dem Männchen gezeugt, das für ihre Ernährung sorgt. Bei Humboldt-Pinguinen beträgt dieser Anteil sogar bis zu dreißig Prozent. Aber bei allen Arten gibt es auch einzelne treue Individuen.

Manchmal soll es auch zu Prostitution kommen. Bezahlen die Freier dann tatsächlich mit Steinen?

Richtig. Bei den Adeliepinguinen etwa bauen die Männchen vor der Familiengründung ein Nest aus Steinen. Sichtet ein Junggeselle mit einem frisch gefundenen Kieselstein im Schnabel auf dem Weg durch die Kolonie vor einem anderen halbfertigen Nest ein attraktives Weibchen, kann sich ein solcher Deal ergeben. Kehrt der Gatte jenes Weibchens dann aber früher als erwartet zurück, gibt es Ärger.

Vor gut zwanzig Jahren haben Sie mit Partnern aus der Schweiz die Stiftung Antarctic Research Trust gegründet. Die Idee dazu soll auf einer Kreuzfahrt entstanden sein.

Das war ein großer Glücksfall. Meine Stelle als Postdoc an der Universität Kiel lief aus, und zum Geldverdienen hielt ich auf einem Kreuzfahrtschiff Vorträge über Pinguine. Auf dem Schiff freundete ich mich mit drei Schweizern an. Irgendwie bekamen die mit, dass mein weiterer Werdegang als Wissenschaftler unklar war. Am Ende der Kreuzfahrt saßen wir in der Bar, und nach einigen Drinks beschlossen wir, eine Stiftung für Pinguinforschung und Naturschutz zu gründen. Bald darauf suchten wir die ersten Pinguin-Paten.

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Pinguin-Taufpaten?

Ja. 1500 Euro kostet eine solche Patenschaft. Man bekommt ein schönes Porträtfoto von „seinem“ Pinguin und darf ihm einen Namen geben. Die Pinguine statten wir mit Satellitensendern aus, denn wir wollen ihre Wanderbewegungen bei der Futtersuche erforschen. Insgesamt hatten wir bereits über zweihundert Pinguin-Paten. Die Gönner können auf unserer Website eine digitale Land- und Seekarte aktivieren und gucken, wo ihr Pinguin gerade unterwegs ist. Viele machen das jeden Morgen.

Stimmt es, dass zehn der 18 Pinguinarten vom Aussterben bedroht sind?

Gemäß der Naturschutzorganisation International Union for the Conservation of Nature (IUCN) sind es inzwischen sogar elf. Die Gelbaugenpinguine, von denen es weltweit nur noch etwa 1700 Brutpaare gibt, gehören dazu. Aber auch die Goldschopfpinguine mit immerhin noch 6,3 Millionen Brutpaaren.

Wie absurd. Warum?

Der Grad der Bedrohung hängt ja nicht ausschließlich von der Anzahl der Individuen ab. Wichtig ist ebenfalls, wie sich die Bestände im Verlauf der letzten dreißig Jahre entwickelt haben. Und die geographische Verbreitung der Art. Lebt eine Art zum Beispiel ausschließlich auf einer einzigen Vulkaninsel, kann die Population aus Millionen Tieren bestehen - und ist dennoch ständig bedroht. Bricht der Vulkan aus, kann die ganze Art ausgelöscht werden. Gibt es von einer Art dagegen nur mehr einige Tausend Tiere, die Individuen sind aber über den halben Erdball verteilt, so ist die Bedrohungssituation weniger dramatisch.

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Leiden Pinguine unter dem weltweiten Klimawandel?

Ja. Denken Sie etwa an die Goldschopfpinguine, die sich fast ausschließlich von Krill ernähren. Diese winzigen Krebstierchen wachsen nur in großen Mengen heran, wenn im Winter eine dichte Eisdecke besteht, und das wird durch die globale Erwärmung gefährdet. Ein weiteres Problem besteht darin, dass sich durch den Klimawandel Meeresströmungen verändern. An den gewohnten Stellen findet sich dann oft zu wenig Futter. Besonders zu kämpfen haben die Afrikanischen Brillenpinguine, weil sich die Fischbestände am Kap verlagert haben. Früher hielten sich die großen Schwärme hauptsächlich vor der Westküste Südafrikas auf, inzwischen meist vor der Südostküste. Mit genügend Zeit könnten die Pinguine darauf reagieren. Aber die hohe Geschwindigkeit, in der wir Menschen das Weltklima verändern, überfordert sie. Forscherkollegen haben Brillenpinguin-Küken mit Satellitensendern ausgerüstet und festgestellt: Sie schwimmen alle noch immer gezielt dorthin, wo die Fischschwärme früher waren.


Was stellt die größte Gefahr für die Pinguine dar?

So allgemein lässt sich das nicht sagen. Manche Arten fressen nur Krill, andere Leuchtsardinen, wieder andere den typischen „Antarktis-Cocktail“, eine Mischung aus Krill, Tintenfisch und Fisch. Und die Tiere leben ja in sehr unterschiedlichen Verhältnissen: Kaiserpinguine etwa auf dem Eis der Antarktis, Galapagos-Pinguine am Äquator, umgeben von Kakteen. Einige Arten leiden besonders unter dem Klimawandel. Für andere ist die Überfischung oder die Verschmutzung der Meere besonders verheerend: Gelbaugenpinguine fressen zum Beispiel gerne Quallen. Da liegt es natürlich nahe, dass sie auch im Meer treibenden Plastikmüll verschlucken. Bei allen Unterschieden trifft eine Regel auf alle Pinguine zu: Sie können nicht fliegen. Selbst das gilt nur eingeschränkt. Denn Physiker haben kürzlich errechnet, dass Pinguine bei Windgeschwindigkeiten ab 400 Stundenkilometern sehr wohl fliegen könnten. Bei einem so gewaltigen Sturm wäre das allerdings auch dem Menschen möglich. Wir würden einfach weggeweht.


Bei allen Unterschieden trifft eine Regel auf alle Pinguine zu: Sie können nicht fliegen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 25.12.2019 15:00 Uhr