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Diskussion um Klimawandel : Wissenschaftler sind keine Glaubensbrüder

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Klimawandel: Das einst ewige Eis schmilzt, Gletscher schrumpfen. Bild: seppFriedhuber/istock

Wissenschaft zwischen kritischem Diskurs und Konsensbildung: warum die Einigkeit der Klimaforschung keineswegs auf eine Unterdrückung von Dissens hinweist.

          3 Min.

          Wissenschaftlicher Fortschritt bedarf eines kritisch-rationalen Diskurses, wie der Philosoph Sir Karl Popper betonte. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn ist nur möglich innerhalb sozialer Strukturen, die es erlauben, Theorien einer rationalen Kritik zu unterziehen. Das ist die eine Seite. Andererseits ist wissenschaftliche Forschung auch gekennzeichnet von Prozessen der Konsensbildung. Wie der Philosoph und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn argumentierte, ist eine nachhaltige und detailorientierte gemeinschaftliche Beschäftigung mit einem Thema, wie sie charakteristisch für moderne wissenschaftliche Forschung ist, nur aufbauend auf einem Konsens über die akzeptierten wissenschaftlichen Grundannahmen möglich.

          Wissenschaftliche Forschung steht also in einem Spannungsfeld aus kritisch-rationalem Dissens und Konsensmechanismen – ein Spannungsfeld, das übrigens auch für erkenntnisgerichtete gesellschaftliche Diskurse allgemeiner bezeichnend ist. Wie in diesem Widerstreit zwischen Dissens und Konsens objektive Erkenntnis möglich ist, ist eine zentrale Frage der Wissenschaftsphilosophie – eine Frage, die insofern hochaktuell ist, als Verbreiter von Fake News und pseudowissenschaftlichen Ideologien genau dieses Spannungsfeld ausnutzen, um nicht fundierte Meinungen als legitime rationale Kritik an wissenschaftlicher Erkenntnis zu verkaufen.

          In ihrem vielzitierten Buch „Merchants of Doubt“ zeichnen die amerikanischen Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik Conway nach, wie wissenschaftliche Erkenntnisse durch künstlich erzeugte Zweifel in der Öffentlichkeit in Frage gestellt werden können. So konnten Tabakkonzerne jahrelang politische Maßnahmen gegen das Rauchen verhindern, indem sie mit Hilfe von angeblichen wissenschaftlichen „Experten“ den Eindruck erweckten, dass wissenschaftliche Unsicherheiten über die Gesundheitsfolgen des Rauchens viel größer seien, als sie es tatsächlich waren.

          Übernahme der „tobacco strategy“

          Wie Oreskes und Conway zeigen, wurde diese tobacco strategy erfolgreich von Klimawandel-Leugnern kopiert. So versuchen Ölkonzerne und konservative Think Tanks in den Vereinigten Staaten seit den achtziger Jahren durch einen künstlich erzeugten Dissens die Ursachen und Folgen des Klimawandels als wissenschaftlich viel unsicherer darzustellen, als sie es tatsächlich sind.

          In gewisser Hinsicht das Spiegelbild der tobacco strategy besteht darin, zu suggerieren, dass ein tatsächlich bestehender wissenschaftlicher Konsens ideologisch motiviert ist und legitimen rationalen Dissens ausschließt. Nun kann diese Form der Wissenschaftskritik unter Umständen berechtigt sein, da das Austarieren der Balance zwischen Konsens und Dissens nicht unweigerlich zu verlässlichen Ergebnissen führt.

          Es gibt in der Wissenschaftsgeschichte viele Beispiele, in denen ein zunächst fest etablierter Konsens sich später als ungerechtfertigt herausgestellt hat. Auch kann eine Konsensmeinung durchaus zumindest zum Teil gemeinsame Werte einer wissenschaftlichen Community widerspiegeln. Es ist somit nicht immer leicht, berechtigte Einwände gegen einen bestehenden Konsens von gezielter Desinformation oder pseudowissenschaftlicher Propaganda zu unterscheiden.

          Verzerrtes Bild der Klimawissenschaften

          In der Klimadebatte wird oft bezweifelt, dass der Ausstoß von Kohlendioxid-Molekülen allein für die Erwärmung der Erde verantwortlich sein kann. Die Zweifel seien berechtigt, so der Einwand, da das Erdklima auch von anderen Faktoren, wie der Sonnenaktivität oder Landnutzungsänderungen, beeinflusst werde. Der implizite Vorwurf der Kritiker lautet, Klimawissenschaftler trügen ideologische Scheuklappen, die es ihnen unmöglich machten, Alternativen zu den von ihnen akzeptierten Theorien in den Blick zu bekommen. Der gesellschaftliche Druck, den Konsens zu akzeptieren, gehe auf Kosten einer kritischen Rationalität.

          In diesem Fall ist es jedoch relativ leicht zu sehen, dass die vermeintlich rationale Skepsis auf einem verzerrten Bild des Wissensstandes der Klimawissenschaften beruht. Denn der wissenschaftliche Konsens, dass Kohlendioxid-Emissionen vorrangig für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich sind, ist nicht etwa dadurch entstanden, dass Klimawissenschaftler mögliche Alternativerklärungen nicht berücksichtigt hätten, sondern dadurch, dass sie mit Hilfe verschiedener Methoden untersucht haben, welchen Beitrag unterschiedliche Faktoren (wie Sonnenaktivität, Vulkanausbrüche, oder Eisschmelze) zu der gegenwärtigen Erwärmung leisten.

          Das Resultat kritisch-wissenschaftlicher Analyse

          Das eindeutige Ergebnis ist, dass das Erdklima zwar prinzipiell von mehreren externen Faktoren abhängt, der gegenwärtige Klimawandel aber fast ausschließlich auf anthropogene Faktoren zurückzuführen ist – allem voran auf die durch das Verbrennen fossiler Energieträger verursachten Kohlendioxid-Emissionen. Landnutzungsänderungen als zusätzlicher anthropogener Faktor tragen ebenfalls, wenn auch vergleichweise gering, zu den globalen Emissionen bei.

          Der in den Wissenschaften in Jahrzehnten entstandene Konsens über die Ursachen der Erderwärmung ist also das Resultat kritisch-wissenschaftlicher Analyse und nicht das Resultat einer ungerechtfertigten Unterdrückung von Dissens. Wer in Anbetracht des Forschungsstandes immer noch zweifelt, dass Kohlendioxid-Emissionen vorrangig für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich sind, ist daher nicht ein kritisch-rationaler Skeptiker sondern ein Klimawandel-Leugner: Er ist ein Klimawandel-Leugner im gleichen Sinne wie jemand, der Zweifel äußert, ob die Anziehungskraft der Sonne wirklich dafür verantwortlich ist, dass die Erde um die Sonne kreist, ein Gravitationsphysik-Leugner ist.

          Der Autor ist Professor für Philosophie an der Leibniz Universität Hannover

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