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Hitze und Gewalt : Dieses Reizklima überall

Bei der rekordverdächtigen Hitze hilft nur genügend trinken. Es handelte sich um den heißesten Juni seit Beginn der Temperaturaufzeichnung - auch wenn man in Deutschland davon nicht viel merkte. Bild: dpa

So viel Gewalt, und so viel Hitze: Was uns Psychologen Neues über Aggressionsstau und Temperatursprünge lehren und Klimaforscher über schwelende Konflikte unter brütender Sonne erfahren haben. Wo ist da die Coolness?

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          Das Wetter nervt selten nicht. Leider ändert auch der Urlaub selten etwas an dieser mentalen Schieflage, denn die latente Unausgeglichenheit zieht sich quasi durch alle Kulturen und Weltgegenden. Richtig fatal aber wird es, wenn wir in völliger Unkenntnis des „General Aggression Model“ für unsere Entspannung ausgerechnet heiße Regionen aufsuchen, wo die Psychologie den komplexen Zusammenhang zwischen Hitzestress und Sozialverhalten längst in einen plausiblen, einfachen Satz zusammengefasst hat: Höhere Temperaturen führen zu steigendem Unwohlsein und Reizbarkeit.

          Die Theorie scheitert allerdings kläglich, wenn sie versucht, Temperaturen und Gewaltkriminalität in Zusammenhang zu bringen. Und sie bringt äquatornahe Kulturen vorschnell in Verruf. Ein kulturübergreifender psychologischer Erklärungsversuch wurde deshalb mit der „Routine Activity Theory“ unternommen. Auch sie gibt gerne vor, komplizierter zu sein, als sie ist. Wenn es draußen wärmer ist, gehen die Leute mehr vor die Tür und haben damit mehr Gelegenheiten, sich gegenseitig zu nerven. Diese These hat den Vorzug, dass sie schon im Frühjahr und auch noch im Spätherbst zu erwägen ist. Allerdings erklärt sie nicht den Alltagsbefund, dass die Leute bei 35 Grad schneller ausrasten als bei 24 Grad - ob sie nun allein auf dem Kamel sitzen oder mit anderen am Buffet Schlange stehen.

          Langweile und Kontrollverlust

          Die neue und von der Universität Amsterdam zusammen mit der Ohio State University kürzlich präsentierte „Clash“-Theorie versucht es deshalb erst gar nicht mit einfachen Erklärungen. Nicht die Hitze, sondern die fehlende Abkühlung sei der eigentliche Motor der Aggression, die sich statistisch sogar in höheren Kriminalitätsraten am Äquator bemerkbar mache. Was den Menschen fehle, sei die Variation.

          Das bringe buchstäblich Überdruss und Langeweile ins Leben, meinen die Psychologen, denn die Leute müssen gar nicht vorausdenken, alles bleibt, wie es ist, der „Swing“ zwischen kalt und warm im Leben fehlt gänzlich, und diese Übersättigung führt schließlich zum Verlust der Selbstkontrolle.So weit also „Clash“, die Psychologenformel für „Climate Aggression and Self-Control in Humans“. Zwei windstille Nächte im Hochsommer ohne Klimaanlage oder wahlweise ein paar Nächte unter dem Dach verleihen der amerikanisch-niederländischen Theorie einiges an Plausibilität.

          Hitzewellen verstärken schwelende Konflikte

          Allerdings fällt der Faktencheck durch unabhängige Klimaforscher wenig überzeugend aus. Das grundsätzlich „destabilisierende Potential“ von Hitzewellen und Dürren hat ein Team des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung nun zwar in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften aufgeschlüsselt - Dürren und ethnische Konflikte sind in der betrachteten Periode zwischen 1980 und 2010 zwar weltweit immer wieder zusammen aufgetreten, aber Hitzewellen erwiesen sich allenfalls als „Verstärker schwelender gesellschaftlicher Spannungen“ in ethnisch ohnehin zersplitterten Ländern.

          Lediglich in neun Prozent trafen Hitzewelle und bewaffneter Konflikt im selben Monat zusammen. Das meteorologische Aggressionspotential ist also vorhanden, wenn auch doch sehr begrenzt. Dies ändert sich jedoch ganz sicher, wenn endlich auch die Zugereisten mit in die Rechnung aufgenommen werden. Beim Urlauber nämlich setzt sich der Hitzestau erfahrungsgemäß direkt in ein ausgewachsenes Reizklima mit entsprechendem Selbstkontrollverlust um. Was wieder zeigt: Nicht die Theorie, erst das richtige Studiendesign, macht aus Forschung solide Wissenschaft.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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