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Wunden der Erde,
geschlagen vom Hunger der Energie

Von ANDREAS FREY
Der Salar de Atacama im Norden Chiles ist ein Salzsee, dessen unterirdische Sole mit 0,16 Prozent den weltweit höchsten Gehalt an Lithiumsalzen aufweist. Die Förderung der Sole zur Verdunstung in solchen Becken senkt den Grundwasserspiegel. Vermeidbar ist das nicht, es sei denn, das globale Verkehrswesen kehrte zu Segelschiff und Pferdewagen zurück. Foto: European Space Imaging

02.01.2019 · Vor 300 Jahren hätten Aliens von einem Raumschiff im Erdumorbit aus kaum eine Spur des Menschen gesehen. Allenfalls die Pyramiden. Oder die Chinesische Mauer. Heute dagegen sähen sie: das hier.

S chwimmbeckenblau leuchtet die Zukunft, türkis und grasgrün. Rechteckige Becken pflastern den Salar de Atacama, einen gigantischen Salzsee in der gleichnamigen Wüste im Norden Chiles. Diese Becken sind kein vulkanisches Phänomen, sondern ein Werk von Menschenhand. Pumpen befüllen sie mit dem salzigen Grundwasser unter der Kruste des Salars. Sie sollen dazu beitragen, die Welt in ein neues Zeitalter zu führen, eines, in dem die Verbrennungsmotoren endlich ins Museum wandern und klimaschädliches Öl und Gas nicht mehr gebraucht werden. Durch die Wüstenhitze verdunstet das Wasser in den Becken, übrig bleiben auskristallisierte Salze, aus denen schließlich jenes Metall gewonnen wird, auf dem die Hoffnungen für eine Zukunft der Mobilität ruht: Lithium, ein Metall, weich wie Käse und äußerst reaktiv. In der Natur kommt es daher nie elementar vor, und so schöpft man es aus Salzseen oder gewinnt es aus Ganggesteinen wie im Erzgebirge. Die Sole im porösen Untergrund des Salar de Atacama hat weltweit den höchsten Gehalt an Lithium.

Am Río Madre de Dios im Osten Perus fressen sich illegale Goldminen in den Regenwald. Auch das Tambopata-Naturreservat südlich des Flusses ist schon angenagt. Foto: European Space Imaging

Die Ausbeutung des Planeten ist natürlich nicht nur hier voll im Gange. Das verdeutlichen die erstaunlichen Aufnahmen der beiden Satelliten WorldView 3 und 4. Sie gehören DigitalGlobe, einem Partnerunternehmen der European Space Imaging in München. Die Fernerkundungsexperten Markus Eisl und Gerald Mansberger haben sie in einem Bildband zusammengestellt, aus dem auch die Aufnahmen auf dieser Seite stammen. Im Original sind sie so hoch aufgelöst, dass sich noch Strukturen von 30 Zentimeter Größe darauf unterscheiden lassen.

Es lohnt sich, diese Bilder näher zu betrachten, zeigen sie doch die massiven Eingriffe des Menschen in den Planeten. Die Löcher, die er in Berge und Landschaften geschlagen hat, sind nur ein Ausdruck des neuen Abschnitts der Erdgeschichte, den einige Wissenschaften sogar als eine eigene geochronologische Epoche ausgerufen sehen möchten, des Anthropozäns. „Innerhalb weniger Monate hat der Mensch eine für den Zustand und die Entwicklung der Erde, vor allem des Lebens auf der Erde, zentrale Rolle mit bisher unerreichten Einflussmöglichkeiten eingenommen“, schreiben die Autoren des Bildbandes. Mittlerweile ist der Mensch sogar in der Lage, mehr Boden zu bewegen als alle Flüsse und der Wind. Und das sind nur die sichtbaren Veränderungen, die der Homo sapiens anrichtet. Der fortschreitende Klimawandel ist für die optischen Kameras der Satelliten ebenso unsichtbar wie das Loch in der Ozonschicht.

Auch Solarkraftwerke wie dieses 50-Megawatt-Farm in China verbrauchen etwas, nämlich Landschaft. Das neckische Panda-Layout soll künftig weitere 99 solcher Anlagen verzieren. Foto: European Space Imaging

Der Abbau von Lithium hingegen ist nicht zu übersehen. Dabei hat sich der Mensch für Lithium lange Zeit nicht besonders interessiert. Heute aber ist das Metall mit den besonders leichten Ionen eines der begehrtesten chemischen Elemente, ist es doch das wichtigste Ingredienz für Lithium-Ionen-Akkus. An solchen Akkumulatoren forscht die ganze Welt, schließlich sollen sie nichts weniger als den Straßenverkehr revolutionieren. Ob Elektroautos, E-Bikes oder E-Laster – ohne Lithium gibt es keinen Abschied von den fossilen Treibstoffen. Eine Abmilderung der globalen Klimaerwärmung ist ohne Elektromobilität kaum vorstellbar. Jede Form einer „Mobilitätswende“ wird es nur mit türkisen Pools wie jenen in der Atacama geben.

Der Abbau von Lithium ist keinesfalls eine saubere Sache. Chile ist nach Bolivien der zweitgrößte Lithiumproduzent der Welt. Die Gewinnung in Verdunstungsbecken senkt die Grundwasserspiegel der Umgebung, trocknet Feuchtgebiete aus und gefährdet die Wasserreserven einer ganzen Region. Der Abbau wirkt sich nach Ansicht vieler Forscher auf das sensible Ökosystem der Salar de Atacama aus. Zudem ist der Abbau politisch heikel, denn der Lithium-Produzent SQM gehört der Familie des ehemaligen Diktators Augusto Pinochet. Das Bergbau- und Chemieunternehmen ist in der Vergangenheit mehrfach negativ aufgefallen, es wurde wegen Bestechung und Steuerhinterziehung ermittelt. Ob das Fahren mit Elektroautos wirklich umweltfreundlich ist, hängt also nicht nur von der Herkunft des Stroms ab, mit dem die Lithiumakkus geladen werden, sondern auch von Faktoren wie den Förderbedingungen des Leichtmetalls.

Aus Bayan Obo in der chinesischen Region Innere Mongolei kommen 45 Prozent aller weltweit verarbeiteten Seltenerdmetalle. Der Abbau ist noch schmutziger, als er hier aussieht. Foto: European Space Imaging

Das gilt auch für die Elemente aus der Gruppe der sogenannten Seltenen Erden. Sie sind wichtige Zutaten nicht nur für Akkus und Elektromotoren, sondern auch für Komponenten anderer Technik, ohne die nachhaltige Energienutzung oder klimaneutraler Transport auf der Skala einer modernen Zivilisation nicht zu haben sind: Solaranlagen, Windkraftgeneratoren, Wasserturbinen. Mehr als 95 Prozent des Weltbedarfs an Seltenen-Erden-Metallen werden in China geschürft, gut die Hälfte davon in einer einzigen Tagebaustätte, der Bayan-Obo-Mine in der Inneren Mongolei. Bis zu tausend Meter reichen die Erzvorkommen in die Tiefe. Darin vermuten Geologen bis zu 35 Millionen Tonnen Seltenerdmetalle. Da die Nachfrage ständig zunimmt und China faktisch das Monopol auf diese Metalle hat, werden die Reserven ohne jede Rücksicht auf die Umwelt ausgebeutet. Der BBC-Reporter Tim Maughan bezeichnete den Raubbau vor wenigen Jahren als „Hölle auf Erden“. Über Pipelines wird giftige Schlacke in einen künstlichen See geleitet, berichtete er, ein schrecklicher und verstörender Anblick.

Derlei massive Ausbeutung ganzer Landstriche gibt es natürlich längst nicht nur in China, und sie führt zunehmend zu einer Übernutzung des Planeten. Das betrifft die Förderung fossiler Rohstoffe, aber eben nicht nur. Wenn es heute außerhalb von ausgewiesenen Schutzgebieten noch irgendwo naturbelassene Landschaften gibt, dann nur deshalb, weil es dort keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gibt oder ihre Ausbeutung – noch – nicht wirtschaftlich ist. An allen anderen Flecken irdischer Landmassen hat der Mensch bereits Hand angelegt. Dabei unterscheiden sich die Spuren, die er hinterlässt, beträchtlich. Am offensichtlichsten sind großflächige Eingriffe wie etwa im Tagebau. Die Zerstörung von Wäldern oder das Ausweiden gewachsener Kulturlandschaften lässt inzwischen niemanden kalt, erst recht, wenn die Fernsehkameras sie, wie nun im Hambacher Forst, aus unmittelbarer Nähe zu den Menschen übertragen. Ein Abbau unter Tage jedoch, fern aller Siedlungsgebiete oder gar im Ozean, bleibt meist unsichtbar.

In den Appalachen, einer Gebirgskette im Osten der Vereinigten Staaten, sprengt man Bergen die Gipfel ab, um an die darunterliegende Kohle zu kommen. „Top Mining“ heißt das dann. Foto: European Space Imaging

Auch die Narben der Förderung von Öl und Gas scheinen undramatisch im Vergleich zu den Heimsuchungen eines Tagebaus – und sind zuweilen doch immens. Rund um die westtexanische Stadt Andrews lassen sich jene kreisrunden Trichter erkennen, die für die Erdölförderung typisch sind. Die Förderanlagen erstrecken sich über Dutzende Quadratkilometer, man findet sie im Hinterland von Texas ebenso wie in der saudischen Wüste oder in der russischen Tundra. In der kasachischen Steppe, rund um den Fluss Emba, verzweigt sich ein dichtes Netz von Bohrlöchern, Pipelines und Straßen. Die Fördermenge hat sich dort in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Ein Großteil der Menge an Öl und Gas wird in die Europäische Union geliefert.

Öl und Gas sind noch immer die Basis der Weltwirtschaft. Ihre Bedeutung wuchs mit der Verbreitung des Verbrennungsmotors im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Zudem sind sie das Ausgangsmaterial für die Pharma-, Chemie- und Kunststoffindustrie. Da sich die Quellen mancherorts erschöpfen, sind die Fördermethoden in den vergangenen Jahren dreckiger und riskanter geworden. Ein Beispiel hierfür ist die Ölsandgewinnung im kanadischen Fort McMurray. Dort, im Nordosten der Provinz Alberta, sind Wälder gerodet und Flüsse vergiftet. Auf Hunderten von Quadratkilometern ist das Ökosystem des borealen Nadelwaldes zerstört. Trotzdem hängt die gesamte Welt am Öl wie ein Junkie am Stoff. Deshalb wird die Zerstörung in Alberta ebenso weitergehen wie die Förderung von Erdölvorkommen weit vor der Küste oder bald auch in der Arktis.

Auf der Halbinsel Ra's Tanura im Persischen Golf betreibt Saudi-Arabien den weltweit größten Verladehafen für Erdöl. Der Ölreichtum der Saudis ist nicht nur für das Klima ein Problem. Foto: European Space Imaging

Wenn, wie gerade in Kattowitz, über die Zukunft des Klimas und des ganzen Planeten verhandelt wird, dann sollte man nicht nur auf Emissionen und deren Einsparungen achten, sondern auf die Energiebilanz der Staaten. Die Bundesregierung ist sehr stolz auf ihre Energiewende, auch wenn sich die erhofften Emissionsreduktionen nicht eingestellt haben. Doch ein kleiner Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel ist der Beginn eines Umbaus der Energiewirtschaft schon. Etwa ein Drittel des Stroms wird hierzulande bereits von regenerativen Energien erzeugt. Aber es gibt einen blinden Fleck der deutschen Energiewende. Denn im Gegensatz zur Stromerzeugung hinken die Sektoren Wärme und Verkehr drastisch hinterher. Geheizt und gefahren wird in Deutschland weiterhin mit fossilen Energien. Der Anteil an den erneuerbaren beträgt 13 Prozent bei der Wärme, beim Verkehr sind es nur fünf Prozent. Insgesamt beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Bedarf lediglich 13 Prozent. Eine richtige Energiewende findet derzeit also lediglich im Stromsektor statt. Verkehr und Wärme hängen nach wie vor an Öl und Gas. Ein Wandel im Schneckentempo.

Vor allem der Verkehrssektor treibt den Klimaschützern den Schweiß auf die Stirn. In dieser Woche verkündeten gleich drei Fachmagazine einen erneuten Anstieg der globalen CO2-Emissionen. Das Jahr 2018 wird voraussichtlich einen neuen Rekordwert aufstellen. Eine Ursache des ungebremsten Ausstoßes von Treibhausgasen ist der ungezügelte Verbrauch fossiler Energie in Autos, Lastwagen, Schiffen und Flugzeugen. Die Mobilitätswende ist vorerst gescheitert.

Die Kupfermine von Chuquicamata ist ein tausend Meter tiefes Loch im Norden Chiles. Die Bewohner der Siedlung wurden inzwischen umgesiedelt, um Platz für den Abraum zu schaffen. Foto: European Space Imaging

Denn Elektroantriebe sind immer noch etwas für Exoten. Doch trotz der Umweltzerstörung beim Abbau von Rohstoffen ist ein Umstieg auf Elektroantriebe wohl die einzige Chance, sich vom fossilen Zeitalter zu verabschieden. Vor allem die Autobranche lebt von einer Erfindung aus dem vorletzten Jahrhundert. Wie schwer der Abschied vom Verbrennungsmotor den Autobauern fällt, lässt sich an der kriminellen Energie ablesen, mit der sie die Welt betrogen haben. Ein Fanal hierfür findet sich auf dem früheren Militärflughafen George Air Force Base in der kalifornischen Stadt Adelanto, mitten in der Mojave-Wüste. Das Gelände wird als Verkehrsknotenpunkt für Waren und Güter genutzt, zudem werden dort Flugzeuge gewartet, gelagert und demontiert. Seit 2015 jedoch wird ein großer Teil des Geländes als Parkplatz für Autos genutzt, die infolge des Diesel-Skandals nicht mehr verkauft werden dürfen.

Wenn die Verkehrswende aber gelingen soll, benötigen die Autobauer von morgen nicht nur jede Menge Lithium, sondern auch Kupfer. Das bunte Metall lässt sich leicht verhütten und verformen. Es ist eines der ersten Metalle, das von Menschen überhaupt verarbeitet wurde. Vor allem gibt es kaum einen besseren Leiter für Strom und Wärme. Eine Elektro- und Elektronikindustrie ohne Kupfer ist undenkbar, entsprechend entwickelt sich die globale Nachfrage. Der mit Abstand größte Produzent ist Chile. Die gewaltige Mine von Chuquicamata, ebenfalls in der Atacama-Wüste, war einst der größte Kupfertagebau der Welt. Sie liegt in 2850 Meter Höhe und wurde schon vor der Ankunft der Spanier genutzt. Davon zeugt der Fund einer als „Kupfermann“ bezeichneten Mumie in einem vor etwa 1500 Jahren eingestürzten Schacht. Rund drei Milliarden Tonnen Kupfererz sind in Chuquicamata bereits gefördert worden, mehr als tausend Meter tief reicht der Tagebau mittlerweile auf einer Gesamtlänge von 4300 Metern. Die ehemalige gleichnamige Bergbausiedlung im Süden wurde vor einigen Jahren komplett umgesiedelt, nachdem unter der Stadt ebenfalls Kupfer gefunden wurde. Seitdem ist sie eine Geisterstadt, die langsam unter den Abraummassen verschwindet.

Die Talsperren am Rio Xingu in Brasilien bilden von 2019 an das viertgrößte Wasserkraftwerk der Welt. Seine Turbinen liefern 11 Gigawatt, der Regenwald hat mal wieder das Nachsehen. Foto: European Space Imaging

Das Umsiedeln ganzer Siedlungen ist ein Phänomen, das nicht nur aus Chile oder dem deutschen Braunkohlerevier bekannt ist. Im schwedischen Kiruna wird derzeit die ganze Stadt um fünf Kilometer verschoben, weil die Standsicherheit infolge des Eisenerzabbaus nicht mehr gewährleistet ist. Bis 2033 soll die Umsiedlung abgeschlossen sein.

Im Gegensatz zu den Zwangsumsiedlungen beim Bau großer Stauseen ist die Umsiedlung in Schweden eine eher kleine Angelegenheit – und immerhin demokratisch legitimiert. In China hingegen ist der Fluss Jangtsekiang ohne die Zustimmung der Anwohner aufgestaut worden. Der Drei-Schluchten-Staudamm ist bis heute das größte Wasserkraftwerk der Erde, auf einer Länge von 600 Kilometern hat sich der drittlängste Fluss der Erde durch die berühmten drei Schluchten in einen See verwandelt. Ganze Städte gingen unter, unzählige Dörfer und archäologische Stätten. Etwa zwei Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, darunter vor allem Bauern. Alles ist gigantisch an diesem Bau, auch die ökologischen Folgen.

In der kasachischen Provinz Aqtöbe ist die Steppe durchsetzt von Bohrlöchern der Öl und Gasfelder. Die Förderleistung wurde hier in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Foto: European Space Imaging

In Brasilien ist die ansässige Bevölkerung beim Bau des Stausees in Belo Monte ebenfalls nicht gefragt worden. Derzeit ist die Talsperre im Urwald noch im Bau, nächstes Jahr soll das Flusskraftwerk am Rio Xingu fertiggestellt werden. Zehntausende Menschen werden davon betroffen sein. Zwar müssen nur vergleichsweise wenige Menschen umgesiedelt werden, aber die Talsperre könnte die Lebensgrundlage der Ureinwohner vernichten. Zudem geht mit dem Bau wertvoller Regenwald verloren. Wegen der großen Umweltfolgen werden solche Riesenkraftwerke in manchen Staaten der Welt nicht mehr gebaut.

Im Alpenraum stehen vergleichsweise kleine Talsperren, aber dafür gibt es Abertausende Wasserkraftwerke. Der starke Ausbau im vergangenen Jahrhundert hat dazu geführt, dass die Schweiz und Österreich den Hauptteil ihres Stroms aus Wasserkraft gewinnen können. Das Nutzungspotential ist weitgehend erschöpft, die Auswirkungen auf die Natur sind immens. Wasserkraft ist emissionsfrei, klimaverträglich und wird daher zu den regenerativen Energien gezählt. Die Schweizer zum Beispiel kommen dadurch bei den jährlichen Klimabilanzierungen besonders gut weg, dabei gehören die Eidgenossen zu den größten Klimasündern. Bei Flugreisen verbrauchen sie zum Beispiel die meisten Emissionen weltweit, noch vor den Amerikanern. Es fällt halt nur nicht auf.

Ein Torfabbaugebiet in Irland, wo heute noch jährlich 400.000 Tonnen davon zur Energiegewinnung verbrannt werden. Die Iren sollten besser ihren Whiskey damit torfen. Foto: European Space Imaging

Auch wenn sie offiziell Ökostrom liefern, sind Wasserkraftwerke keinesfalls ökologisch. Das ist das Dilemma, in dem die Energiewende steckt. Wenn man ehrlich zu den Menschen wäre, müsste man ihnen sagen, dass auch die Energiewende nicht ohne – und zum Teil massive – Umweltschäden zu haben ist. Dass die ökologische Wende niemals sauber sein wird. Dass der Übergang zu Wind, Wasser, Sonne und Biomasse neue Probleme verursacht und dass sich grüne Positionen häufig widersprechen.

Die Nachteile der Windkraft sind noch am ehesten bekannt. Die Anlagen liefern zwar sauberen Strom, gefährden aber Vögel und Fledermäuse. Zudem benötigen sie Seltenerdmetalle, die derzeit fast nur in China unter heiklen Bedingungen abgebaut werden. Ebenfalls dürfte sich herumgesprochen haben, dass die Verstromung von Biomasse massive Folgen für die Artenvielfalt hat. Monokulturen wie Mais ruinieren den Boden und gefährden das Grundwasser.

Wenn die Bauxitvorkommen bei Weipa im australischen Bundesstaat Queensland einmal ausgebeutet sein werden, sind 3800 Quadratkilometer Tropenlandschaft umgepflügt. Foto: European Space Imaging

Es gibt aber noch mehr Gründe, weshalb sich Klimaschützer und Ökologen nicht immer grün sind. Holz zum Beispiel gilt ebenfalls als klimaneutraler Stoff, als Bauträger in modernen Holzhäusern ist er für die Rettung des Klimas sogar sinnvoll. Als Brennstoff in Holzöfen hingegen weitaus weniger. Denn der natürliche Brennstoff aus dem Wald emittiert Ultrafeinstäube und andere gesundheitsgefährdende Schadstoffe. Rauchende Kamine verpesten mittlerweile ganze Stadtviertel, denn rund zwölf Millionen Deutsche wärmen sich gerne am Holzfeuer. Die Folgen werden bis heute allerdings kaum diskutiert, da die Klimabilanz im Wärmesektor ohnehin schon miserabel ist. Ohne Holz bliebe nur noch die Geothermie als letzte regenerative Energiequelle übrig. Mit Erdwärme allerdings heizt nicht einmal ein Prozent der Deutschen. Das alles zeigt: Man sollte kein Ideologe sein, wenn man sich eine sauberere, nachhaltiger bewirtschaftete Welt wünscht. Mit Pragmatismus kommt man meistens weiter.

Der Offshore-Windpark des „London Array“ vor der Mündung der Themse in die Nordsee besteht aus 175 Windgeneratoren mit 120 Meter großen Rotoren. Mit bis zu 650 Megawatt elektrischer Leistung liefern sie damit aber insgesamt nicht mehr als ein typisches Kohlekraftwerk. Foto: European Space Imaging

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Alle Fotos © eoVision 2018, Originaldaten: © European Space Imaging 2018

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 02.01.2019 09:39 Uhr