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Feuchtgebiet in Gefahr : Das Okavango-Delta am Scheideweg

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Die Hoffnung auf schnelles Geld gefährdet das kostbare Ökosystem am afrikanischen Okavango-Delta. Bild: Juliette Irmer

Natur- und Klimaschutz oder kurzfristige Gewinnaussichten? Ölbohrungen im südlichen Afrika gefährden die Wasserressourcen von Tausenden Menschen und Tieren.

          6 Min.

          Naturschützer im südlichen Afrika sind seit Monaten in Aufruhr: Im Januar hat das kanadische Ölunternehmen Reconnaissance Energy Africa (ReconAfrica) mit seiner Öl- und Gassuche im Nordosten Namibias begonnen. Mitte April gab das Unternehmen bekannt, dass die ersten Testbohrungen das Vorhandensein „eines funktionierenden Erdölsystems bestätigen“. Was Naturschützer und Wissenschaftler so besorgt: ReconAfrica hat in Namibia und Botswana ein riesiges Gebiet von knapp 35.000 Quadratkilometer Größe lizenziert, das direkt an den Okavango-Fluss grenzt. Der Fluss speist eines der größten Feuchtgebiete Afrikas: das Okavango-Delta. Das Feuchtgebiet, annähernd so groß wie Hessen, liegt mitten in der Kalahari-Wüste und bietet unzähligen, teils bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Aufgrund seiner herausragenden ökologischen Bedeutung wurde das Okavango-Delta 2014 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

          Die Bohrgebiete von ReconAfrica überschneiden sich außerdem mit dem Kavango-Zambezi-Projekt (KAZA), dem größten länderübergreifenden Naturschutzgebiet der Welt, das 520.000 Quadratkilometer in Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe umfasst. Die Förderbank KfW unterstützt im Auftrag der Bundesregierung das Projekt seit 2012 als Hauptfinanzierer mit gut 35 Millionen Euro. Ziel des riesigen Schutzgebietes ist es unter anderem, die natürlichen Wanderrouten der Elefanten wieder herzustellen, deren Dichte in der Okavango-Region so hoch ist wie nirgendwo sonst in Afrika. Das Projekt soll außerdem den Tourismus fördern, um die wirtschaftliche Entwicklung in den Regionen zu fördern.

          Bild: F.A.Z.

          Die Ziele von ReconAfrica kontrastieren stark mit diesen Bemühungen: Auf seiner Website zeigt sich das Unternehmen überzeugt, dass im Kavango-Becken, wie Geologen die Region nennen, „Milliarden Barrel Öl“ lagern. Der Geochemiker und ReconAfrica-Mitarbeiter Daniel Jarvie schätzt gar, dass das Becken ungeheure 120 Milliarden Barrel Öl liefern könnte, was es zu einem der größten globalen Ölfunde der letzten Jahrzehnte machen würde. Bei wirtschaftlichem Erfolg erhält ReconAfrica eine Produktionslizenz über 25 Jahre und plant dann, laut einer Investorenpräsentation von 2019, Hunderte von Bohrlöchern.

          Nur eine Lizenz zur Erkundung der Ressourcen

          „Das größte Problem sind die möglichen Auswirkungen der Öl- und Gasförderung auf die Wasserressourcen“, sagt Surina Esterhuyse, Geohydrologin an der University of the Free State in Südafrika. Namibia ist ein trockenes Land mit nur geringen und unregelmäßigen Regenfällen. Grundwasser liefert den größten Teil des Wassers, ein kleinerer Teil wird Flüssen wie dem Okavango entnommen. Die ersten Testbohrungen fanden in der Nähe des Omatako-Flusses statt, der mit dem Okavango-Fluss verbunden ist. „Grundwasserleiter in trockenen Gebieten können nicht mehr gereinigt werden, wenn sie einmal kontaminiert sind“, betont Esterhuyse. Für die dort lebenden 200.000 Menschen, die auf das Wasser zwingend angewiesen sind, wäre das verheerend. Im Falle einer Verschmutzung von Oberflächenwasser könnte zudem auch das Okavango-Delta betroffen sein.

          Der Okavango erstreckt sich auf eine Länge von 1700 Kilometer
          Der Okavango erstreckt sich auf eine Länge von 1700 Kilometer : Bild: Juliette Irmer

          Neben einer möglichen Wasserverschmutzung befürchten Naturschützer und Wissenschaftler auch einen massiv erhöhten Wasserverbrauch. Das wäre vor allem dann der Fall, wenn Öl und Gas durch hydraulische Frakturierung, kurz Fracking genannt, gefördert würde. Bei der umstrittenen Technik presst man Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in die Bohrlöcher, wodurch das Gestein zerbricht und das im Boden befindliche Erdöl und Erdgas frei werden. Die Umweltbelastung ist beim Fracking höher als bei der konventionellen Ölförderung: Die Fracking-Gemische können, wenn sie nicht fachgerecht entsorgt werden, Grund- und Oberflächenwasser kontaminieren. Außerdem können Erdbeben ausgelöst werden.

          Regelmäßige Verweise auf „unkonventionelles Öl und Gas“, also Öl- und Gasvorkommen, die sich nur durch Fracking erschließen lassen — dargestellt unter anderem in einem Forschungsbericht von Recon­Africa vom Juli 2020, der der F.A.Z. vorliegt —, sowie die Einstellung insbesondere von Nick Steinsberger, dem „Vater des modernen Fracking“, lassen Naturschützer vermuten, dass das Unternehmen die umstrittene Technik nicht ausschließt.

          Das Okavango-Delta ist ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.
          Das Okavango-Delta ist ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. : Bild: Juliette Irmer

          Claire Preece, Sprecherin von Recon­Africa, bestreitet den Einsatz dieser Technik in mehreren Medien: „ReconAfrica nutzt kein Fracking. Bei der konventionellen Öl- und Gasförderung werden vertikale Brunnen, kein Fracking und sehr wenig Wasser verwendet.“ Auf seiner Website stellt ReconAfrica klar, dass das Unternehmen bislang nur eine Lizenz zur Erkundung und Bestätigung der Ressourcen habe. „Wenn diese Explorationsphase eine ökologisch und wirtschaftlich tragfähige Reserve bestätigt, werden die namibischen Behörden bestimmen, ob und wie diese Ressource gewonnen wird.“ Sowohl die Verantwortlichen in Namibia als auch in Botswana sind besorgt über „irreführende“ Informationen über Fracking-Pläne, „da dies nicht Teil des genehmigten Explorationsprogramms ist“. In einer Presseerklärung hatte das namibische Ministerium für Minen und Energie erklärt, dass die geplanten Ölexplorationsaktivitäten das Okavango-Ökosystem in keiner Weise schädigen würden und in Nationalparks ausgeschlossen seien. Das KAZA-Naturschutzgebiet ist davon allerdings ausgenommen, da es nicht den gleichen Schutzstatus genießt.

          Den Geologen Jan Arkert, der sich seit September 2020 bei der Initiative SOUL (Saving Okavango’s Unique Life) engagiert, überzeugt das nicht: „Sollten brauchbare Öl- und Gasreserven nachgewiesen werden, wird Fracking erforderlich sein, um die fossilen Brennstoffe aus den Schieferformationen freizusetzen.“ Laut Arkert hat ReconAfrica alle Hinweise auf unkonventionelle Öl- und Gasvorkommen seit Oktober 2020 von seiner Website gelöscht.

          Viehzucht an den Ufern des Okavango
          Viehzucht an den Ufern des Okavango : Bild: Juliette Irmer

          Auch wird Kritik in der lokalen Presse laut, dass das Unternehmen seine Pflicht, die Öffentlichkeit über seine Pläne zu informieren, nicht ernst genommen hat. Mehrere Veranstaltungen seien kurzfristig abgesagt worden, Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet, Informationen häufig nur auf Englisch und nicht in der afrikanischen Landessprache vermittelt worden.

          Südafrika – Hotspot des Klimawandels

          Während Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe und Rainforest Rescue Zehntausende Unterschriften sammeln, heben ReconAfrica und die namibische Regierung, die über die staatliche Ölgesellschaft NAMCOR einen Anteil von zehn Prozent an ReconAfrica hält, die potentiellen wirtschaftlichen Vorteile einer großen Ölentdeckung hervor. Sie könnte Namibia, das bislang kein Öl fördert, Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Energieunabhängigkeit sichern.

          Eine Elefantenherde am Ufer des Okavango
          Eine Elefantenherde am Ufer des Okavango : Bild: Juliette Irmer

          Fakt ist: Die Menschen in der Region sind arm, und es gibt kaum Arbeitsplätze. Sie leben von ihren kargen Feldern, ihren Rindern und Ziegen, und sie leiden zunehmend unter dem Klimawandel: „Das südliche Afrika ist ein Hotspot des Klimawandels. Die Region hat sich in den letzten sechs Jahrzehnten drastisch erwärmt, mit einer Geschwindigkeit, die etwa doppelt so hoch ist wie die globale Erwärmungsrate“, erklärt François Engelbrecht vom Global Change Institute der University of the Witwatersrand in Südafrika, der am Weltklimabericht von 2018 beteiligt war.

          Engelbrecht bezweifelt nicht, dass sich durch eine pulsierende Ölindustrie Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen lassen könnten – zumindest für eine gewisse Zeit und einen gewissen Teil der Bevölkerung –, er verweist aber auf die Risiken und die Zukunft: „Es ist paradox, dass Namibia, eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder der Welt, über den Aufbau einer substanziellen Ölindustrie nachdenkt, die zum Prozess der globalen Erwärmung beitragen wird, der für Namibia (und Botswana) letztendlich verheerend sein kann“, so der Klimaforscher.

          Ölverseuchtes Niger-Delta als Mahnmal

          Wenn es der Welt nicht gelingt, das Pariser Übereinkommen über den Klimawandel aggressiv umzusetzen, und die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert drei Grad oder mehr über dem vorindustriellen Wert erreicht, könnten laut Weltklimabericht die Mais- und Viehwirtschaft und Wild- und Tourismusindustrien im südlichen Afrika kollabieren. „Das bedeutet, dass die heute in diesen Ländern bekannte Lebensweise und das kostbare Naturerbe verschwunden sein werden“, so Engelbrecht. Die Frage laute daher: Sollen Namibia und Botswana ihr kostbares Naturerbe sowie die nachhaltige und wirtschaftlich wertvollen Tourismusindustrie in der Region als Gegenleistung für die kurzfristigen Vorteile von Ölbohrungen riskieren? „Ich glaube nicht“, sagt Engelbrecht.

          Der Okavango fließt mit seinen Seitenarmen nicht zum Ozean, sondern mündet im Landesinneren von Botswana.
          Der Okavango fließt mit seinen Seitenarmen nicht zum Ozean, sondern mündet im Landesinneren von Botswana. : Bild: Juliette Irmer

          Sowohl in Namibia als auch Botswana ist der Tourismus ein überaus wichtiger Wirtschaftszweig. Eine mögliche Verschmutzung der Kavango-Region – das bis heute ölverseuchte Niger-Delta dient als unfreiwilliges Mahnmal – würde diesen Wirtschaftszweig und die dort lebenden Menschen empfindlich treffen. Selbst wenn die Umweltbelastungen durch die Ölbohrungen im besten Fall gering ausfallen, stellt sich die Frage der Kompatibilität mit dem Tourismus. ReconAfrica hat zwar No-Go-Pufferzonen zum Schutz der Umwelt und der Tierwelt eingerichtet — ein zehn Kilometer großer Abstand zum Okavango-Fluss und ein zwanzig Kilometer großer Abstand zum Okavango-Delta –, aber ob es Touristen, die für das Erlebnis der unberührten afrikanischen Wildnis stolze Preise bezahlen, in die Nähe eines Ölfeldes zieht?

          Der Okavango speist viele Binnenseen.
          Der Okavango speist viele Binnenseen. : Bild: Juliette Irmer

          Kritisch sind für die Beteiligten auch die klimapolitischen Folgen. Namibia und Botswana haben beide das Pariser Klimaschutzabkommen unterzeichnet. „Alle führenden Volkswirtschaften der Welt haben sich verpflichtet, um 2050 keine Nettoemissionen zu verursachen, und die Möglichkeiten für Namibia, vom Ölexport zu profitieren, dürften sich im Laufe der Zeit verringern“, sagt Engelbrecht. Ein Schlüsselelement ist dabei die Klimafinanzierung für Entwicklungsländer, die solchen Ländern finanzielle Unterstützung zusichert bei der Entwicklung erneuerbarer Energieformen. „Afrikanische Länder, die sich für die Entwicklung mit fossilen Brennstoffen entscheiden, könnten diesen Vorteil einbüßen“, sagt Engelbrecht.

          Wie attraktiv diese finanziellen Zuwendungen im Vergleich zu möglicherweise sprudelnde Ölquellen sind, steht auf einem anderen Blatt. Angola zumindest, das Nachbarland von Namibia und Botswana, das seit Jahren Öl fördert, hat im Februar das Verbot der Ölsuche in Schutzgebieten aufgehoben -—einschließlich des Okavango-Beckens.

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