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Kommentar zur Klimakatastrophe : Die Narben des Feuers

Die Feuerwehrleute waren teilweise machtlos gegenüber den Flammen. Bild: dpa

Es gibt eine neue, brandgefährliche Realität. Das haben die epischen Brände in Kalifornien schmerzlich belegt. Konsequenzen? Nichts – außer einem respektlosen Polittheater.

          Flammen sind nie bloß Flammen, so wie viele Gase in der Luft nie nur Gase sind. Wir hätten sie gerne harmlos, doch wer die Bilder und die Zerstörungskraft der Flammen in Kalifornien gesehen hat, wer sie auch nur von weitem auf Videoschnipseln oder durch Augenzeugenberichte wahrgenommen hat, der kann nachvollziehen, was Feuerökologen damit meinen, wenn sie von einer neuen Zeit und von einem veränderten Charakter des Feuers sprechen. Er ist schwer auf einen Begriff zu bringen. Jedenfalls hinterlässt er Narben, nicht nur in der Landschaft.

          In Nordkalifornien waren es Feuerstürme, die fußballfeldgroße Flächen von einer auf die nächste Sekunde in Asche legten, die Menschen mit brachialer Gewalt aus ihren Häusern jagten. Zeit zum Nachdenken gab es für viele nicht mehr. Das ist vielleicht der Kern dieser historischen Tragödie: Zeit, um nachzudenken, bleibt heute kaum mehr. Aus der Sorge vor Bränden, die tief in der Seele vieler Bewohner in feuergefährdeten Gegenden verwurzelt ist, wird eine akute Angst – die Angst, die von apokalyptischen Feuersbrünsten wie solchen in Kalifornien geschürt wird und die nun auch zur Dauerangst zu werden droht. Wann hat es das schon einmal gegeben, dass Landschaftsbrände mehr Todesopfer und auch annähernd so gewaltige Versicherungsschäden verursachen wie die katastrophalsten und deshalb „unvergesslichen“ Wirbelstürme? Nicht in moderner Zeit und auch nicht auf dem von Megastürmen jüngst schwer getroffenen amerikanischen Kontinent.

          Innenminister warnte vor „radikalen Umweltschützern“

          Nun also die Megabrände. Hilflos sahen viele der Brandbekämpfer aus, von denen es in Kalifornien inzwischen so viele gibt wie in keinem anderen Bundesstaat. Auch deshalb: ausgerechnet Kalifornien. Ökonomisch gehört der Bundesstaat für sich allein zu den stärkten Nationen der Welt; technologisch ist er einer der innovativsten und ökologisch nicht nur Ankündigungsweltmeister, sondern ausweislich der schärfsten Umweltgesetze und der tatkräftigsten Unternehmer mit Visionären gesegnet. Ein auch für amerikanische Verhältnisse riesiges und mächtiges Land, das darauf hinarbeitet, von 2045 an nur noch Ökostrom zu produzieren statt Energie aus klimaschädlichen Kraftwerken, und das schon deshalb einen radikalen Konfrontationskurs zur Regierung Trump fährt.

          Die verheerenden Flammen haben auch in Malibu gewütet.

          Der Präsident selbst und sein Innenminister Ryan Zinke haben in den Tagen des Feuers klargemacht, was man in Washington davon hält, die kalifornische Tragödie politisch seriös aufzuarbeiten. Nur wenige Sekunden nachdem er davor gewarnt hatte, mit den Fingern auf Schuldige zu zeigen, warnte Zinke vor „radikalen Umweltschützern“, die an allem schuld seien. Das war nur moralisch so fragwürdig wie die von Präsident Trump davor getwitterte Lüge, die Finnen würden nach Auskunft ihres Präsidenten solche Brandkatastrophen dadurch verhindern, dass sie ihre Wälder mit dem Laubrechen sauber hielten.

          Kalifornien als Schauplatz ist für Trump ein gefundenes Fressen

          Kalifornien hat in den schlimmsten Tagen seit Beginn der extremen Dürre und des Wassermangels vor Jahren erlebt, worin die umweltpolitische Meuterei mündet: in plumpen Anschuldigungen, die nur von Spuren flüchtiger Empathie verdeckt werden. Dass das in puncto Wahlen für Trump unerreichbare Kalifornien Schauplatz der größten Brandkatastrophe der Neuzeit wurde, ist für den Präsidenten ein gefundenes Fressen. Respektlos führte er den Vorzeigestaat im Westen auf Twitter vor, indem er ihm fehlerhaftes Feuermanagement vorwarf und die Forstverwaltungen zum Grundübel des kalifornischen Übels erklärte. Ein billiges Manöver, mit dem er die Vorliebe seiner Klientel zur Häme bediente. Dass Trump in der sachlichen Bewertung eindeutig falschlag, hat sich freilich schnell gezeigt.

          Für die Waldbrandvorbeugung der allermeisten Flächen sind nämlich auch in Kalifornien das Innen- und das Landwirtschaftsministerium in Washington zuständig. Und die fahren seit Jahrzehnten eine nach Maßgabe modernen Brandmanagements fatale Vorsorgestrategie: Die am stärksten gefährdeten Flächen werden nicht kontrolliert, mit beherrschbaren Kleinfeuern vom brennbaren Material am Boden befreit; vielmehr häuft sich der Zunder durch radikale Brandunterdrückung über Jahre an.

          Nirgends in Amerika ist es trockener und heißer

          Fehler wurden dennoch auch in Kalifornien selbst gemacht. Von den 16 Millionen Zugezogenen und Neubewohnern etwa, die sich seit den achtziger Jahren ihren Eigenheimtraum im „Golden State“ erfüllten, hat man die meisten an den Rändern der Städte und in Streusiedlungen bauen lassen, wo Busch- und Strauchland bis an die Häuser reichen – und wo die Brandgefahr rapide steigt, weil der Klimawandel die Bedingungen für eine immer längere und extremere Brandsaison schafft. Nirgendwo in Amerika trocknet die Erde seit Jahren so schnell aus wie hier, nirgends wird es heißer.

          Kalifornien ist in der Hinsicht ein Extrem, aber auch Pars pro Toto: Auf fast allen Kontinenten, auch in Europa, nimmt klimabedingt die Brandgefahr sukzessive zu. Seit dem vergangenen Dürresommer können auch wir kaum die Augen davor verschließen. Es ist, wie Kaliforniens scheidender Gouverneur feststellte: Es gibt eine neue brandgefährliche Realität.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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