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Naturverarmung : Augen auf und durch?

Wie lange sehen wir uns noch auf diesem Planeten? Bild: dpa

Ein Weltrat für die Natur und die biologische Vielfalt. Den gibt es, und er hat hart gearbeitet für die neuen Weltbiodiversitätsberichte. Grund genug zum Grübeln. Eine Glosse.

          3 Min.

          Die Natur muss gefühlt werden. Der das meinte, der Wissenschaftsfürst und legendäre Naturfühler Alexander von Humboldt, konnte in seiner von Digitalität noch ungetrübten Naturschwärmerei keine Ahnung, geschweige denn ein Wissen darüber haben, wie kalt die Natur viele Menschen irgendwann lassen würde. Und mit Natur meint der Biologe nicht die kultivierte Natur, nicht die vertikalen Gartenlandschaften in der Großstadt oder das „Guerrilla Gardening“, nicht die Grill-, Rosen- oder Schrebergärten. Nein, um die sinnliche Wahrnehmung von Wildnis geht es und darum, dass eine beunruhigende Mehrheit offenbar schon so weit damit abgeschlossen hat, dass selbst der Schmerz, den unser alles in allem martialischer Umgang mit Mutter Natur intuitiv auslösen sollte, verlorengeht. Die öffentliche Wahrnehmung des Weltbiodiversitätsrates, kurz IPBES, spricht da Bände. Zugegeben: Der Weltklimarat ist politisch von anderem Kaliber, aber wie bei diesem geht es bei jenem um nichts weniger als um die Rettung der Erde, wie wir sie kennen. Ignorieren also ist töricht. Trotzdem hört ihm keiner zu, seit Jahren. In diesem Rat haben fast sechshundert Forscher aus 127 Ländern drei Jahre lang gearbeitet, wohlgemerkt: ehrenamtlich! Tausende Stunden haben sie gelesen und diskutiert, viertausend Publikationen und Datenbanken durchforstet und am Ende daraus das bestmögliche objektive Wissen über den Naturzustand unseres Planeten in fünf Berichten aufgeschrieben. Und was bleibt davon? Notizen vom Untergang, mehr nicht. Der kalte Krieg gegen die Natur geht ungerührt weiter. Die ersten spärlichen Kommentare verebben in den politischen Hochmooren, die täglich neu von einem ameisenhaften Heer an Wichtigtuern bewässert – und inhaltlich verwässert – werden. Als wäre die Beschäftigung mit der Natur und ihrer Zerstörung selbst zur Zumutung geworden.

          Dem wollen wir uns keinesfalls anschließen und tun deshalb das, was an dieser Stelle zum Fühlen der Natur beigetragen werden kann. Hier also, ohne Rücksicht auf Gefühle und Interessen und auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eine Faktensammlung, die nachzutragen geboten (und eigentlich kaum noch zu verschmerzen) ist: Bis heute wurden mehr als 1,5 Milliarden Hektar natürliche Ökosysteme, ein Drittel der Erdoberfläche, in Acker oder Weideland umgewandelt. Weniger als 25 Prozent der Landoberfläche der Erde sind noch nicht durch menschliche Aktivitäten betroffen. Bis zur Jahrhundertmitte dürften es weniger als zehn Prozent sein. 87 Prozent der Feuchtgebiete weltweit sind verlorengegangen. Um das Jahr 1900 waren es 54 Prozent. Die Zerstörung der Böden mindert die Produktivität der Welt und damit das Wirtschaftswachstum jährlich um mindestens zehn Prozent. Die Aussterberate von Tier- und Pflanzenarten liegt im Schnitt um das Tausendfache über dem Wert, der in der Evolution üblich ist. Bei fast der Hälfte – 42 Prozent – der Tier- und Pflanzenarten in Europa hat man im vergangenen Jahrzehnt eine Abwärtsspirale bei den Populationsgrößen registriert. 60 Prozent der Amphibienpopulationen nehmen weiter ab, ein Viertel davon ist vom Aussterben bedroht, ebenso sind 71 Prozent der Fischpopulationen gefährdet. 37 Prozent der europäischen Süßwasserfischarten sind vom Aussterben bedroht. Pro Kopf haben Europäer im Schnitt 15 Prozent weniger Wasser als 1990 zur Verfügung. Überdurchschnittlich betroffen ist Südeuropa. 25 Prozent der Landwirtschaftsfläche in der EU sind von Erosion und der Verschlechterung der Bodenqualität betroffen. In Nordamerika sind zwischen 2000 und 2009 mindestens 15, regional bis zu 60 Prozent der Trockenlandökosysteme verlorengegangen. Seit der Besiedlung durch Europäer sind mehr als die Hälfte der Feuchtgebiete umgewandelt und als Ökosysteme zerstört worden. Mehr als die Hälfte der Korallenriffe schrumpft sei den siebziger Jahren. Süd- und Mittelamerika haben seit den sechziger Jahren bis zu 25 Prozent der Waldflächen eingebüßt, zwei Drittel der Trockenwälder wurden von der ersten Besiedlung an bis heute in Agrarflächen umgewandelt. Im Nordosten Brasiliens sind mehr als 2,5 Millionen Hektar Weideland und Monokulturen, 2003 waren es noch 1,2 Millionen Hektar. In Afrika leben heute noch 62 Prozent der Menschen direkt von einer intakten Natur und ihren ökosystemaren Dienstleistungen (Pflanzenbestäubung, Medizin, Rohstoffe u. a.). Bis 2050 wird den IPBES-Hochrechnungen zufolge die Kombination von Landdegradierung und Klimawandel die weltweiten Ernteerträge um durchschnittlich zehn Prozent, regional um bis zu 50 Prozent reduzieren.

          So weit, so schlecht. Jetzt wissen wir zwar nicht alles, aber immerhin mehr. Leider schützt Wissen vor Torheit nicht. Vermutlich wusste Humboldt das auch schon.

          Joachim Müller-Jung
          (jom), Feuilleton, Natur & Wissenschaft

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