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Evolution des Rothirschs : In den Fängen der letzten Eiszeit

  • -Aktualisiert am

Galten lange Zeit als vom Aussterben bedroht: Rotwildrudel in Brandenburg. Bild: ZB

Europa war während der letzten großen Kältephase alles andere als ein öder und lebensfeindlicher Kontinent. Zumindest der Rothirsch fand noch viele Refugien, in denen er den widrigen Klimabedingungen trotzen konnte. Eine Rekonstruktion.

          Europas Fauna ist vom Eiszeitalter geprägt: Eingeklemmt zwischen riesigen Gletschern im Norden und im Alpenraum, war Mitteleuropa während der Kaltzeiten ein Tummelplatz für Säugetiere wie Mammut, Wollnashorn und Rentier. Waldelefant, Merck’sches Nashorn und Auerochse mussten in südeuropäischen Refugien ausharren, bis sich das Klima nördlich der Alpen wieder zu ihren Gunsten geändert hatte. Weit im Westen konnte der Rothirsch (Cervus elaphus) wohl auch nördlich der Pyrenäen überleben. Das berichten João Queirós und Pelayo Acevedo von der Universidade do Porto in der Online-Zeitschrift „Plos One“. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Spanien und den Vereinigten Staaten nahmen sie die Evolution der Hirsche unter die Lupe. Bei mehr als neunhundert Tieren aus ganz Europa analysierten sie Abschnitte der DNA, die sich relativ rasch verändern.

          Der Rothirsch stammt ursprünglich aus Asien. Von dort hat sich eine Entwicklungslinie ostwärts bis nach Nordamerika ausgebreitet, eine andere ist nach Westen gewandert. Wo Hirsche in Europa von Natur aus eigentlich heimisch wären, sind sie heutzutage dennoch häufig nicht anzutreffen. Und das nicht nur deshalb, weil Menschen die Landschaft und damit auch den Lebensraum von Wildtieren gründlich umgekrempelt haben. Als Jagdbeute hochgeschätzt, wurden Rothirsche vielerorts stark dezimiert oder gar ausgerottet, anderenorts wiederum gehegt und gepflegt.

          Exemplare mit besonders imposantem Geweih wurden manchmal gezielt importiert, um den Genpool im Sinne der Jäger zu verbessern. Schließlich ist der knöcherne Kopfschmuck der Hirsche als Jagdtrophäe begehrt. Um die Evolution des Rothirschs trotz all dieser Einflüsse im Detail rekonstruieren zu können, studierten die Forscher um Queirós sowohl die Erbmoleküle des Zellkerns als auch die der Mitochondrien. Diese nur in der mütterlichen Linie vererbten Zellbestandteile dienen gewissermaßen als Kraftwerke, die Energie für den Stoffwechsel liefern.

          Rekonstruktion der klimatischen Verhältnisse in Europa

          Wie die molekulargenetischen Analysen ergaben, haben sich Europas Rothirsche wahrscheinlich erst während der eisigsten Phase der sogenannten „Saale-Kaltzeit“ (vor 190.000 bis 127.000 Jahren) in drei Gruppen aufgespalten: in eine östliche, eine westliche und eine mediterrane Population. Dass die anschließende Warmzeit wieder eine Vermischung erlaubt hat, bezeugt die DNA mit östlichen Merkmalen, die in fossilen Hirschknochen aus Spanien entdeckt wurde. Als die Gletscher in der darauffolgenden und letzten Kaltzeit (vor 27.000 bis 19.000 Jahren) auf ihre maximale Größe wuchsen, trennte sich zeitweilig wieder die westliche Population der Rothirsche von der östlichen. Spuren der einstigen Vermischung sind dadurch in Spanien offenbar ebenso verlorengegangen wie auf dem südlichen Balkan.

          Vom Balkan aus konnten sich die Hirsche nach dem Ende der Eiszeit wieder in Ost- und Mitteleuropa breitmachen. In Westeuropa spricht einiges dafür, dass die Rothirsche nicht bloß auf der Iberischen Halbinsel der letzten Kaltzeit getrotzt haben: Iberische Hirsche unterscheiden sich in ihrer Erbsubstanz deutlich von ihren Artgenossen nördlich der Pyrenäen. Außerdem entpuppt sich die genetische Vielfalt auf den Britischen Inseln als erstaunlich groß. Was nicht zu der Hypothese passt, dass der äußerste Nordwesten des derzeitigen Verbreitungsgebiets nach dem Ende der Eiszeit erst spät wieder besiedelt wurde.

          Eine Rekonstruktion der klimatischen Verhältnisse belegt zudem, dass Rothirsche vom südwestlichen Frankreich bis nach Irland auch dann noch ein günstiges Ambiente vorfanden, als die Gletscher der letzten Kaltzeit ihre maximale Ausdehnung erreicht hatten. Dass Hirsche selbst bei rauhem Klima notfalls ohne Wald zurechtkommen, zeigt die Population in den Schottischen Highlands. Nach Einschätzung von Joäo Queirós und seinen Kollegen dürfte es während der letzten Kaltzeit also auch nördlich der Pyrenäen noch geeignete Lebensräume gegeben haben. Genau zu lokalisieren sind diese mutmaßlichen Refugien allerdings nicht. Als ein Großteil ihres Areals zu frostig wurde, könnten sich die Rothirsche weiterhin in Südfrankreich getummelt haben, im Südwesten von Irland oder irgendwo dazwischen.

          Die Warmzeit tat den Tieren weniger gut

          Auch ist eine Region denkbar, die längst wieder im Atlantik versunken ist. Schließlich lag der Meeresspiegel zur fraglichen Zeit hundert Meter tiefer als heute. Während die im Westen verbreitete Art des Rothirschs nun wieder ein stattliches Verbreitungsgebiet bevölkert, ist der mediterranen Population das Ende der Eiszeit weniger gut bekommen. Die aus fossilen Knochen extrahierte Erbsubstanz lässt darauf schließen, dass diese Hirsche ursprünglich von der italienischen Halbinsel stammen.

          Im Westen, Osten oder Norden haben sie nirgends Spuren hinterlassen, sich aber nach Korsika, Sardinien und Nordafrika ausgebreitet. Von Warmzeiten haben die mediterranen Rothirsche nicht profitieren können, denn ihr Lebensraum schrumpfte jeweils drastisch, als das Klima wärmer und trockener wurde. Eifrige Jäger taten ein Übriges, um das edle Wild zu dezimieren. Vor einigen Jahrzehnten waren die Restbestände in Nordafrika und auf Sardinien vom Aussterben bedroht. Dank wirksamer Schutzprogramme gelten sie mittlerweile aber nicht mehr als akut gefährdet.

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