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Fast Fashion schadet dem Klima : Shopping ist schlimmer als Steakessen

Mehr als 60 Textilartikel kauft jeder Deutsche im Jahr - und wirft davon fast 40 im Laufe eines Jahres wieder weg. Bild: dpa

Die Modewelt rast, die Menschen kaufen mehr Klamotten denn je: Mehr als fünf Prozent der globalen Emissionen werden allein für neue Kleider verbraucht. Recycling hilft dagegen kaum, doch neue Materialien sind vielversprechend.

  • -Aktualisiert am
          7 Min.

          Wer einen SUV fährt, muss sich rechtfertigen. Wer eine Kreuzfahrt unternimmt, ohnehin. Und Fleisch verzehren kann man nur noch mit Gewissensbissen. Am unmoralischsten im Zeitalter der Klimakrise scheint aber das Fliegen zu sein. Wer ein Flugzeug betritt, begeht scheinbar die Ursünde der postmodernen Konsumgesellschaft. Da fliegt das schlechte Gewissen automatisch mit, Stichwort Flugscham.

          Eine der wirklich großen Klimasünden lauert allerdings woanders, dort, wo nur wenige Verbraucher welche vermuten dürften. Die Rede ist nicht vom Heizen, Essen, Stromverbrauch. Sondern vom Shoppen. Denn die Bekleidungs- und Textilindustrie verursacht mehr Emissionen als Fliegen und Schifffahrt zusammen, mehr als fünf Prozent der globalen Emissionen werden allein für neue Kleider verbraucht, Tendenz steigend.

          Wer braucht sechzig Textilartikel im Jahr?

          Und die Modeindustrie boomt: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Absatz an neuer Kleidung mehr als verdoppelt, mehr als hundert Milliarden neue Teile werden jedes Jahr produziert. Fast wöchentlich werfen die großen Anbieter neue Kollektionen auf den Markt, sie produzieren immer billiger und immer schneller, mehr, als man je tragen könnte. Die Welt befindet sich im Klamottenrausch. Fast Fashion nennen Experten dieses Geschäftsmodell, es wird betrieben von den großen Modeketten wie H&M und Zara, Letztere gehört zum spanischen Multikonzern Inditex. Fast Fashion kurbelt den Umsatz an, der Kunde schaut häufiger vorbei, weil sich das Sortiment ständig ändert – und greift zu.

          Das Phänomen begann vor etwa zwanzig Jahren. Heute shoppen die Deutschen wie verrückt, mehr als sechzig Artikel kauft jeder und jede pro Jahr, nur Briten und Amerikaner kaufen noch mehr. Das passt zum Trend, weltweit erhöht sich der Absatz von Kleidung. Ein Grund hierfür ist der zunehmend beliebte Online-Handel. Neue Blusen oder Jeans sind dort nur einen Klick entfernt – und der Umtausch meist kostenlos. Ein Ende dieses Geschäftsmodells ist jedenfalls nicht in Sicht. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar hoch, dass die Produktion schneller Mode in den nächsten Jahren weiter zunimmt. Im Vergleich zum Jahr 2000 soll sich der Ressourcenverbrauch der Modeindustrie bis zum Jahr 2050 verdreifachen, so die Schätzung in einem Editorial des Fachjournals „Nature Climate Change“ vom Januar 2018.

          Vierzig Prozent der Klamotten werden gar nicht getragen

          Doch der Rausch hat seinen Preis. Für Klima, Wasser, Böden und Näherinnen ist Fast Fashion eine Katastrophe; die ungebremste Produktion von Klamotten verschlingt Ressourcen, verschleißt Menschen, vergiftet ganze Ökosysteme und damit die Lebensgrundlage von Millionen. Hierzulande ist Kleidung hingegen längst entwertet, zu Spottpreisen erhält man heute Shirts oder Shorts. Die Billigmentalität hat Folgen: Was heute noch Trend ist, wird morgen weggeschmissen. Nach einem Jahr sind sechzig Prozent aller Kleidungsstücke bereits im Müll, rechnen die Autoren in „Nature Climate Change“ vor. Umgerechnet sind das ein Müllwagen voller Kleidung pro Sekunde, die auf der Deponie oder in der Müllverbrennungsanlage landen. Viele Klamotten werden zudem nur einmal getragen, wenn überhaupt. „Vierzig Prozent der produzierten Bekleidung wird überhaupt nicht verkauft und damit nicht genutzt“, sagt der Textilingenieur Kai Nebel von der FH Reutlingen, eine der ältesten und renommiertesten Hochschulen im deutschsprachigen Raum, die Textilien erforscht.

          Umso erstaunlicher ist es, wie die Branche ihre glänzende Reputation bis heute halten konnte – und mittlerweile ganz ungeniert ihr Image weiter aufpoliert, indem sie vorgeblich auf Nachhaltigkeit setzt. Wie es hinter der makellosen Fassade aussieht, konnte alle Welt im April 2013 sehen. Als in Bangladesch eine Textilfabrik einstürzte, starben 1135 Menschen, vor allem Näherinnen. Rana Plaza, wie das achtgeschossige Gebäude hieß, sollte zum Fanal werden. Die Modeindustrie versprach Besserung. An den miserablen Arbeitsbedingungen hat sich bis heute trotzdem nur wenig geändert. Meist ging alles weiter wie immer. Die Textilindustrie gehört weiterhin zu den dreckigsten Branchen überhaupt.

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