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Erwärmung der Arktis : Das letzte Eis schmilzt schneller

Jungrobbe auf einer Eisscholle vor der kanadischen Küste. Bild: dpa

Auch Alter und Masse schützen nicht vor dem Klimaschock: Das älteste und dickste Eis – das Walrossen und Eisbären als letzte Refugien dienen soll – schmilzt doppelt so schnell wie der Rest. Die Hitze am Pol ist nicht der einzige Grund.

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          Der Klimawandel geht in der Arktis besonders gründlich vor, hier steigt die Temperatur zwei- bis dreimal so schnell wie etwas südlicher. In zehn Jahren, so die aktuellen Erwärmungsvorhersagen, dürfte das Meer rund um den Nordpol im Sommer jeweils bis auf einen kleinen Rest eisfrei sein. Dieser kleine Rest, „das letzte Eis“ genannt, ist für viele Organismen gleichzeitig die letzte Hoffnung – nämlich für solche Tiere wie Eisbär, Walross, Narwal oder Ringelrobbe, die auf das Polareis zum Paaren, Gebären oder zur Jungenaufzucht existentiell angewiesen sind.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die meiste Zeit des Jahres ist dieses dicke, alte und auch im Sommer noch „überlebende“ Packeis bislang von jüngeren Eisschichten und von Schnee bedeckt. Mitte September, wenn die Eisausdehnung jeweils am Geringsten ist, war die Eisfläche dieses Jahr auf etwas über vier Millionen Quadratkilometer geschrumpft – der zweitniedrigste Wert seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen. Ein Viertel davon zählt man zum „letzten Eis“. 

          Wohin dieses Alteis übers Jahr im Polarmeer driftet und wie schnell es tatsächlich schmilzt, war mit den Satellitendaten allerdings nicht einfach zu ermitteln. Viel stärker lag der Fokus auf dem jüngeren Eis, das wegschmilzt und sich über den Winter jeweils neu bildet. Inzwischen weiß man über das Alteis allerdings deutlich mehr – und die neuen, im Journal „Geophysical Research Letters“ publizierten Befunde haben die an Hiobsbotschaften durchaus gewöhnten Arktisforscher vollends erschreckt. Denn das alte Eis schmilzt unter der Last der beschleunigten Erwärmung offenbar doppelt so schnell wie der Rest des Arktiseises: die Eisfläche schrumpft und die Dicke nimmt sukzessive ab.

          Möglich geworden ist die Auswertung durch Kent Moore und sein Team an der University of Toronto anhand eines Computermodells („Piomas“), das die verfügbaren Satellitendaten aus vier Jahrzehnten mit den aus Messdaten im Packeis gewonnenen Erkenntnisse über die gesamte Nordpolregion zusammenführt. Der Fokus lag dabei auf dem heute noch gut zweitausend Kilometer langen kalten Eisbogen, der sich im Westen vom Inselarchipel vor Kanada bis zur Nordküste Grönlands erstreckt. Dies, so sieht es aus, ist das Rückzugsgebiet des letzten Eises. Zumindest ist dort das auch noch im Sommer zurück bleibende Eis mindestens fünf Jahre und älter und dann auch noch um die vier Meter dick.

          Die Überlegung von Polarforschern in den vergangenen Jahren war, diese letzten Meereis-Refugien im Norden irgendwann als Schutzgebiet auszuweisen und quasi als Arche der Polarfauna möglichst von jedem menschlichen Zugriff freizuhalten. Allerdings ist auch dieses Packeisgebiet offenbar  keineswegs so stabil, wie man gehofft hatte.

          Die Schwankungen der Eisdicke sind viel größer als angenommen, was auch daran liegt, dass das Packeis viel mobiler ist und von Wind- und Meeresströmungen immer wieder innerhalb der Arktis verlagert und regelrecht in Kreisbewegungen verschoben wird. Das macht das alte Eis auch empfindlicher für die Temperaturanstiege: Von Jahr zu Jahr kann die Eisdicke um 1,2 Meter schwanken. Seit Ende der siebziger Jahre soll das älteste Eis statistisch gesehen anderthalb Meter im Schnitt verloren haben. Besonders im äußersten Osten, vor allem aber im Westen des Alteisvorkommens schwinden die Eismassen besonders schnell. Und je dünner das Packeis wird, hat Moores Gruppe beobachtet, desto schneller bewegt sich offenbar auch das Eis auf dem Wasser – was seinerseits die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass immer mehr von dem alten Eis in wärmere Gebiete driftet.

          Früher hat man geglaubt, die Gebiete mit dem dicken, alten Eis werden jedes Jahr neu mit frischem Eis gefüttert, heute lässt sich den Arktisforschern zufolge schließen: Auch das alte Eis wird von der enormen Erwärmung immer schneller ausgezehrt.

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