https://www.faz.net/-gwz-8gcap

Monokulturen : Das behagliche Schattendasein des Kakaobaums

  • -Aktualisiert am

Kakao-Ernte auf Sulawesi Bild: Reuters

Kakaobäume mögen keine pralle Sonne, deshalb sollten Monokulturen durch Plantagen mit schattenspendenden Bäumen ersetzt werden – wie Wissenschaftler der Universität Göttingen nun herausgefunden haben.

          3 Min.

          Kakaobäume, die ein Schattendasein führen, können ebenso gute Erträge liefern wie an einem Platz an der Sonne. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler von der Abteilung Ökologie und Ökosystemforschung der Universität Göttingen gekommen, als sie Kakaoplantagen auf der indonesischen Insel Sulawesi untersuchten. Zwei Drittel des Kakaos, den Indonesien produziert, wachsen auf dieser Insel – zum Großteil anstelle von Regenwald.

          Ursprünglich stammt der Kakaobaum (Theobroma cacao) aus den Regenwäldern des tropischen Amerikas. Selten mehr als zehn Meter hoch, wird er dort von zahlreichen Bäumen überragt. So ist es auch beim traditionellen Kakaoanbau: Das Kronendach des Waldes wird zwar aufgelichtet, aber viele Bäume werden stehen gelassen, um dem angepflanzten Kakao Schatten zu spenden. In Indonesien geht der Trend allerdings zunehmend dahin, den Kakaopflanzen nur wenige Jahre lang einen Sonnenschirm aus Blattwerk zu gönnen. Dann werden alle Schattenbäume gefällt, weil sich die Plantagenbesitzer von mehr Sonneneinstrahlung eine bessere Ernte versprechen. Auf Sulawesi, unweit des Lore-Lindu-Nationalparks, gibt es solche Monokulturen in unmittelbarer Nachbarschaft zu traditionellen Kakaoplantagen. Günstige Voraussetzungen für Yasmin Abou Rajab, Christoph Leuschner und Dietrich Hertel, um beide Anbaumethoden zu vergleichen.

          Doppelt so viel Biomasse beim traditionellen Kakaoanbau

          Gemeinsam mit Kollegen von der Tadulako University in Palu, Sulawesi, studierten die Göttinger Wissenschaftler die Produktivität der unterschiedlichen Pflanzungen nicht nur im Hinblick auf den Ertrag an Kakao. Sie untersuchten auch den Zuwachs an Biomasse. Wie die Forscher in der Online-Zeitschrift „Plos One“ berichten, entsteht beim traditionellen Kakaoanbau jährlich doppelt so viel Biomasse in Form von Holz, Rinde, Blättern und Wurzeln wie auf Plantagen ohne schattenspendende Bäume. Die gesamte Biomasse auf einer traditionell bewirtschafteten Fläche enthält fünfmal so viel Kohlenstoff, wie in den Kakaobäumen einer gleich großen Monokultur steckt.

          Die intakten Regenwälder auf Sulawesi speichern allerdings das Dreifache an Kohlenstoff wie Kakaopflanzungen mit Schattenbäumen. Eine entsprechend große Menge Kohlendioxid wird freigesetzt, wenn die Wälder zugunsten der Produktion von Palmöl, Kautschuk oder Kakao weichen müssen. Indonesien ist durch eifriges Roden von Regenwäldern mittlerweile zum drittgrößten Emittenten von Kohlendioxid aufgestiegen. Der mit der Rodung zwangsläufig verbundene Verlust an natürlichen Speichern für dieses klimawirksame Gas können auch die traditionellen Kakaoplantagen mit ihren verschiedenartigen Schattenbäumen nicht wettmachen. Im Vergleich zu Monokulturen schneiden sie mit ihren Speicherkapazitäten jedoch überraschend gut ab.

          Kakaofrüchte, reif für die Ernte

          Ob die Kakaoernte im Schatten ebenso üppig ausfällt wie auf Plantagen, wo außer Kakaobäumen nichts anderes wächst, hängt von etlichen Faktoren ab. Beispielsweise davon, welche Baumarten als Schattenspender dienen und wie viel Schatten sie insgesamt werfen. Kakaopflanzen haben die Fähigkeit, mit ziemlich wenig Sonnenlicht auszukommen. Bezeichnenderweise ist ihr Photosyntheseapparat bereits vollständig ausgelastet, wenn die Beleuchtung nur 25 Prozent des einfallenden Sonnenlichts entspricht. Eine höhere Lichtintensität können die Kakaoblätter nicht nutzen. Auf Dauer scheint ihnen Sonnenlicht sogar zu schaden. Wie die Untersuchungen der Forscher zeigen, lebt das Laub der Kakaobäume in der prallen Sonne nur halb so lange wie unter Schattenbäumen. Ein Baum muss sein Blattwerk deshalb doppelt so schnell ersetzen. Dass die Kakaoerträge in Monokulturen vorzeitig abnehmen, weist ebenfalls darauf hin, dass zu viel Licht kontraproduktiv sein kann: Ungeschützt der Sonne ausgesetzt, haben Kakaobäume bereits mit etwa 20 Jahren ihre beste Zeit hinter sich.

          Eine gute Ernte kein Garant für ein gutes Einkommen

          Manche Bäume machen sich auf den Kakaoplantagen aber nicht nur als Schattenspender nützlich. Ähnlich wie hierzulande Robinien und Erlen beherbergen sie spezielle Bakterien, die Stickstoff aus der Luft aufnehmen und im Boden anreichern. Dieser Dünger kommt dann auch den benachbarten Kakaobäumen zugute. Für einen üppigen Fruchtansatz ist ebenfalls gesorgt, denn die schattenspendenden Bäume ernähren verschiedene Insektenarten, die sich um die Bestäubung der Kakaoblüten kümmern. Außerdem lebt auf Plantagen, wo vielerlei Bäume wachsen, eine Vielzahl von Vögeln und Insekten, die mit vereinten Kräften diverse Schädlinge der Kakaobäume in Schach halten können. Das haben unter anderem Wissenschaftler der Abteilung Agrarökologie von der Universität Göttingen herausgefunden.

          Eine gute Ernte ist freilich keine Garantie für ein gutes Einkommen von Kakaobauern. Denn auf dem Weltmarkt sind die Preise für Kakaobohnen großen Schwankungen unterworfen. Vor allem Kleinbauern sind deshalb darauf angewiesen, dass ihre Plantagen auch andere gewinnbringende Produkte abwerfen, seien es Früchte, Holz oder Blätter, die als Futter fürs Vieh taugen. Und schließlich lassen sich Kakaoplantagen mit einem reichhaltigen Sortiment an Schattenbäumen nachhaltig bewirtschaften. Denn auch bei heftigen tropischen Regengüssen schützen Blätterdach und Wurzelwerk den Boden vor Erosion. Wo Kakao in Monokultur angebaut wird, kommt es eher zu so viel Bodenerosion, dass die Erträge unaufhaltsam sinken. Für die Plantagenbesitzer bleibt dann nur der Schritt, abermals Regenwald zu roden, um neue Plantagen anzulegen, und dadurch das Weltklima weiter zu schädigen.

          Weitere Themen

          Wo bitte geht es zum Alzheimer-Medikament?

          Demenz : Wo bitte geht es zum Alzheimer-Medikament?

          Die Suche nach einer Arznei gegen Alzheimer kommt kaum voran. Nach einer Welle von Misserfolgen sollten Alternativthesen endlich zum Zuge kommen, das hat auch eine große Konferenz jüngst gezeigt. Ein Gastkommentar.

          Das Geheimnis des Lichts Video-Seite öffnen

          Selbst Physiker rätseln : Das Geheimnis des Lichts

          Jedes Mal, wenn wir das Licht einschalten, entsteht eine Welt, die selbst für Physiker äußerst rätselhaft ist. Photonen haben mysteriöse Eigenschaften. Vielleicht liegt es daran, dass wir gerne Kerzen anzünden, wenn uns besinnlich zumute ist.

          Der Weg nach unten

          Netzrätsel : Der Weg nach unten

          Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: Erscrollen Sie sich die Tiefsee!

          Topmeldungen

          Die Ziele der EZB sind umstritten.

          Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

          Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.