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Brasiliens Regenwald-Drama : „Die Indigenen ziehen sich in entlegenste Winkel zurück“

  • -Aktualisiert am

Die indigene Hebamme Moy von den Mawe protestiert vor einer Klinik in Manaus, die Covid-19-Kranke in separaten Stationen behandelt. Bild: Reuters

Brände, Goldgräber und Corona-Pandemie bedrohen im Amazonasgebiet viele der bedrohten indigenen Völker. Ein prominenter Klimaforscher Brasiliens appelliert zum Schutz der „Wächter des Regenwaldes“ an die Menschlichkeit.

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          Brasiliens Covid-19-Katastrophe nimmt kein Ende. Fast eine Million Infektionen, Zehntausende registrierte Tote und nochmal so viele Ungezählte in Armenvierteln und in den Provinzen. Dramatisch spitzt sich auch die Situation der gut vierhundert Urvölkern zu, von denen vorher schon viele vom Aussterben bedroht waren. Sie sind die „Wächter des Regenwaldes“.  Auf dem jüngsten Klimagipfel waren die Indigenen von der Weltgemeinschaft  zum ersten Mal als entscheidender Faktor anerkannt  worden, damit der global lebenswichtige Amazonas-Regenwaldes  erhalten wird. Dazu nimmt Carlos Nobre Stellung, er ist leitender Klimawissenschaftler an der Universität von São Paulo in Brasilien, Mitglied der brasilianischen Akademie der Wissenschaften und ausländisches Mitglied der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Diesen Beitrag haben wir in der ursprünglichen Fassung (English Version)  hier verlinkt.

          Die Feuersaison im Amazonas-Regenwald wird nicht mit einer feierlichen politischen Rede eröffnet, und an ihrem Ende gibt es keine Paraden in den Städten und Siedlungen der Region. Doch jeder, der im Amazonasgebiet lebt, kennt den jährlichen Rhythmus der Brände. Wir haben erlebt, was 2019 passiert ist: Waldbrände und Entwaldung erreichten die höchsten Werte des Jahrzehnts. Und 2020 hat sich die Lage weiter verschlimmert.

          Brasilien war 2019 für mehr als ein Drittel aller Verluste tropischer Primärwälder weltweit verantwortlich. Wissenschaftler machen einen besonders beunruhigenden Trend aus, der in den meisten Presseberichten bisher leider untergegangen ist: Besonders in jenen Primärwäldern, die als indigene Territorien geschützt werden, hat die Entwaldung dramatisch zugenommen. Das geschah größtenteils durch organisierten illegalen Landraub.

          Die indigenen Bewohner des Amazonas sind in einer Zeit, in der Covid-19 in Brasilien wütet, von allen Seiten bedroht. Wissenschaftler haben kürzlich eine Untersuchung in 21 Städten des Amazonasgebiets durchgeführt, die zeigte, dass 3,7 Prozent der indigenen Bevölkerung mittlerweile Antikörper gegen das Coronavirus im Blut hatten, also eine Infektion durchlaufen haben. Bei den Weißen, die untersucht wurden, lag der Wert bei 0,6 Prozent.

          Einsatzkräfte der Umweltbehörde Ibama haben die Maschinen illegaler Minenbetreiber im Bundesstaat Para zerstört. Trotzdem suchen immer mehr Goldgräber ihr Glück im Wald.

          Rund 20.000 Bergleute befinden sich illegal in den Territorien der Yanomami. Die Yanomami haben Angst, dass durch den Kontakt mit den Eindringlingen noch mehr von ihnen mit dem Virus infiziert werden. Anführer indigener Organisationen in Brasilien fordern deshalb vehement, illegal arbeitende Bergarbeiter aus den Territorien auszuweisen, um die Gefahren durch das Coronavirus im nördlichen brasilianischen Amazonasgebiet wenigstens einzudämmen.

          Die Seuche aus der Außenwelt macht den Yanomami und anderen indigenen Völkern Brasiliens Angst. Sie haben sich als Reaktion auf das Virus und die illegalen Invasionen in die entlegensten Winkel ihrer Territorien zurückgezogen. Es ist noch gar nicht so lange her, da war es koloniale Strategie, indigene Gruppen mit Krankheitserregern für Masern und Pocken zu infizieren, um sie zu dezimieren und Kontrolle über ihr Land zu erhalten. Der laxe Umgang der gegenwärtigen brasilianischen Regierung mit der Corona-Krise hat Erinnerungen wachgerufen und tiefsitzende Ängste geweckt.

          Die indigenen Völker des Landes rufen deshalb verzweifelt um Hilfe. Bedroht sind aber nicht nur sie. Die Attacken auf die „Wächter des Regenwaldes“ und die fortschreitende Entwaldung des Amazonas sind eine Gefahr für uns alle. Seit Jahrhunderten schützen die indigenen Amazonasbewohner mit ihren ausgeprägten spirituellen und kulturellen Werten die Tropenwälder und ihre biologische Vielfalt. Ihre Lebensweise, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, kommt uns allen zugute – auch den Bewohnern einer modernen Welt, die eben nicht in einem Gleichgewicht mit der Umwelt leben.

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