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Ballspiel der Maya : Bolzen in der Unterwelt

Kickende Könige: Rechts kniet der Herrscher von Ik , um dem Fürsten von El Pajaral einen Ball von „12 Handspannen” zurückzuspielen Bild: Dallas Museum of Art, Justin Kerr

Der Ball musste durch einen Ring, Handspiel war verboten, und die Verlierer wurden nach dem Spiel hingerichtet: Vom Lieblingssport der Maya und anderer Völker des alten Mittelamerika wird heute allerlei erzählt. Was wissen wir darüber wirklich?

          Am besten sitzt immer die Prominenz. Seine Majestät Waxaklajuun Ubaah Kawiil – nach der Gestalt seiner Namensglyphe auch kurz „18 Kaninchen“ genannt – nahm daher wohl auf einer der beiden länglichen Plattformen über den Längsseiten des I-förmigen Spielfeldes Platz. Von dort hatte er den besten Blick auf die steinernen Schrägen beiderseits des Feldes, über welche die Spieler sich den Gummiball zuspielten. König „18 Kaninchen“, seit 695 n. Chr. Herrscher über Copán im heutigen Honduras, hatte diese Sportanlage im Januar 738 einweihen lassen. Es ist eine schönsten der klassischen Maya-Kultur.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber was für ein Spiel wurde dort gespielt? Darüber kursieren Vorstellungen wie jene, die unterlegene Mannschaft sei als Menschenopfer dargebracht worden oder, im Gegenteil, aber nicht minder exotisch, die Maya seien so kultiviert gewesen, dass sie Konflikte nicht militärisch, sondern auf dem Ballspielplatz ausgetragen hätten.

          Orte der politischen Inszenierung

          Tatsächlich wissen wir über das mittelamerikanische Ballspiel herzlich wenig. Sicher ist nur, dass es für die Maya mindestens so wichtig war wie für uns der Fußball. Unter den Ruinen praktisch jeder Maya-Stadt findet sich mindestens eine Anlage mit dem typischen I-Grundriss. Die Maya waren ballnärrisch – und nicht nur sie. Im gesamten Mittelamerika, von Nicaragua bis hinauf nach Arizona, sind über tausend Spielfelder aus vorspanischer Zeit bekannt. Daraus, aus bildlichen Darstellungen sowie aus der Tatsache, dass sich im Nordwesten Mexikos mit dem „Ulama“ eine Abart der aztekischen Variante bis heute gehalten hat, kann man schließen, dass das Ballspiel im alten Mittelamerika eine zentrale gesellschaftliche Institution gewesen sein muss.

          Copán im heutigen Honduras: König „18 Kaninchen” lässt im Januar 738 eine Sportanlage einweihen

          Die zentralen Spielstätten der um 200 n. Chr. einsetzenden klassischen Maya-Zeit waren dabei nicht zuletzt Orte der politischen Inszenierung der Staatselite sowie sakraler Feiern. Doch offenbar legten sich diese Funktionen erst im Nachhinein über etwas, das in den sozial weniger ausdifferenzierten Gemeinwesen präklassischer Zeit bereits ein Volkssport gewesen war. Darauf weisen Untersuchungen an frühen Ballspielanlagen in Nordwesten der Halbinsel Yukatán hin, mit denen David Anderson von der Tulane University in New Orleans Mitte April auf einer Fachtagung in St. Louis Aufsehen erregte. Von den 23 Spielfeldern aus der Zeit zwischen 1000 und 400 v. Chr., die Anderson untersuchte, gehörten 22 zu kleinen, dörflichen Gemeinwesen ohne große soziale Unterschiede.

          „Olmeken“ ist aztekisch und bedeutet „Gummi-Leute“

          Schon damals hatte das Ballspiel bereits eine lange Tradition. In El Manatí im mexikanischen Bundesstaat Veracruz kamen 1989 zwölf Gummibälle ans Licht, die laut Radiocarbon-Datierung zwischen 1600 und 1200 v. Chr. angefertigt wurden. Damals blühte dort gerade die olmekische Hochkultur auf, die früheste Mittelamerikas, und strahlte im Süden bereits bis zur Pazifikküste aus. Dort, bei Paso de la Amada im Bundesstaat Chiapas, stießen Archäologen 1998 auf die älteste bisher bekannte Ballspielanlage.

          Die Bezeichnung „Olmeken“ ist aztekisch und bedeutet „Gummi-Leute“. Tatsächlich war die Verarbeitung von Naturkautschuk zu elastischem Material (siehe „Der Gummiball wurde zweimal erfunden“) wohl eine olmekische Innovation. Sie steht am Anfang des mesoamerikanischen Ballsports und damit aller Ballspektakel bis hin zur aktuellen Fußball-WM. Zwar spielte man auch im europäischen Altertum gerne Ball, doch die dort verwendeten Lederbälle sprangen lange nicht hoch und schnell genug, als dass Turniere damit größere Zuschauerscharen zu fesseln vermocht hätten. Die Römer veranstalteten zu diesem Zweck bekanntlich lieber Gladiatorenkämpfe.

          Ausrüstung mit Hüftpanzern und Knieschützern

          Hart im Sinne hoher physischer Belastung und Verletzungsgefahr muss das Spiel mit den mehrere Kilo schweren Gummibällen indes auch gewesen sein. Das zeigt schon die auf Bildwerken überlieferte Ausrüstung der Spieler mit Hüftpanzern und Knieschützern als Minimalausstattung. „Über die Spielregeln wissen wir jedoch wenig, wenn nicht sogar überhaupt nichts“, sagt der Maya-Forscher Nicolai Grube von der Universität Bonn. „Bekannt ist, dass der Ball nur mit den Hüften, den Knien und den Armen gespielt werden durfte, vermutlich nicht mit den Händen.“

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