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Archäologie : Pharaonen im Eimer

Bild: F.A.Z.

Der Umsturz in Ägypten war nicht gut für die Altertümer. Doch das Antikenrecht der Mubarak-Jahre war es auch nicht. Immerhin gibt es Vorschläge, wie man die Missstände vielleicht beheben könnte.

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          Siebenunddreißig Stücke fehlen noch. Diese numerische Exaktheit wirkt irgendwie beruhigend. Sie verheißt Überblick und Kontrolle nach chaotischen Vorkommnissen. Denn 37 ist die Zahl der Ausstellungsstücke, die bis heute aus dem ägyptischen Museum in Kairo vermisst werden, nachdem in der Nacht zum 29. Januar, auf dem Höhepunkt der Massenproteste gegen das Mubarak-Regime, dort eingebrochen worden war.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was an dieser Zahl noch zuversichtlich stimmt, ist ihre bescheidene Größe. Das weltberühmte Museum beherbergt mehr als 120 000 Objekte, darunter Werke von ganz außerordentlichem historischen oder künstlerischen Wert, etwa die Goldmaske des Tutanchamun oder die Schminkpalette des Narmer, des ersten altägyptischen Königs. Aus diesem Schatz wurden in jener Januarnacht nach offiziellen Angaben lediglich rund 80 Stücke entwendet, von denen die Hälfte später wiederauftauchte, darunter auch die nebenstehend abgebildeten beiden Stücke: die kleine Kalkstein-Skulptur des Pharao Echnaton mit blauer Chepresh-Krone fand sich neben einem Mülleimer und die vergoldete Holzstatue des eine Harpune werfenden Tutanchamun in einer Tüte auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Station.

          War also vielleicht alles doch nicht so schlimm? Die Fernsehbilder, die Al-Dschazira am Tag nach dem Einbruch aus dem Museum in die Welt funkte, hatten die Freunde altägyptischer Kunst Ärgeres fürchten lassen. Und auch das Dementi mancher Horrorstory sorgte für Erleichterung - etwa der von der völligen Zerstörung des Grabs der Maya, der Amme Tutanchamuns, in Saqqara südlich von Kairo. Denn mehr noch als Nachrichten über jene Nacht im Museum hatten schwer zu verifizierende Meldungen über massive Plünderungen und Raubgrabungen in etlichen der vielen hundert archäologischen Stätten entlang des Nils Besorgnis erregt.

          Zahi Hawass

          Undurchsichtige Lage

          Stattdessen freuten sich die Beobachter über die Berichte von Menschenketten und Bürgerwehren, die sich landauf, landab Dieben und Plünderern in den Weg gestellt hätten. Das machte Hoffnung - nicht zuletzt darauf, dass die heutigen Ägypter das Erbe der Pharaonenzeit sehr wohl zu schätzen wüssten und auch in der Lage seien, selbst darauf aufzupassen.

          Doch was geschah wirklich? Und wie ist es jetzt um die Macht der Antikenbehörde bestellt, insbesondere um die ihres ebenso schillernden wie energischen Chefs Zahi Hawass, der im Verlauf der Ereignisse erst zum Minister befördert wurde, zurücktrat, abermals berufen, dann wegen Amtsmissbrauchs zu Zwangsarbeit verurteilt und wenig später wieder freigesprochen wurde? Und schließlich: Was ist oder wäre zu tun, um die ägyptischen Altertümer, von denen ein immenser Anteil noch der Ausgrabung und Erforschung harrt, besser zu schützen?

          Die erste dieser drei Fragen, die nach dem tatsächlichen Ausmaß der Schäden, ist auch vier Monate nach den Ereignissen nicht umfassend oder gar abschließend zu beantworten. In Verlautbarungen von Zahi Hawass oder in den Nachrichtenkanälen der Ägyptologen finden sich rund zwei Dutzend archäologische Stätten (siehe Karte), an denen es zu Raubgrabungen oder Einbrüchen in Magazine mit archäologischen Funden gekommen sein muss.

          Ausmaß und Natur der Übergriffe waren aber sehr verschieden. Die düstersten der wenig detailreichen Berichte kamen aus den Nekropolen Saqqara und Abusir südlich von Kairo sowie aus Abydos, dem uralten Heiligtum in Mittelägypten, wo auch die Könige der frühesten Dynastien bestattet wurden. Andere Stätten waren weit weniger betroffen. Cornelius von Pilgrim vom Schweizerischen Institut für Bauforschung und Altertumskunde in Kairo etwa gräbt in Assuan. "Dort haben während der Revolution die Grabungen unseres Instituts in der Innenstadt ohne Unterbrechung stattgefunden", sagt er. Der einzige Vorfall sei die mutwillige Beschädigung einer unfertig im Steinbruch liegenden Kolossalstatue Ramses II. gewesen. "Sie wurde aufgehackt, angeblich in dem Glauben, darin Gold zu finden", sagt von Pilgrim.

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