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Archäologie : Pharaonen im Eimer

Vorschlag zur Fundteilung

Spätestens an dieser Stelle hätte man mit Einsprüchen von Archäologen gerechnet, etwa dem, dass eine Entschädigung nach dem Wert des Fundes erst einmal eine Preisbildung und damit eine Marktpräsenz voraussetzt, die gerade bei jenen Stücken ganz inakzeptabel wäre, die von wissenschaftlicher Bedeutung sind oder deren Zugänglichkeit in einem öffentlichen Museum im allgemeinen Interesse ist. Allerdings hatte sich in London kein Archäologe bereitgefunden, auf dem Podium Platz zu nehmen. "Die akademische Archäologie ist sehr zurückhaltend, solche Dinge öffentlich zu diskutieren", sagt Keith Amery von der City University, dem Organisator des Abends. "Das liegt daran, dass sie auf Grabungsgenehmigungen der ägyptischen Regierung angewiesen sind."

Tatsächlich befanden sich aber Archäologen im Publikum, darunter auch ein Vertreter einer wichtigen einschlägigen Organisation, der aber weder seinen Namen noch den seines Arbeitgebers genannt wissen möchte. Auch er stimmte dem Podium grundsätzlich zu, insbesondere der Schlussfolgerung Megan Rowlands: "Retentionistische Gesetze funktionieren einfach nicht, um Raubgrabungen zu verhindern", sagte sie im Hinblick auf die erst 2010 verschärften ägyptischen Gesetze einerseits und die aktuelle Situation andererseits.

Stattdessen würde Rowland gerne einem Vorschlag breitere Diskussion wünschen, den der berühmte britische Archäologe Colin Renfrew schon vor Jahren vorbrachte: Man sollte zur Praxis der Fundteilung zurückkehren. "Wenn Ausgräber einen Teil der Funde behalten dürften - das müssen nicht 50 Prozent sein, es könnten auch nur 10 Prozent sein - dann würde das den Museen erlauben, zu sammeln", sagt sie. "Lizenzierten Händlern würde es erlauben, legal einen Markt zu beliefern, und im Idealfall würde keine archäologische Information verloren gehen."

Politischer Hintergrund

Das Problem dabei war aber den in London Anwesenden ebenso klar wie den Ägyptologen, die im Moment vor Ort mit den Folgen der politischen Ereignisse für ihre Arbeit zu kämpfen haben: Was im Interesse der ägyptischen Altertümer ist und im Interesse aller, die sie erforschen oder bestaunen wollen, das muss nicht im Interesse der ägyptischen Machthaber sein.

Auch Zahi Hawass dürfte seinen strammen Retentionismus kaum in erster Linie als Ägyptologe vertreten, sondern als jemand, der sich in einem autokratischen Regime seinen eigenen (seinerseits autokratischen) Freiraum erhalten musste. Das mag man kritisieren wie die Herrenmoden-Kollektion, der Hawass nun seinen Namen lieh, oder den merkwürdigen Umstand, dass er sein Ministeramt behalten hat, nachdem er von einem anderen Vorwurf freigesprochen wurde als von dem, für den er verurteilt worden war. Doch wenn bei den freien Wahlen in Ägypten im September doch nicht die Muslimbrüder gewinnen (wie Jonathan Tokeley düster prophezeit), sondern eine halbwegs funktionierende Demokratie entsteht, dann bekommt Zahi Hawass vielleicht eine Chance, mehr als Ägyptologe urteilen zu dürfen denn als Diener eines Regimes. Und dann könnte dem Erbe der Pharaonen am Ende noch etwas Besseres passieren, als dass irgendwo in einem Mülleimer 37 altägyptische Figürchen auftauchen.

Eine kurze Geschichte des ägyptischen Antikenrechts

1798 Mit Napoleons Expedition beginnt das Interesse an altägyptischer Kunst - aber noch nicht beim Staat. Reisende dürfen mit nach Hause nehmen, was und so viel sie wollen.

1835 Ein erstes Gesetz verbietet die unerlaubte Ausfuhr von Antiquitäten.

1880 Grabungen werden reglementiert. An- und Verkauf von Antiquitäten nur noch mit staatlicher Lizenz.

1891 Illegal ergrabene oder gehandelte Stücke werden Staatseigentum. Bei genehmigten Grabungen werden die Funde zwischen Staat und Ausgräbern aufgeteilt.

1912 Sämtliche ägyptischen Altertümer werden zum öffentlichen Eigentum erklärt, doch wird weiterhin Fundteilung praktiziert, und der lizenzierte Handel bleibt erlaubt.

1951 Die Strafen für Raubgrabungen werden verschärft. Nur noch Stücke, bei denen der Staat bereits eines von der gleichen Art besitzt, dürfen das Land verlassen.

1983 Alle Altertümer werden zu Regierungseigentum erklärt. Die Fundteilung wird abgeschafft. Der Handel wird stark beschränkt und soll mit der Zeit ganz unterbunden werden.

2010 Das Gesetz von 1983 wird verschärft: Strafen werden erhöht, für Hinweise, die zur Rückführung von Stücken nach Ägypten führen, werden Belohnungen ausgesetzt. Für einige Antiquitäten beansprucht die Regierung nun auch das geistige Eigentum. Von ihnen darf nur noch die Altertümerbehörde Reproduktionen im Maßstab 1:1 anfertigen.

UvR

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