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Archäologie : Pharaonen im Eimer

Müssen sie? Vor einiger Zeit lud das Department for Cultural Management der London City University aus Anlass der ägyptischen Krise zu einer Podiumsdiskussion ein, auf der es letztlich um genau diese Frage ging - und auf der die These vom Antiquitätenhandel als Feind Ägyptens und der Ägyptologen geradezu auf den Kopf gestellt wurde. Das Thema der Londoner Veranstaltung war eigentlich die Frage, wie England, ein Zentrum der Ägyptologie und zugleich der zweitgrößte Antiquitätenmarkt der Welt, mit dem Problem umgehen soll. Thematisiert wurden dann aber vor allem die ägyptischen Antikengesetze und deren Folgen.

Wie Megan Rowland von der Cambridge University in ihrem Eröffnungsvortrag referierte, hat die ägyptische Rechtsauffassung in den letzten Jahrzehnten einen immer strengeren "Retentionismus" vertreten (siehe Kasten). Das bedeutet: Alle antiken Funde gehören dem ägyptischen Staat und dürfen das Staatsgebiet niemals dauerhaft verlassen. Antiquitäten, so Rowland, seien in Ägypten eminent politisiert. Das zeigten nicht nur die Forderungen nach Rückgabe der Nofretete-Büste, sondern auch die Versuche von Zahi Hawass, das Ausmaß der Zerstörungen und Verluste nach dem Einbruch ins Kairoer Museum zunächst herunterzuspielen, während er zugleich nicht müde wurde, die Menschenketten und Bürgerwehren - die es allerdings tatsächlich gab - medial in den Vordergrund zu schieben.

Verdrängung in den Untergrund

Nach retentionistischer Rechtsauffassung sind Altertümer Nationaleigentum und kommen daher grundsätzlich nicht als Handelsware in Frage. Für James Ede, den nächsten Podiumsredner in London, ist diese Idee absurd. Das ist kein Wunder, denn Ede ist selbst Antiquitätenhändler und zudem Vorstandsmitglied der International Association of Dealers in Ancient Art. Aber Partei sein heißt nicht, keine Argumente zu haben. "Gesetze, die alles und jedes - ohne Ansehen von Seltenheit oder Wichtigkeit - daran hindern wollen, das Land zu verlassen, haben oft genau den gegenteiligen Effekt", sagt er. Die Nachfrage von Sammlern sei nun mal da, und Retentionismus zwinge die Anbieter in den Untergrund. "Auch eine intellektuelle Begründung gibt es für solche Gesetze nicht. Wenn jemand fordern würde, kein Stück georgianisches Silber dürfe England verlassen, den würde man ja auch auslachen." Ede plädiert daher für einen staatlich kontrollierten und lizenzierten Antikenhandel. "Das würde den Schwarzmarkt austrocknen - natürlich nicht völlig, denn es gibt immer Leute, die auch Diebesgut ankaufen. Aber die meisten Sammler wollen das nicht. Die wollen ihre Sachen herumzeigen können."

Noch etwas schärfer ging Jonathan Tokeley mit der ägyptischen Praxis ins Gericht. Tokeley, selbständiger Restaurator und intimer Kenner der ägyptischen Antikenbürokratie, ist allerdings eine schillernde Gestalt. In seinem Buch "Rescuing the Past" tritt er als entschiedener Kritiker der Idee auf, Staaten hätten ein natürliches Recht auf die Altertümer, die auf ihrem Gebiet gefunden werden. Andererseits saß Tokeley drei Jahre im Gefängnis, weil er Altertümer aus Ägypten herausgeschmuggelt hatte. Allerdings widersprach niemand im Saal seiner Analyse, wonach allein das ägyptische Antikenrecht schuld daran sei, dass in mindestens dreizehn Fällen ganze archäologische Stätten von den Bauern, die auf sie gestoßen waren, zerstört wurden. "Nehmen Sie einen Fellachen, der auf seinem Feld etwas findet", erläutert er. "Das Gesetz verlangt, dass er den Fund innerhalb vom 48 Stunden den Behörden meldet. Das Stück wird Staatseigentum, der Bauer hat nichts davon. Freilich, wenn der Fund wichtig ist, kann ihm ein Komitee theoretisch einen Finderlohn zusprechen, aber ich habe nie davon gehört, dass das passiert ist." Wenn der Bauer mehrere Stücke findet, wird es noch schlimmer, denn dann erklärt der Staat seinen Acker zum archäologischen Gebiet, entschädigt ihn aber nur für die Ackerfläche, nicht für die Funde darin. "Das Resultat: Wenn ein Bauer etwas findet und nicht mutig genug ist, es auf den Schwarzmarkt zu tragen und Denunziation seiner Nachbarn zu riskieren, wird er den Funde so schnell wie möglich im nächsten Kanal versenken."

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