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Archäologie : Pharaonen im Eimer

Grabungen als Hindernis

Von vager Schatzsucherei getriebener Vandalismus - das ist, nach Ansicht von Stephan Seidlmayer, dem Direktor der Kairoer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, eine von drei Kategorien, in die er die aktuellen Ereignisse einteilen würde. "In der kurzen Phase des Zusammenbruchs der Ordnungsstrukturen gab es eine Art brutale Neugierde lokaler Anwohner, die einmal wissen wollten, was in den verschlossenen Häusern und Magazinen eigentlich ist", sagt er. "Dadurch wurden Magazine aufgebrochen, mehr oder weniger durchwühlt und liegengelassen, ohne dass effektiv etwas weggekommen wäre. Es ist längst nicht so viel gestohlen worden, wie aufgebrochen und durchwühlt wurde." Seidlmayr gibt hier dem populären Bild der Archäologie zumindest eine Mitschuld. "Das ewige Geschwafel von Schätzen, das mit der Wirklichkeit archäologischer Forschung rein gar nichts zu tun hat, zeigt sich hier nicht nur als dumm, sondern auch als gefährlich."

Ein ernsteres Problem ist für Seidlmayr allerdings die zweite Kategorie. "Es gibt einen gewaltigen Landbedarf für Siedlungen oder Friedhöfe - und da ist die Archäologie im Weg." Als die staatliche Kontrolle nach dem 28. Januar vorübergehend wegfiel, ist es daher an etlichen Orten zu illegalen Bautätigkeiten gekommen. "Ich habe den Eindruck, dass hier die Normalität wiederhergestellt ist - allerdings ist das, was in dieser regellosen Zeit passiert ist, nicht wieder zurückgeführt", sagt er. "Hier habe ich große Sorgen, ob die ungeregelte Landnahme jemals wieder korrigiert wird."

Wie solche Landnahmen, so sind auch die Vorgänge der dritten Kategorie immer schon ein Problem gewesen, das sich während des Wegfalls polizeilicher Kontrolle nur drastisch verschärft hatte: Raubgrabungen und Diebstähle mit dem Ziel, die Beute an Sammler zu verkaufen. An mehreren der jetzt betroffenen Stätten, etwa Qantara oder Buto im Nildelta, seien in den letzten Jahren immer wieder Magazine aufgebrochen worden, sagt Cornelius von Pilgrim, auch mit Waffengewalt. "Berichte darüber wurden aber nur selten an die Presse gegeben. Auch die Raubgrabungen in der Altstadt in Assuan gehören seit jeher zur Tagesordnung." Profis waren während der jüngsten Wirren etwa beim Einbruch in die Magazine einer bedeutenden Ausgrabung im Nildelta am Werk. Nach Auskunft eines leitenden Archäologen, der ungenannt bleiben möchte, hatte es dort keinen Vandalismus gegeben, wohl aber Insiderkenntnisse. So seien dort vor allem Bronzewaffen gestohlen worden - und anderswo Amulette, die sich verkaufen lassen, ohne dass die Herkunft feststellbar ist.

Aus anderer Perspektive

Damit berührt die Diskussion der jüngsten Ereignisse ein heikles Thema: die Rolle des internationalen Antiquitätenhandels. Nach den Plünderungen des afghanischen Nationalmuseums in Kabul in den 1990er Jahren und des irakischen in Bagdad 2003 waren Stücke daraus im internationalen Handel aufgetaucht. Gleiches wird nun auch für Ägypten befürchtet. Die Non-Profit-Organisation "Saving Antiquities for Everyone" hatte nach den Ereignissen in Kairo sogar vorgeschlagen, den Handel mit altägyptischen Objekten komplett zu verbieten, bis die staatliche Ordnung am Nil ganz wiederhergestellt ist. Doch wenn Raubgrabungen im Grunde ein permanentes Problem sind, das durch die aktuellen Ereignisse lediglich besonders verschärft worden ist, dann läuft diese Logik darauf hinaus, dass ein Handel mit Antiquitäten generell das kulturelle Erbe eines Landes bedrohe, für dessen Altertümer eine Nachfrage besteht. Und weil die Gefährdung eines kulturellen Erbes auch dessen Erforschung schadet, müssten auch die Wissenschaftler grundsätzlich etwas gegen Händler haben.

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