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Archäologie : Einen Pferde- oder Rinderknochen für jede Schuhgröße

  • -Aktualisiert am

Kufen-Hightech aus der Vergangenheit Bild: AFP

Schlittschuhlaufen in der Bronzezeit: Kufen aus Eisen haben sich erst langsam durchgesetzt. Doch bis es soweit war, wurden die skurrilsten Modelle entworfen. Ein Blick auf die Geschichte der besonderen Fortbewegungsart.

          3 Min.

          Auf schmalen Kufen übers Eis zu gleiten war jahrhundertelang nicht nur ein populäres Wintervergnügen. Wer auf Schlittschuhen lief, konnte auch rascher und bequemer vorwärts kommen als zu Fuß. Wie sich diese gleitende Fortbewegungsart seit ihrer Erfindung entwickelt hat, haben jetzt zwei Forscher von der Manchester Metropolitan University erkundet. Federico Formenti und Alberto E. Minetti bauten dazu verschiedene Modelle nach und ließen diese in einer Eislaufhalle von professionellen Schlittschuhläufern testen. Wie archäologische Funde aus Skandinavien zeigen, schlitterte man dort bereits vor 3800 Jahren auf Knochen über das Eis (“The Journal of Experimental Biology“, Bd. 210, S. 1825).

          Auch in anderen Teilen von Nord-, Ost- und Mitteleuropa waren solch simple Schlittschuhe schon während der Bronzezeit bekannt. Passende Pferde oder Rinderknochen gab es für jede Schuhgröße. Vorne und hinten durchbohrt, ließen sie sich mit Lederriemen am Fuß befestigen. Doch gleichgültig, ob die Wahl auf den Mittelhand- oder den Mittelfußknochen fiel oder gar auf die Speiche eines Vorderbeins, es fehlten die schmalen Kufen, die für moderne Schlittschuhe typisch sind. Um zügig vom Fleck zu kommen, waren starke Arme gefragt: Mit einem langen Stab, der zwischen den Beinen auf das Eis gesetzt wurde, galt es sich kraftvoll abzustoßen, um ein paar Meter dahingleiten zu können.

          Eisenkufen aus den Niederlanden

          Verglichen mit einem Fußmarsch, kostete diese Art der Fortbewegung zwar etwa doppelt so viel Energie. Wer sich die knöchernen Schlittschuhe unter die Füße band, konnte sich jedoch ohne auszurutschen auf glattem Eis bewegen und dabei einen schwer beladenen Schlitten ziehen. Diese urtümliche Technik des Eislaufens funktioniert selbst dann noch, wenn ein paar Zentimeter Schnee gefallen sind, wie aktuelle Versuche zeigen. Das mag erklären, warum sie etwa auf Island und Gotland noch während des 18. Jahrhunderts in Gebrauch war, als Schlittschuhläufer anderenorts längst auf eisernen Kufen dahinglitten.

          Die ältesten Schlittschuhe mit Kufen aus Eisen stammen aus den Niederlanden. Ende des 13. Jahrhunderts angefertigt, bestanden sie aus einem Stück Holz, in dessen Unterseite ein spannenlanges Stück Eisen steckte. Verglichen mit heutigen Schlittschuhen, wirken sie reichlich klobig, und wenn die sechs Millimeter breiten Kufen übers Eis rutschen, ist die Reibung sogar größer als bei der knöchernen Version. Das neue Modell erlaubte jedoch erstmals, statt mit der Muskelkraft der Arme mit bloßer Beinarbeit vorwärts zu kommen. So ließen sich mit geringerer Anstrengung höhere Geschwindigkeiten erreichen.

          Im Team über das Eis gleiten

          Bis zum 18. Jahrhundert wurden Schlittschuhe weiterhin aus Holz und Eisen zusammengefügt. Die Modelle wurden allerdings bald leichter, die Kufen länger und schmaler. Dank geringerer Reibung konnte man mit ihnen weiter übers Eis gleiten. Dass Schlittschuhe in den Niederlanden zunehmend beliebter wurden, lag jedoch nicht allein am verbesserten Design der Schlittschuhe. Diese Art der Fortbewegung wurde auch von der Umgestaltung der Landschaft begünstigt. Während des 15. Jahrhunderts begannen die Bewohner der Niederlande, Wasser aus tief gelegenen Landstrichen mit Windmühlen abzupumpen.

          Um Sumpfgebiete zu entwässern und für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, entstand ein ausgedehntes Netz von Kanälen. Monatelang zugefroren, boten solche Wasserwege vor allem in den kalten Wintern der „Kleinen Eiszeit“ flinken Schlittschuhläufern freie Bahn. Dass in den Niederlanden oft ein frischer Wind weht, förderte den Teamgeist beim Schlittschuhlaufen. Zeitgenössische Gemälde zeigen nicht selten, wie sich mehrere Eisläufer an einem langen Stock festhalten. Nebeneinander aufgereiht, konnten sie dem Rückenwind eine größtmögliche Angriffsfläche bieten, hintereinander im Windschatten ihres Vordermanns Kräfte sparen.

          Den Fußgängern im Vorteil

          Dieser gemeinschaftliche Eislauf funktionierte freilich nur so lange, wie die Körperhaltung aufrecht blieb und das Tempo moderat. Da die Kufen moderner Schlittschuhe fest mit dem Schuh verbunden sind, lassen sich wesentlich höhere Geschwindigkeiten erzielen als mit den Modellen der frühen Neuzeit. Doch auch die Schlittschuhläufer vergangener Jahrhunderte waren gegenüber Fußgängern eindeutig im Vorteil.

          Und das nicht nur, weil sie auf glattem Untergrund flott und sicher vorankamen. Testläufe mit heutigen wie historischen Modellen zeigen auch, dass den Muskeln bei jeder Geschwindigkeit ausreichend Zeit bleibt, um effizient zu arbeiten. Da die Schritte länger werden, wenn die Schlittschuhe schneller übers Eis gleiten, erhöht sich die Frequenz der Schritte nur wenig.

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