https://www.faz.net/-gwz-olrc

Archäologie : Die subarktischen Jäger

Speere aus Wollnashorn-Hörnern Bild: V.V. Pitulko

Ein archäologischer Fund zeigt, daß Menschen die hohe Arktis schon doppelt so lange bewohnen wie bislang angenommen. Sie wanderten ganz bewußt in den hohen Norden, ausgerüstet mit Werkzeug, das sie von ihren Vorfahren hatten.

          Zu den größten archäologischen Überraschungen der vergangenen Jahre zählt ein Fund, den russische Forscher am Rande des sibirischen Flusses Yana jenseits des siebzigsten Breitengrades gemacht haben. Inmitten dieser schroffen arktischen Tundralandschaft haben sie aus den Hörnern von Wollnashörnern und Mammutzähnen gefertigte Speere gefunden und dazu 376 bearbeitete Steine, viele davon klar als Steinwerkzeuge erkennbar, gefunden - allesamt Zeugnisse aus einer Zeit, die man getrost als eine der ungemütlichsten der Menschheitsgeschichte bezeichnen darf.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie die Radiokarbondatierung ergeben hat, sind die Überreste etwa 30.000 Jahre alt. Ihre Benutzer nutzten sie demnach zum Höhepunkt der letzten Eiszeit, als ein großer Teil der Nordhemisphäre wie diese sibirische Region unter gewaltigen Eispanzern begraben war. Offenkundig, und das war die archäologische Sensation bewohnten die Menschen schon doppelt so lange die hohe Arktis, wie man bis dahin angenommen hatte. Mehr noch: Offenbar wanderten diese Steinzeitmenschen ganz bewußt in den hohen unwirtlichen Norden, ausgerüstet mit Werkzeug, das sie von ihren Vorfahren mitnahmen. Denn Nashörner, das gilt als ziemlich gesichert, waren in diesem Teil Sibiriens lange ausgestorben, als die Jäger mit ihren Hornspeeren auf die Jagd gingen.

          So warm wie selten zuvor

          Heute ist das Klima der hohen Arktis zwar immer noch rauh, aber die Vorzeichen sind dennoch anders. Es ist warm wie selten zuvor, und es wird scheinbar immer wärmer am Polarkreis. Für die Einwohner, die Jagdgesellschaften der Eskimos wie die agrarischen Kulturen etwa Grönlands, hat dies möglicherweise ähnlich dramatische Konsequenzen, wie sie die Übergänge von Eis- und Warmzeiten in früheren Epochen mit sich brachten. Das berichtete Igor Krupnik von der Smithsonian Institution in Washington DC auf dem Kongreß der „American Association for the Advancement of Science“ (AAAS) in Seattle. Er erforscht das Leben der Einwohner Alaskas, Kanadas und Sibiriens.

          Seit die Erwärmung des Klimas sich derart beschleunigt hat, seit einer Generation ungefähr, wächst nach seiner Erfahrung die Besorgnis der Eskimos über die sich rapide wandelnden Umweltbedingungen und Ressourcen derart, daß sich die junge Eskimogeneration mittlerweile aufgefordert fühlt, sich nicht nur selbst zu artikulieren, sondern auch selbst zu forschen. Auf diese Weise haben die Wissenschaftler einen besseren Zugang zu den Ureinwohnern bekommen. „Die Erde ist schneller heute“, klagte etwa eine Eskimofrau aus Kotzebue, und was sie meinte, war nicht die Beschleunigung des Klimawandels. Die Älteren hadern damit, und können, so Krupnik, ihre Erfahrungen nicht mehr an die Jüngeren weitergeben. „Sie müssen erkennen, daß ihre Erfahrungen nichts mehr wert sind.“ Eine Kultur am Scheideweg.

          Frühling kommt früher

          Heute kommt der Frühling in vielen arktischen Gegenden ein bis zwei Monate früher, das Eis bricht schneller auf, Frühjahr und Sommer dauern länger. Wie die Eskimos diesen Umbruch nutzen, ist nach Aussagen Krupniks derzeit nicht absehbar. Möglicherweise nutzen sie ihn ähnlich wie frühere Generationen in klimatischen Übergangszeiten, die sich neue Lebensräume suchten und auf Wanderung gingen. Über eine solche Wanderungswelle vor rund tausend Jahren berichtete in Seattle Krupniks Kollege William Fitzhugh. Damals dehnten die aus Alaska stammenden Eskimos ihr Verbreitungsgebiet innerhalb von wenigen Jahrzehnten bis nach Grönland aus, wo eine vorwiegend agrarische Gesellschaft existierte.

          Heute allerdings ist vieles anderes, nicht nur sind es die sozialen und technischen Voraussetzungen, sondern vor allem auch die klimatischen. Denn die aktuelle Erwärmung im Nordpolargebiet stellt alles bisher bekannte in den Schatten. Davon jedenfalls ist James Overland von der amerikanischen Nationalen Behörde für Atmosphärenforschung und Ozeanographie (NOAA) überzeugt. In Seattle machte er deutlich, daß es zwar schon früher wissenschaftlich nachgewiesene Wärmeperioden gegeben hat - jene in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Beispiel.

          Unübersehbare Spuren des Klimawandels

          Aber diese Erwärmung der Luft und der Meere war, wie man inzwischen weiß, ein regionales Phänomen, das auf die europäischen Regionen der Arktis beschränkt war. Damals hat der Zustrom von warmen Winden aus Süden in der Atlantikregion zu Buche geschlagen. Heutzutage hingegen handelt es sich augenscheinlich um ein Phänomen, das die gesamte Arktis umfaßt. Die Spuren dieses Klimawandels sind längst unüberseh- und unwiderlegbar, wie verschiedene Wissenschaftler auf der Konferenz deutlich machten. Der Salzgehalt des Meeres hat sich ebenso geändert wie die Meeres- und Luftströmungen des Arktischen Vortex, die Eisdicke verringerte sich spürbar ebenso wie die Ausdehnung des Meereises über das Jahr zurückgegangen ist. Folgen der Erwärmung und des vermehrten Zuflußes von Süßwasser aus dem Süden, die den gesamten arktischen Lebensraum in Kürze zu verändern drohen. Die Tundrafläche hat, wie Overland klarmachte, seit Anfang der fünfziger Jahre elf Prozent der Fläche verloren, der Permafrostboden taut in weiten Teilen Sibiriens zunehmend auf.

          Und dies alles hat nicht nur auf die Biologie dieser Region einschneidende Änderungen zur Folge - so hat man nach Auskunft von George Hunt von der University of California in Irvine vor sieben Jahren zum ersten mal überhaupt Planktonblüten mit sogenannten Coccolithophoren in der Beringsee beobachtet und eine regelrechte Quellenplage. Der Wandel dürfte auch an den Menschen, den Eskimos vor allen Dingen, kaum spurlos vorübergehen. „Wir sehen, daß sich ihr ehemals arktischer Lebensraum zunehmend und immer schneller in einen subarktischen Lebensraum verwandelt“, stellte Hunt fest. Und ob sich die alten Eskimokulturen so rasch an die neuen Verhältnisse anzupassen vermögen, ohne ihre Identität aufgeben zu müssen, werde sich erst noch erweisen müssen.

          Weitere Themen

          Die Arktis steht in Flammen

          Feuer im Polarkreis : Die Arktis steht in Flammen

          Die größten Brände, die unser Planet je gesehen hat – in einer der kältesten Regionen, die unserer Planet kennt. In der Arktis toben Feuer gewaltigen Ausmaßes. Doch die größte Gefahr schlummert unter der Erde.

          Erdschatten verdunkelt den Mond Video-Seite öffnen

          Partielle Mondfinsternis : Erdschatten verdunkelt den Mond

          Das Himmelsspektakel war von Europa und Afrika aus gut am Nachthimmel zu sehen, ein wolkenfreier Himmel vorausgesetzt. Wer das Ereignis verschlafen hat, muss sich wieder ein paar Jahre gedulden.

          Topmeldungen

          Made in Space : Eine Fabrik im Weltraum

          Die Vereinigten Staaten wollen zurück zum Mond. Dabei sollen private Unternehmen helfen. Ein Partner der Raumfahrtbehörde Nasa ist auf 3D-Druck im All spezialisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.