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Antarktis : Eisforschung auf Hydraulikstelzen

  • -Aktualisiert am

Das Geophysik an der Neumayer-Station trotzt dem Schneesturm Bild: Astrid Richter

An diesem Freitag beginnt in Bremerhaven die Fahrt der neuen deutschen Polarstation Neumayer III: Eine 21 Millionen Euro teure Fracht an Bord der dänischen „Naja Arctica“. Die Station wird zu einem Flaggschiff der deutschen Antarktisforschung.

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          Einfach wird das Löschen des Frachters gewiss nicht. Stahlplattformen und 250 Container werden auf eine 18 Meter hohe Eiskante gehoben. Die 3500 Tonnen werden dann über zwanzig Kilometer hinweg mit Eisschlitten zur Baustelle gebracht. Die neue deutsche Antarktisstation „Neumayer III“ soll deutschen Polarforschern und der Klimawissenschaft 25 bis 30 Jahre lang als Basis für Leben und Arbeit dienen.

          An diesem Freitag beginnt in Bremerhaven die erste Etappe der Fahrt auf dem eistauglichen dänischen Schiff „Naja Arctica“. Am 5. Dezember wird das Schiff in Kapstadt eine Pause einlegen auf seinem 16.100 Kilometer langen Weg in Richtung Südpol. Schon die Beladung mit der 21 Millionen Euro teuren Fracht dauerte eine Woche.

          Zur Stabilisierung Schnee drunter schippen

          Die Station ersetzt die 1992 auf dem Ekström-Schelfeis erbaute Eisstation Neumayer II, ebenfalls benannt nach dem Polarforscher Georg von Neumayer. Deren Röhrenkonstruktion versank immer tiefer im Eis - nach fünfzehn Jahren liegt sie schon zwölf Meter unter der Eisoberfläche.

          Die Schneemassen erdrücken langsam die einst elliptischen, nun platten Röhren. Bei der neuen Station, die 68 Meter lang, elf Meter hoch und 28 Meter breit ist, soll das durch 16 hydraulische Stelzen verhindert werden. Droht die Station im Schnee einzusinken, wird ein Bein gehoben und zur Stabilisierung Schnee drunter geschippt.

          Operationssaal und Sauna

          Der zweistöckige Wohntrakt mit 15 Schlafräumen, Labors, Büros, Aufenthaltsräumen, einem Operationssaal und einer Sauna für die bis zu 40 Forscher beginnt in sechs Metern Höhe - so können Wind und Schneetreiben drunter durch wehen. Anspruchsvoll war bei Entwurf und Bau vor allem die Isolierung gegen Kälte, Tauwasser und extremen Wind.

          Der Wind kann Geschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometer in der Stunde erreichen. Die Orkanböen in Norddeutschland, die gerade auf Helgoland Zerstörungen anrichteten, erreichten, zum Vergleich, 130 Kilometer in der Stunde.

          Nordwestdeutsche Expertise

          Der Bau zeigt die technische Fertigkeit nordwestdeutscher Firmen. Den Rohbau fertigte der bremische Anlagenbauer J. H. Kramer, die Innenisolierung die bremische Kaefer Isoliertechnik. Deren Logo ist, als das des Weltmarktführers bei Kälte- und Schallisolierungen, fast überall zu sehen, auf Großraumflugzeugen und Raumstationen, in Fußballarenen und Opernhäusern. Die Isolation soll dafür sorgen, dass trotz Schneeverwehungen und Kälte bis zu minus 50 Grad die Innentemperatur der Station nicht unter fünf Grad sinkt.

          Die Außenisolierung hat Teledoor gefertigt, ein mittelständisches Unternehmen aus dem niedersächsischen Melle. Es hatte in Windkanälen geprüft, dass die Stelzen und die auf dem Dach verankerten Antennen jeden Sturm überstehen. Mit Windkanälen kennt sich Teledoor aus: Der nächste Auftrag ist der Bau des größten Windkanals Chinas für eine Universität in Schanghai.

          Auf in bislang kaum zugängliche Gebiete

          Der Aufbau von Neumayer III wird sich über zwei antarktische Sommer hinziehen. Die Station wird im Februar 2009 in Betrieb gehen. Sie ist das Flaggschiff der deutschen Antarktisforschung neben dem Forschungsflugzeug „Polar 5“, das zur Zeit in Bremerhaven auf seinen Einsatz vorbereitet wird, und dem Forschungseisbrecher „Polarstern“. Die „Polarstern“ ist eines der wenigen Schiffe, die im Winter die Antarktis bereisen können.

          Auf ihrer letzten Fahrt mit 84.000 Seemeilen in 19 Monaten erforschten zahlreiche Wissenschaftler bislang kaum zugängliche Gebiete der westlichen und der östlichen Antarktis. Es ging vor allem um die Auswirkungen der Eisschmelze und des Klimawandels. Dabei entdeckten die Forscher ein vor 120 Millionen Jahren entstandenes kontinentales Fragment zwischen der Antarktis und Indien von einer bisher nicht vermuteten Größe.

          Getragen werden die Station, die „Polarstern“ und der Polar 5 vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut. Das 1980 gegründete Institut für Polar- und Meeresforschung wurde benannt nach dem Erfinder der Theorie der Kontinentalverschiebung, der 1930 im Eis von Grönland starb. Die 780 Mitarbeiter erforschen Klimawandel und Erdmagnetfelder, die Biologie des Meeres und die Erdgeschichte: Das älteste Eis, das sie bislang bei ihren Eisbohrungen fanden und untersuchten, ist 900.000 Jahre alt.

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