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Bewaldete Sahelzone : Der Traum von der großen grünen Mauer

Wo früher der Saharasand die Landschaft prägte, erobern Bäume immer mehr an Terrain zurück.
Wo früher der Saharasand die Landschaft prägte, erobern Bäume immer mehr an Terrain zurück. : Bild: Great Green Wall

Der vermehrte Regen warf die Frage auf, ob der Sahel durch den Klimawandel möglicherweise dauerhaft von feuchteren Bedingungen profitieren könnte. Wie Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung 2017 herausfanden, nimmt gemäß mancher Berechnungen bei einer Erhöhung der Oberflächentemperatur der Ozeane der Regen im Sahel ab einem gewissen Schwellenwert tatsächlich stark zu. Die meisten Modelle zeigen im Durchschnitt aber nur einen schwachen Trend zu etwas mehr Regen in der Sahelzone bei wärmeren Temperaturen. Ein anderer Faktor allerdings könnte – zumindest für einen gewissen Zeitraum – für eine grünere Sahelzone sorgen: Einige Klimamodelle zeigen, dass eine höhere CO₂-Konzentration in der Luft das Pflanzenwachstum womöglich anregt – vorausgesetzt allerdings, es steht gleichzeitig genug Wasser zur Verfügung.

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Kampf gegen die Wüstenbildung : Der grüne Wall von Afrika Bild: Jane Hahn/Redux/laif

Bislang scheint im Sahel vor allem widerstandsfähiges Gestrüpp vom Klimawandel zu profitieren. „Die Niederschlagsmuster in der Sahelzone haben sich verändert“, sagt Brandt. Es komme häufiger zu Starkregen, und die Niederschläge seien ungleichmäßiger verteilt. Fällt zu viel Regen in zu kurzer Zeit, kann die Vegetation das Wasser kaum verwerten. „Generell nehmen in Trockengebieten dürreresistente Büsche und Sträucher zu“, sagt Brandt. Teilweise seien so auch wertvolle Bäume durch Büsche verdrängt worden.

In den betroffenen Ländern wird deshalb aufgeforstet. Ein besonders ambitioniertes Projekt ist die „Great Green Wall“, eine 2007 von der Afrikanischen Union ins Leben gerufene Initiative. Dabei soll ein knapp achttausend Kilometer langer und fünfzehn Kilometer breiter Streifen aus Bäumen angepflanzt werden, einmal quer durch Afrika von Senegal im Westen bis Äthiopien im Osten. Als gigantische grüne Mauer sollen die Bäume der weiteren Ausdehnung der Sahara Einhalt gebieten. Außerdem sollen bis 2030 hundert Millionen Hektar karge Flächen wieder fruchtbar gemacht werden. So lautete zumindest der ursprüngliche Plan. Nach etwas mehr als einem Jahrzehnt zeigt sich: Es werden wohl eher Mauerabschnitte entstehen als eine durchgängige grüne Mauer. Das Projekt geht langsamer voran als erhofft, in manchen Staaten droht es ganz zu scheitern.

Die „Great Green Wall“ soll Zentralafrika vor dem Vorrücken der Sahara nach Süden bewahren.
Die „Great Green Wall“ soll Zentralafrika vor dem Vorrücken der Sahara nach Süden bewahren. : Bild: F.A.Z.-Karte lev. D.Goffner, H.Sinare, L.J. Gordon: The Great Green Wall for the Saha

Bislang sind rund fünfzehn Prozent der geplanten Flächen mit Bäumen bepflanzt worden. Große Fortschritte wurden in Äthiopien gemacht. Dort wurden laut Angaben der Vereinten Nationen fünfzehn Millionen Hektar Land wiederhergestellt. Auch in Nigeria wurden fünf Millionen Hektar wieder fruchtbar gemacht, und in Senegal wachsen mittlerweile 11,4 Millionen neu gepflanzte Bäume. Dazwischen aber behindern Terrorismus, Krieg und Korruption das Projekt. „Die Green Wall Initiative ist natürlich eine vernünftige Sache“, sagt Hannelore Kußerow. „Nur können Sie so ein Vorhaben in Kriegsgebieten nicht umsetzen.“

Kritiker werfen der grünen Mauer ohnehin seit Jahren vor, dass sie einen entscheidenden Faktor außer Acht lässt: Nicht allein die Sahara ist dafür verantwortlich, dass fruchtbarer Boden in der Sahelzone verschwindet. Auch unausgewogene Landnutzung ist in manchen Regionen ein Problem. Zu wenig thematisiert werden aus Kußerows Sicht die hohen Geburtenraten in einigen Sahel-Staaten. Das sei ein heikles Thema, aber man müsse sich – und den Partnern vor Ort – die Frage stellen, wie so viele Menschen zukünftig ernährt werden sollen. „Wenn Millionen von Menschen auf Holz angewiesen sind, um ihr Essen zu kochen, führt das zu hohen Abholzungsraten“, sagt Kußerow. Nach fast vierzig Jahren Forschungstätigkeit in der Region stimme sie diese Entwicklung wenig zuversichtlich.

Martin Brandt bewertet den Einfluss des Bevölkerungswachstums als weniger dramatisch. „Es gibt Gebiete, zum Beispiel im Niger, in denen der Druck auf die Böden und die Baumressourcen zu hoch wird“, sagt er. Häufig zieht es aber besonders die jungen Menschen vom Land weg in die Städte. Außerdem sei die ländliche Bevölkerung bereit, die Natur, von der sie abhänge, zu beschützen, so Brandt. Das zeige sich unter anderem daran, dass die Zahl der Bäume auf Feldern zunehme, weil Landwirte wieder vermehrt die traditionelle Agroforstwirtschaft praktizierten. Bei dieser Anbaupraxis bleiben Bäume auf den Feldern stehen, um den Boden vor Erosion und Austrocknung zu schützen. Die Blätter vieler Baumarten düngen zudem die Äcker. So profitieren die Landwirte von höheren Erträgen und zusätzlichen Einnahmen durch die Früchte der Bäume.

Am Ende zählt für die Sahelzone jeder Baum – ob als Teil der grünen Mauer gegen die Wüste oder als schützendes Blätterdach über dem Acker.

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