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Alpen : Wenn der Permafrost schmilzt, rutschen die Hänge

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Nichts hält mehr: Teile der Eiger Ostflanke brachen im Juli 2006 einfach ab Bild: AP

Achtung Steinschlag: In den Alpen vernichtet die Erwärmung des Klimas den Kitt, der brüchigem Gestein und steilen Hängen die nötige Stabilität verleiht. Deshalb wollen Forscher die Entwicklung des Permafrostes nun beständig überwachen.

          Permafrost wird nahezu ausschließlich mit den Böden in Sibirien, im hohen Norden Kanadas und Alaskas sowie in der Hochebene von Tibet in Verbindung gebracht. Aber auch in den Alpen gibt es noch zahlreiche Stellen, an denen Böden und Fels seit dem Ende der letzten Eiszeit auf Dauer gefroren sind. Selbst wenn nur ein Teil des Permafrostes in den Alpen durch fortschreitende globale Erwärmung auftaut, stehen erhebliche Gefahren ins Haus.

          So befürchten Fachleute eine Zunahme der Häufigkeit von Hangrutschungen und Bergstürzen; denn das Eis trägt erheblich zur Stabilisierung von Bergflanken und Steilhängen bei. Forschergruppen aus allen Alpenländern haben nun ein einheitliches Messnetz geschaffen, mit dessen Hilfe die thermische Entwicklung des Permafrostes in den Alpen kontinuierlich überwacht werden soll.

          Etwa ein Fünftel der Landmasse der Erde ist ständig gefroren. In der Antarktis und Grönland sorgen die Eiskappen für eine Dauerkühlung des Bodens. Auf der Nordhalbkugel der Erde ist zusätzlich eine Fläche von mehr als 23 Millionen Quadratkilometern zur Zeit tiefgekühlt, obwohl sie eisfrei ist. Zu solchem Permafrost kommt es, wenn die Lufttemperatur in einem Gebiet im Jahresmittel den Taupunkt nicht überschreitet. Sinkt die Durchschnittstemperatur unter minus sechs Grad, friert der Boden vollständig. Je länger die Kälte anhält, desto tiefer gefriert das Erdreich. In manchen Gegenden Sibiriens und Kanadas kann die Permafrostschicht bis zu 1,5 Kilometer dick sein.

          Ein Trend wird erst in zehn Jahren zu erkennen sein

          In den Alpen gleicht der Permafrost dagegen einem Flickenteppich, weil die Jahresmitteltemperatur nur an wenigen Stellen unterhalb des Gefrierpunktes liegt. Abgesehen von einigen wenigen Nordhängen tauen dort die oberen Schichten des noch aus der Eiszeit stammenden Permafrosts fast überall im Sommer auf. Der eigentliche Permafrost entzieht sich somit der direkten Beobachtung. Das ist einer der Gründe, warum bisher recht wenig über den Permafrost der Alpen bekannt ist. Dennoch sind an einigen Dutzend Stellen oberhalb von mindestens 2500 Metern Boden und Fels durch und durch gefroren. Die Permafrostschicht kann dabei durchaus einige hundert Meter tief reichen. Das ist aus einigen Überwachungsbohrungen in den Fels bekannt.

          In den italienischen Alpen gibt es 34 dieser zum Teil mehr als hundert Meter tiefen Bohrungen. Die einzige Überwachungsstelle dieser Art in Deutschland befindet sich auf der Zugspitze. Dort ist jener Stollen, der die Bergstation der Tiroler Seilbahn mit dem Schneeferner-Hotel verbindet, mit zahlreichen Sensoren bestückt, die die Temperatur der Stollenwände messen. Um ein genaueres Bild der Veränderungen der Tiefkühltemperatur im Inneren des Felses unterhalb der Zugspitze zu erhalten, ließen Forscher des Bayerischen Landesamtes für Umwelt vor einigen Jahren in 2940 Metern Höhe zwei Löcher mit elf Zentimeter Durchmesser bohren und bestückten sie mit Messsonden. Es wird aber noch etwa zehn Jahre dauern, bis so viele Messdaten vorliegen, dass sich ein Trend in der Temperatur des Felses von Deutschlands höchstem Berg feststellen lässt.

          Stabile Klettersteige werden plötzlich unpassierbar

          Selbst ein Auftauen des Permafrostes an nur einigen Stellen im Alpenraum ist mit erheblichen Gefahren verbunden. Das Eis wirkt nämlich als Kitt, der brüchigem Fels und steilen Hängen Stabilität verleiht. Die gegenwärtig größte Gefahr sehen Fachleute am Bliggferner in den Ötztaler Alpen. Vor etwa zwei Jahren begann der Hang unterhalb des kleinen Gletschers zu rutschen, zum Teil um bis zu zwanzig Zentimeter pro Tag. Nun wird befürchtet, dass es dort zu einer größeren Hangrutschung kommt, bei der innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Fels und Schutt in den Stausee des Speicherkraftwerkes im Kaunertal rutschen könnten. Das würde wiederum eine Flutwelle im See auslösen.

          Die zweifellos größte Katastrophe dieser Art hat sich im Oktober 1963 im Vajont-Tal in den italienischen Dolomiten ereignet. Nach dem Bau einer Staumauer stürzten damals 250 Millionen Kubikmeter Gestein in den Stausee. Der Erdrutsch erzeugte einen Tsunami, der über die Staumauer hinwegschoss und als Flutwelle den unterhalb gelegenen Ort Longarone fortriss. Mehr als 1900 Menschen kamen dabei ums Leben.

          Nicht alle Veränderungen im Permafrost müssen derart schlimme Folgen haben. Oft zeigt sich dessen Auftauen vielmehr in allmählich auftretenden Schäden. So werden stabile Klettersteige unpassierbar, und die Fundamente von Alpenvereinshütten beginnen zu rutschen. Außerdem führt tauender Permafrost dazu, dass tiefgründige Seilbahnpfeiler einen Teil ihrer Standfestigkeit einbüßen. Mit dem jetzt auf einer Tagung in Innsbruck vorgestellten Messnetz wollen die Forscher mit einheitlichen Verfahren die Entwicklung des Permafrostes im gesamten Alpenraum genauer untersuchen und damit helfen, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen.

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