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Umweltschutz an der Front : Fast so gefährlich wie Krieg

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Regenwald in Brasilien wird für die Landwirtschaft gerodet. Bild: Reuters

Immer mehr Menschen werden bei ihrem Kampf für den Umweltschutz ermordet. Das belegen sowohl eine detaillierte wissenschaftliche Studie, als auch neueste Zahlen.

          Umweltschützer auf der ganzen Welt leben gefährlicher denn je. Aktivisten, Anwälte, Journalisten und vor allem indigene Menschen riskieren täglich ihr Leben, wenn sie Land und Natur gegen Ausbeutung verteidigen. Wissenschaftler der University of Queensland analysierten unter anderem Daten der Nichtregierungsorganisation „Global Witness“, die seit 1993 Verbindungen zwischen natürlichen Ressourcen, Konflikten und Korruption erfasst. In der Zeitschrift „Nature Sustainability“ berichten die Autoren der Studie um Nathalie Butt, dass zwischen den Jahren 2002 und 2017 mehr als 1500 Menschen bei dem Versuch, die Umwelt zu schützen, starben. Diese Zahl ist fast halb so groß wie die der gefallenen amerikanischen Soldaten im Irak und Afghanistan in dieser Zeit.

          Die Konflikte entstehen meist um natürliche Ressourcen wie Öl, Mineralien, Holz und Wasser. Auch Wälder, die für die Landwirtschaft gerodet werden sollen, sind umkämpft. Oft fördern Unternehmen illegal Rohstoffe oder erwerben von korrupten Regierungen Lizenzen, ohne dass die Einwohner der Gebiete miteinbezogen werden. Die Wissenschaftler machen dabei einen schwachen Rechtsstaat als Hauptfaktor für Gewalt aus: Wenn die Justiz von Korruption und Willkür durchzogen ist, Gesetze kaum durchgesetzt werden und Täter ohne Strafe davonkommen können, wird es besonders gefährlich für Umweltaktivisten. Indigene Völker sind dabei mit Abstand am meisten von Gewalt betroffen. Auf den Philippinen wurden zwischen 2015 und 2017 mindestens 36 indigene Menschen getötet, während sie ihr Land zu verteidigen versuchten. Im ersten Jahr von Rodrigo Dutertes Amtszeit als Präsident stieg die Mordrate an Aktivisten um dramatische 71 Prozent.

          Die Mörder laufen frei herum, während Aktivisten verhaftet werden

          Weltweit nur jeder Zehnte Mord wird letztendlich vor Gericht verurteilt – das liegt weit unter dem Durchschnitt aller Mordfälle von gut 40 Prozent. Die Dunkelziffer vertuschter Morde dürfte nach Aussage der Wissenschaftler noch deutlich höher liegen. Oft sind die gefährlichsten Länder auch diejenigen, in denen nicht jeder Mord erfasst und die Berichterstattung unterdrückt wird. Dabei kann es durchaus passieren, dass der Staat selbst brutal gegen Aktivisten vorgeht. „In Pau D’Arco in Brasilien wurden zum Beispiel im Mai 2017 zehn Aktivisten von der Polizei getötet“, berichtet Nathalie Butt. Aber auch in Großbritannien wurden im September 2018 drei Aktivisten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, als sie gewaltlos gegen Fracking, das Herauslösen von Erdöl und -gas aus Gesteinsschichten, demonstrierten.

          Verwandte besuchen 2017 die Beerdigung der zehn in Pau D’Arco ermordeten Aktivisten

          Die Wissenschaftler betonen, dass Mord nur die Spitze des Eisbergs sei – viele Umweltschützer säßen in Gefängnissen oder würden teils massiv bedroht und eingeschüchtert. Alice Harrison von „Global Witness“: „Es ist brutale Ironie, dass die Mörder der Umweltschützer oft frei herumlaufen, die Aktivisten aber selbst als Terroristen, Spione oder gefährliche Straftäter verurteilt werden.“

          Der Klimawandel könnte die Situation noch weiter verschärfen

          „Global Witness“ veröffentlichte vor wenigen Tagen den neuesten Bericht für das vergangene Jahr. Allein im Jahr 2018 starben demnach 164 Menschen bei der Verteidigung von Land und Natur, die meisten davon auf den Philippinen: dort wurden 30 Menschen ermordet. Das Land löst damit Brasilien als Anführer der Liste ab. Nach wie vor werden für den Abbau von Mineralien und die Landwirtschaft weltweit am meisten Aktivisten getötet. Aber auch der Kampf um die Lebensgrundlage Wasser wird immer brutaler: Im letzten Jahr starben dabei 17 Aktivisten, ein Jahr zuvor waren es nur vier. Der Klimawandel könnte in Zukunft durch Dürren, Überschwemmungen und Vernichtung von Ernten die Gewalt weiter anfachen.

          Die Wissenschaftler bezeichnen die Konsumenten im globalen Markt als mitverantwortlich für die herrschende Gewalt: „Unternehmen, Investoren und nationale Regierungen an beiden Enden der Gewaltkette müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, so Nathalie Butt. Nicht nur auf den Philippinen wird unter der äußerst umstrittenen Regierung Dutertes das Umfeld für Aktivisten immer gefährlicher. Der neu gewählte Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, versprach schon im Wahlkampf, Umweltschutz und Waffengesetze zu lockern. Währenddessen rief Donald Trump seine „Energy Dominance“ Agenda aus, nach der wieder vermehrt fossile Brennstoffe in den Vereinigten Staaten gefördert werden sollen – auch in den Gebieten der indigenen Bevölkerung.

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