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Ab in die Botanik : Eukalyptische Feuersbrunst

Gefährliche Eukalyptusbäume: Ihr ätherisches Öl kann wie ein Brandbeschleuniger wirken; die Rinde blättert und lässt Funken leicht überspringen. Bild: Charlotte Wagner

In Australien brennen die Wälder. Das wird durch anhaltende Trockenheit, Wind und hohe Temperaturen begünstigt - und durch die besonderen Eigenschaften der Eukalyptusbäume.

          2 Min.

           

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ob ein Hauch „Cryptone“ in der Luft liegt, vermag ich nicht zu sagen. Die Zweige in meiner Vase haben keine Blüten – und ich nur eine vage Ahnung, welcher Eucalyptus das sein könnte. Vermutlich sind es Jugendblätter von E. globulus, dem Blauen und in Europa mittlerweile häufig anzutreffenden Exoten. Jede der an die 600 Arten hat ein spezifisches Bouquet, das mal mehr, mal weniger befreiend durch die Nase zieht und angenehm nach Erkältungsbalsam riecht, oder eher streng nach ungezogenem Kater.

          Gefährliche Eukalyptusbäume: Ihr ätherisches Öl kann wie ein Brandbeschleuniger wirken; die Rinde blättert und lässt Funken leicht überspringen.
          Gefährliche Eukalyptusbäume: Ihr ätherisches Öl kann wie ein Brandbeschleuniger wirken; die Rinde blättert und lässt Funken leicht überspringen. : Bild: Charlotte Wagner

          Der Duft von E. odorata wäre jedenfalls neben α-Pinen, 1,8-Cineol, Limonen, Spathulenol, Carvacrol, Cuminal, p-Cymol (auch fürs Bohnenkrautaroma wichtig) und etlichen weiteren Bestandteilen des Öls durch eine höhere Konzentration C₉H₁₄O geprägt, was in deutschen Chemiebüchern als Sabinenketon bezeichnet wird und im Englischen als Cryptone. Deshalb formte sich in meiner Phantasie die Comic-Idee, dass dadurch ein Trupp Superhelden alarmiert würde: Die in Australien lodernden Buschfeuer wären schnell gelöscht. Die Realität sieht anders aus. Seit August wütet die Feuersbrunst im australischen Osten, mehrere Millionen Hektar sind niedergebrannt, Hunderte Häuser und ganze Ortschaften zerstört; bis zum 7. Januar 2020 starben mindestens 24 Menschen, Dutzende weitere wurden verletzt, Tausende mussten evakuiert werden. Zur ungewöhnlich lang anhaltenden Trockenheit gesellten sich hohe Temperaturen und starke Winde: Down under sehnt man sich nach Regen. Das wenige bisher brachte nur kurz Entspannung.

          Koalas und die Feuerpflanzen

          Dabei ist die Vegetation auf dem fünften Kontinent fürs Feuer gemacht. Die dort heimischen Gewächse sind evolutionär daran angepasst, haben verschiedene Strategien entwickelt, um einem Buschfeuer entweder widerstehen zu können. Oder anschließend schnell wieder zu ergrünen. Eine dicke Borke kann helfen, was sich auch Korkeichen zu eigen gemacht haben, es gibt spezielle Schutzhüllen oder eben die Möglichkeit, entlang des Stammes neu auszutreiben, was alle Eukalypten vermögen. Diese bilden oft noch Verdickungen an der Baumbasis, von Botanikern Lignotuber genannt, mit „schlafenden Knospen“, die nach einem Brand zum Leben erwachen. Und Samenkapseln werden durch die Hitze regelrecht aufgesprengt, sind also darauf angewiesen; die Keimlinge können in einer feuergedüngten Erde besser gedeihen.

          Heimat sind Australien, Tasmanien und Indonesien, wie verheerend Eukalyptus sich in der Fremde auswirkt, lässt sich in Kalifornien und Portugal beobachten. Was anfangs der Zierde oder dem Erosionsschutz diente, wurde im Südwesten Europas in den 1970er Jahren zur begehrten Ressource. Die Bäume sind schnell wachsende Holzlieferanten, aber feuergefährlich. Nicht nur weil sie Äste abwerfen, die als Brennmaterial am Boden liegen, oder ihre Rinde abblättert und ein Funke leicht überspringen kann, sondern wegen der ätherischen Öle: Es können brennbare Gase entweichen, die dann als Feuerbälle auch ihrer Umgebung einheizen, so heißt es.

          Für diesen Koala wird Wildtierretter Simon Adamczyk zum Superhelden. Das Tier entkommt so einem Buschfeuer auf Kangaroo Island, wo bereits eine Fläche von 150 000 Hektar brannte.
          Für diesen Koala wird Wildtierretter Simon Adamczyk zum Superhelden. Das Tier entkommt so einem Buschfeuer auf Kangaroo Island, wo bereits eine Fläche von 150 000 Hektar brannte. : Bild: dpa

          Als ein Meer von Flammenwerfern stelle ich mir den australischen Busch nun vor und frage mich, wie es Koalas seit Jahrtausenden gelingt, in so einer gefährlichen Landschaft zu überleben. Sie sind mit drei weiteren Beuteltieren die einzigen Säuger, denen Eukalyptus bekommt, obwohl die Blätter teils toxische Substanzen bilden, um die herbivoren Marsupialier abzuwehren.

          Natürlich versuchen Koalas, diese Sideroxylonale zu meiden, ein solches eukalyptisches Wettrüsten ist also normal. Dramatisch wird es für die Tiere allerdings, seit Straßenbau und Buschfeuer zunehmen: Wo bleiben die Superhelden, die sie vor Stress, Autounfällen oder Verbrennungen bewahren? Und ein ganzer Schwarm Helfer wäre jetzt dringend nötig, denn es leiden ja nicht nur Koalas, von denen womöglich schon Tausende in den Flammen starben. Die nebst Feuerwehrleuten herbei eilenden Retter müssen sich derzeit aber ebenso um Känguru, Opossum und alle anderen Arten kümmern, denen das Feuer sonst zum Verhängnis wird.

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