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Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Boetius: Das ist vielleicht ja richtig, aber ich finde es immer wieder unbefriedigend, über die Politik zu schimpfen. Als ich bei den Vereinten Nationen war, sind die Young African Leaders aufgestanden und geklagt, dass nur noch fünf Prozent der jungen Leute dort eine Arbeit bekommen. Warum gibt es nicht soziale Innovationen, die diese Probleme zusammen mit dem Klimaproblem lösen. Wir könnten Hilfe geben, Leute ausbilden, Universitäten ausstatten und Klimaschutz-Infrastrukturen aufbauen. Exportieren ist doch unsere eigentliche Stärke.

Welchen Auftrag würden Sie einer Klimakanzlerin mitgeben, wenn wir denn mal wieder eine Klimakanzlerin hätten?

Haug: Ja, ich denke da an das Wunder von Elmau: Wir haben 2015 ein Akademiepapier vorbereitet für den G-7-Gipfel in Elmau. Da stand zum Beispiel drin, dass es null Emissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts geben soll. Die Kanzlerin war von uns da als kluge, ruhige Physikerin wahrgenommen worden, die als Klimakanzlerin etwas bewirken kann, wenn man sie denn mal arbeiten lässt. Zusammen mit der Umweltenzyklika des Papstes war das Papier sicher ein wichtiger Anstoß für Paris. Was sie jetzt tun müsste, ist über die Kohlekommission eine Vorgabe zu machen, wie die Kohleverbrennung zu reduzieren ist. Außerdem brauchen wir eine Verkehrswende und eine Wärmewende im Heizbereich. Dazu müsste sie ihre Richtlinienkompetenz einsetzen. Wenn man in Innovation geht, eine Richtung vorgibt, dann könnte sich das durchaus auch wieder in mehr Wählerstimmen ausdrücken.

Boetius: Ich würde mir ein Zukunftsministerium wünschen, das sich an den anderen Ministerien vorbei schleicht und wirklich nach vorne denkt.

Zukunft Holzbauweise? Das „HoHo Wien“, das 2019 fertig werden soll, könnte das weltweit erste 84 Meter hohe 24-stöckige Holzhochhaus werden.
Zukunft Holzbauweise? Das „HoHo Wien“, das 2019 fertig werden soll, könnte das weltweit erste 84 Meter hohe 24-stöckige Holzhochhaus werden. : Bild: hoHo Wien

Schellnhuber: Das ist richtig, wir müssen endlich nach vorne denken. Was wir jetzt vorschlagen in der Kommission, die in der Europäischen Union über Dekarbonisierung nachdenkt, sind „Transition Super Labs“. Wir nehmen einen ganzen industriellen Bergbaukomplex und versuchen dort, konkret in einer Region eine neue Vision zu entwickeln. Man kann zum Beispiel aus Braunkohle gute neue Grundstoffe machen. Grüne Kohlechemie in geschlossenen Kreisläufen, Ausbau der erneuerbaren Energien, Agrowaldwirtschaft und vieles mehr wird hier zusammen gebracht. Was wir dazu bisher irgendwo haben, ist fast alles zu kleinteilig. Wir müssen also solche Konzepte mal im großen Maßstab in der komplexen Realität in der Region probieren. Wir schlagen vor, dass man zwei oder drei dieser Superlabs aufbaut, vielleicht in Lothringen, vielleicht im polnischen Oberschlesien, vielleicht im mitteldeutschen Revier Wir fragen also, was wäre wenn – wenn wir mal den Mut hätten, dreißig Jahre vorauszudenken, und heute entsprechend zu handeln. Wir möchten den Leuten erzählen, von welcher Zukunft sie Teil sein können, anstatt immer wieder zu sagen, wovor sie sich zu fürchten haben. Angstmache nützt den Angstmachern. Was den Menschen hilft, ist Mut.

Macht das halbe Grad einen Unterschied? Der 1,5-Grad-Sonderbericht des IPCC

Für den 1,5-Grad-Sonderbericht haben dem IPCC zufolge 86 Autoren aus 39 Ländern in drei Jahren mehr als 6000 wissenschaftliche Studien gesichtet. Die Veröffentlichungen wurden von Hunderten Gutachtern bewertet. Ein Großteil der Publikationen, in denen es um die Zukunft des Klimas geht, dürfte erst in den vergangenen drei Jahren erschienen sein. Vor der Beschlußfassung in Paris zur Einbeziehung des 1,5-Grad-Ziels gab es jedenfalls kaum Modellrechnungen dazu.  Eigene Forschung betreibt der Weltklimarat grundsätzlich nicht. Tausende Kommentare, darunter allein fast 13.000 von den Regierungen, mussten schon vor der Abfassung des Berichtsentwurfs sowie der „Summary for Policymakers“  berücksichtigt werden.

Wenn es um die Frage geht, ob ein halbes Grad globaler Erwärmung mehr oder weniger wirklich einen Unterschied machen, ist sich die Klimaforschung ohnehin einig: Die Unterschiede sind gewaltig – und zwar sowohl, was die Anforderungen an den Klimaschutz betrifft als auch, was die Folgen der Erwärmung angeht: Ein halbes Grad global mehr bedeutet etwa für die Polargebiete jenseits des sechzigsten Breitengrades eine Erwärmung um das Drei- bis Vierfache. Die Eismassen werden durch das Abschmelzen des mehrjährigen Eises deutlich stärker verlieren. Heiße Sommer bei uns werden bei einer zwei Grad Erwärmung doppelt häufig sein wie unter einem 1,5-Grad-Klima. „Eine kleine Verschiebung des Mittelwerts“, so Thomas Stocker, „kann die Verfielfachung der Extremereignisse um mehrere Faktoren bedeuten.“  In einer aktuellen Veröffentlichung der PNAS zeigen chinesische Forscher: Eine Erwärmung auf zwei Grad – statt 1,5 Grad – dürften sich die durch Dürren verursachten Ernteverluste  mindestens verdoppeln. Der Hunger wird in ländlichen Regionen drastisch zunhemen.   

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