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Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Haug: Ich habe als Geologe die größten Sympathien für die Kohlekumpels. Aber man hätte es schon vor mindestens fünfzehn Jahren wissen und damit beginnen müssen, neue Industrien und Infrastrukturen aufzubauen.

Schellnhuber: Ohne Inhalte aus der Kohlekommission mitzuteilen, ist doch längst offensichtlich, dass die Arbeitsplätze wie in Sachsen-Anhalt das Totschlagargument sind. Nämlich dass die AfD jetzt schon dreißig Prozent hat und fünfundvierzig bekommen könnte, wenn die Kohle ganz verschwindet. Tatsächlich gab es im Braunkohlebereich der DDR 1969 an die 100.000 Arbeitsplätze. Jetzt gibt es weniger als 10.000 direkte Arbeitsplätze in der Kohle im Osten Deutschlands. Das heißt, der ganz normale Marktkapitalismus hat diese Arbeitsplätze abgeschafft, und es hat kein Hahn danach gekräht. Dass man sich ausgerechnet jetzt beim Klimaschutz an die Strukturbrüche erinnert, die die Ex-DDR erlitten hat, und dass jetzt auch noch der Klimaschutz für die Aufrechterhaltung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verantwortlich gemacht wird, auch dieses Argument bekomme ich ständig wie eine Keule ins Gesicht gehauen. Die seltsame Logik der Fossil-Lobby geht so: Wenn 90.000 Arbeitsplätze vernichtet werden, damit ein paar Leute aus dem Westen gute Geschäfte machen, oder weil die Treuhand es nicht besser hingekriegt hat, dann ist das unhinterfragbares Schicksal. Aber 8000 Arbeitsplätze für die Rettung des Planeten zu konvertieren, denn es gibt ja Alternativen, das ist völlig unmöglich. Ich sage: Das ist verlogen. Ich höre das im Westen wie im Osten, in der CDU wie in der SPD. Ein großer Teil der politische, Klasse versucht sich unter Verweis auf die AfD um ihre Zukunftsverantwortung herum zu schwindeln.

Drei Jahre nach der Pariser Konferenz ist der Klimaschutz am Boden?

Haug: Die politische Abgewandtheit von Zukunftsthemen ist ein echtes Problem. Wir werden unser Klimaziel national verpassen, wir sind global auf dem Weg zu vier Grad, und das sind für uns Klimaforscher tragische Realitäten. Wir wissen von den Energieexperten, dass man schon mit dem, was heute technisch existiert, ohne Probleme achtzig Prozent der Kohlendioxidemission einsparen könnte.

Können künftig mit Algenfarmen wie hier in einer Pilotanlage in Wageningen nennenswerte Mengen Kohlendioxid in wertvolle Produkte umgewandelt werden?
Können künftig mit Algenfarmen wie hier in einer Pilotanlage in Wageningen nennenswerte Mengen Kohlendioxid in wertvolle Produkte umgewandelt werden? : Bild: Universität Wageningen

Boetius: Ich habe immer noch das Gefühl, dass etwas geht. Ich denke da aber viel mehr an die Industrie als an die Politik. In der Wirtschaft denkt doch schon jeder nach über den Umbau, nur geht es da eben um das Wie und mit welchen Regeln. Ich war vor kurzem dabei, als die größten Schifffahrtskonzerne zusammen saßen. Diese Unternehmen werden der Internationalen Maritimen Organisation zusagen, bis 2050 kein Schwerdiesel, überhaupt keine fossilen Brennstoffe mehr für den Antrieb zu nutzen.

Schellnhuber: Die Politik verteidigt inzwischen Wirtschaftsinteressen, die so gar nicht mehr existieren. Das gilt zumindest für innovative Unternehmen: die denken längst über das fossile Zeitalter hinaus. Allerdings haben wir kumulative Emissionen, mit denen wir uns auseinander setzen müssen. Wir müssen uns alle sputen. Und wenn es darum geht, welche Möglichkeiten es in Deutschland für tiefe Einschnitte gibt, dann bei den Braunkohlekraftwerken. RWE ist der größte europäische Emittent. Wenn allein die Kohle verstromt würde, die unter dem Hambacher Wald liegt, würde das den deutschen Anteil am globalen Kohlendioxidemissionsbuget, der nach dem Klimavertrag bleibt, auffressen. Dann heißt es plötzlich, wir machen ein Klimagesetz, da steht dann alles drin. Die Realität ist, dass die Politik die nötigen transformativen Schritte einfach immer weiter nach hinten schiebt.

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