https://www.faz.net/-gwz-9eyop

Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Die kalifornischen Windparks sollen dafür sorgen, dass der amerikanische Bundesstaat bis zum Jahr 2045 eine Stromversorgung ohne Kohlendioxidemissionen schafft.
Die kalifornischen Windparks sollen dafür sorgen, dass der amerikanische Bundesstaat bis zum Jahr 2045 eine Stromversorgung ohne Kohlendioxidemissionen schafft. : Bild: dpa

Schellnhuber: Ich schließ' mich da absolut an. Es gibt aber tatsächlich eine ökonomische Möglichkeit, Kohlendioxid zu speichern, ohne etwas Perverses zu tun, und das haben wir jetzt zusammen mit der Yale School for Forestry und amerikanischen Architekten ausgerechnet: die Umstellung der gesamten Bauinfrastruktur auf Holzbauweise. Als wir dies das erste Mal vorgestellt haben, gab es nur Gelächter. Wenn wir aber alle neuen Häuser ab sofort in Holzbauweise errichten, feuersicher, stabil, auch Wolkenkratzer, würde man eine große Menge des künftigen Kohlenstoffausstoßes reduzieren. Die Bäume lagern beim Wachstum CO2 ein, und dies wird dann in den Gebäuden auf lange Zeit gebunden.

Boetius: Als Gutachter, lieber John, würde ich dich nach den Termiten fragen.

Schellnhuber: Auch das ist zu machen. Man kann ja das Holz behandeln und die Holzsorte mit Bedacht auswählen. Vor zwanzig Jahren haben die Schweizer die ideale Technik dafür erfunden, das „Cross Lamination“, mit der man praktisch jede Holzart fürs Bauen verwenden kann. Die Hölzer werden gegen ihre Wachstumsrichtung abwechseln miteinander verlebt. Dafür kann man sogar Abfallholz nehmen, und es hat die Eigenschaften von Stahlbeton, ist teilweise sogar besser, und auch schöner zum Wohnen. Wenn wir einen urbanen Wald, einen Wald von Holzhäusern gründen, hätten wir den Kreislauf geschlossen. Wir könnten uns praktisch herausbauen aus dem Klimaproblem. Wir brauchen solche Win-Win-Situationen.

Boetius: Einige Biologen arbeiten auch an Projekten, Kulturen von Blaualgen zu gründen, die Stickstoff aus der Luft nehmen und mit Kohlendioxid wachsen. Die würden dann natürlich auch in Schläuchen wachsen, man braucht auch hier eine Infrastruktur, aber auch das wäre eine Chance, wenn man dann mit den Algen beispielsweise Fette produziert, die man ihrerseits wieder lagern oder nutzen kann.

Zuerst nochmal in die harte Realität der heimischen Klimapolitik. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die jungen Leute sehen, die im Hambacher Forst sitzen und damit ein schnelleres Ende der Kohleverbrennung erzwingen.

Proteste gegen die Kohleverbrennung und Waldrodung im Hambacher Forst.
Proteste gegen die Kohleverbrennung und Waldrodung im Hambacher Forst. : Bild: Reuters

Haug: Es ist doch allen klar, dass wir ganz schnell aus der Kohle aussteigen müssen. Und wir könnten es auch. Die Fraunhofer-Energieexperten haben das gezeigt. Wir könnten jetzt dreißig Prozent abschalten, und in fünf Jahren nochmal dreißig Prozent und könnten 2030 aus der Kohleverstromung raus sein. Die derzeitige Ideen- und Kraftlosigkeit der Spitzenpolitik in unserem Land ist komplett unverständlich. Ein Interview von Frau Nahles im „Spiegel“ vor wenigen Wochen ist in der Hinsicht eine Katastrophe und hat dieses Gespräch wesentlich motiviert.

Stocker: Es erinnert mich an die siebziger Jahre, als die jungen Menschen gegen die Atomkraft demonstriert haben, und erst fast fünfzig Jahre später wurde von der Politik dieser Bewegung recht gegeben. Wir müssen jetzt aber viel, viel schneller reagieren.

Boetius: Ich bin als Darmstädterin neben Startbahn West groß geworden und kenne das Verlangen, Bäume zu umarmen. Ich versuche heute zu verstehen, wie begründet die Sorge um die Kohle-Arbeitsplätze ist. Es wird der Verlust von Kohle-Arbeitsplätzen in der Politik gleichgesetzt mit dem Aufkeimen von Neonazis. Diese Angst wird geschürt, aber ist diese Sorge auch berechtigt?

Weitere Themen

40 Taucher retten Korallenriff Video-Seite öffnen

Thailand : 40 Taucher retten Korallenriff

Über das empfindliche Ökosystem vor der Küste Thailands hatte sich ein ausgedientes Fischernetz gelegt. Die Korallen drohten abzusterben.

Topmeldungen

Die Union will künftig mehr strategisches Denken in der Außenpolitik. Aber die Kanzlerin wird nicht mehr dabei sein.

Wahlprogramm der Union : Im 21. Jahrhundert angekommen

CDU und CSU wollen das strategische Denken in der Außen- und Sicherheitspolitik stärken. Die meisten anderen Parteien sind noch nicht so weit.

EM-Debatte in München : Kampf um den Regenbogen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und der Stadtrat von München wollen zum EM-Spiel gegen Ungarn ein Zeichen setzen – gegen Viktor Orbán. Die UEFA spielt auf Zeit.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Die Armut will einfach nicht weichen

Der lange Wirtschaftsaufschwung und der Mindestlohn haben die gemessene Armut nicht verringert: In Deutschland sind sogar etwas mehr Menschen armutsgefährdet als vor zehn Jahren. Anders als oft behauptet, liegt das nicht nur an „den vielen Flüchtlingen“.
Arafat Abou-Chaker trifft im August zu einem Verhandlungstermin im Gericht ein.

Bushidos Frau über Abou-Chaker : Es war „eine völlige Überwachung“

Anna-Maria Ferchichi, Bushidos Frau, spricht vor Gericht über die Methoden von Arafat Abou-Chaker. Anhand zahlreicher Geschichten zeichnet sie das Bild einer Beziehung, in der der Berliner Clanchef alles bestimmt haben soll.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.