https://www.faz.net/-gwz-9eyop

Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Schellnhuber: Ich bin weiter extrem skeptisch, auf eine großtechnische Lösung zu setzen. Erstens aus psychologischen Gründen. Wann immer so eine Wunderwaffe am Horizont kurz aufblinken lässt, schon lehnen sich die Entscheidungsträger zurück und meinen: Irgendeiner wird uns schon herausbringen aus der globalen Erwärmung. Zweitens habe ich Zweifel, aus thermodynamischen Gründen, Kohlendioxid zu enormen Kosten praktisch aus der Luft direkt abzusaugen. Wenn wir schon eine globale Infrastruktur schaffen wollen, dann sollten wir das für die erneuerbaren Energien tun. Dazu gehört auch Forstmanagement. Es gibt Win-Win-Situationen, um die globale Transformation hinzukriegen, und bevor ich die nicht alle versucht habe, würde ich die Finger von den Versprechungen der Großmanipulation lassen. Wenn man der Politik das Stöckchen des Geoengineering hinhält, machen sie die putzigsten Sprünge übers Stöckchen.

Trotzdem mal angenommen es gäbe ein Manhattan-Projekt und Sie hätten unbegrenzt Geld, um Kohlendioxid aktiv aus der Luft zu ziehen, was käme Ihnen da in den Sinn?

Hirngespinst oder Zukunftsprojekt für Geoingenieure? Ein Gürtel aus künstlichen Aerosolen (vorgeschlagen wurden beispielsweise Schwefelpartikel) könnte wie hier ind er Simulation dargestellt nach dem Ausbruch des Mount Pinatubo im Jahr 1991 die Sonneneinstrahlung vermindern.
Hirngespinst oder Zukunftsprojekt für Geoingenieure? Ein Gürtel aus künstlichen Aerosolen (vorgeschlagen wurden beispielsweise Schwefelpartikel) könnte wie hier ind er Simulation dargestellt nach dem Ausbruch des Mount Pinatubo im Jahr 1991 die Sonneneinstrahlung vermindern. : Bild: Jonathan Proctor and Solomon Hsiang

Boetius: Ich würde erstmal versuchen, das Verhalten zu ändern, also soziale Innovation. Ich habe das gerade privat ausprobiert durch eine Art Ablasshandel. Ich zahle für das Kohlendioxid, das ich etwa durch Reisen erzeuge, für zertifizierte Klimaprojekte zum Beispiel für die Aufforstung in Afrika, das geht alles ganz einfach im Internet. Wir könnten für unser klimaschädliches Verhalten eine Art ethischer Kohlendioxid-Steuer zahlen und gar nicht auf die Politik warten. Das kostet auch gar nicht so viel, und wir können einiges erreichen damit. Zum Beispiel in Afrika die Leute von Anfang an befähigen, kluge klimafreundliche Infrastrukturen zu bauen.

Stocker: Zu allererst würde ich unsere jetzige Infrastruktur möglichst schnell auf erneuerbare Energien umstellen. Gerade bei uns in Westeuropa geht das derzeit viel zu langsam. Darüber hinaus würde ich tatsächlich auch Innovationen für neue Klimaschutztechnologien fördern. Im Moment ist es sehr viel effektiver, die Emissionen zu verhindern, und nicht aus der Luft herauszuziehen. Nicht abzuholzen ist heute auch viel effektiver als aufzuforsten, und wenn ich den Wald stehen lasse, schütze ich auch noch die Biodiversität in der Natur.

Die Realität ist aber auch hier eine andere: 2017 war in Sachen Abholzung von Wäldern weltweit das zweitschlimmste Jahr überhaupt.

Haug: Manches ist einfach utopisch. Nehmen wir die Kohlenstoffbindung unter der Erde. Was der Mensch an fossilem Kohlenstoff verbrennt, das sind derzeit zehn Milliarden Tonnen pro Jahr, braucht die Natur fast eine Million Jahre, um es durch Silikatverwitterung geologisch wieder zu binden. Auch die Eisendüngung in den Ozeanen, um das Kohlendioxid durch Plankton zu binden und in den Meeren zu versenken, funktioniert nicht. Selbst wenn wir größtskalig denken und beispielsweise die gesamten Alpen abtragen, um den Staub, der über die Algen das Kohlendioxid bindet, in den Meeren abzulagern, würde das nach Modellrechnungen den Anstieg des Kohlendioxids in der Luft um maximal 15 Jahre verzögern. Mein Manhatten-Projekt lautet deshalb: Aufhören mit der Verbrennung.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.