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Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Stocker: Es geht um Technologien, die es ermöglichen, Kohlendioxid aktiv aus der Luft zu ziehen. Es ist dahin gestellt, ob diese Techniken global überhaupt so darstellbar sind, wie das nötig wäre. Bislang gibt es das nur punktuell. Auf Island gibt es ein Kraftwerk, außerhalb von Reykjavik, das netto mehr Kohlendioxid in die Erde pumpt und verpresst als es Kohlendioxid emittiert. Aber wir müssen das irgendwann hochskalieren.

Andere Großtechnologien, Kohlendioxid etwa durch Eisendüngung der Meere oder die Sonneneinstrahlung zu verringern, sind umstritten. Könnte man damit irgendwann mehr erreichen?

Schellnhuber: Ich glaube nicht, dass man Geoengineering, über das wir sprechen, irgendwann zu vernünftigen Kosten hochskalieren kann.

Wann reißt das globale Förderband? Nordatlantikstrom und Golfstrom, die „Heizung Europas“, gehören zu den berüchtigten Kipp-Elementen.
Wann reißt das globale Förderband? Nordatlantikstrom und Golfstrom, die „Heizung Europas“, gehören zu den berüchtigten Kipp-Elementen. : Bild: PIK / F.A.Z.

Boetius: Aber Kohlendioxid schadet ja nicht nur dem Klima, es versauert auch die Ozeane. Wir machen uns keine Vorstellung, was mit den Korallen passiert, die Kollegen rund um den Planeten erleben überall die Korallenbleiche. Jede Tonne Kohlendioxid ist da zu viel, und seit dreißig Jahren wird es jedes Jahr mehr.

Stocker: Das gilt auch für das Ozeanwetter. Dass es das gibt, wissen die wenigsten. Tatsächlich aber werden die Hitzewellen in den Ozean um viele Faktoren häufiger als die Hitzewellen in der Atmosphäre. Was dann passiert, wissen wir noch gar nicht.

Boetius: Erwärmung wirkt auch auf die Meeresbiologie: Zum Beispiel auf Bakterien, Vibrionen, die in der warmen Ostsee pathogen werden und Wundbrand verursachen können. Viele Meeresorganismen haben einen ganz feinen Temperaturschalter.

Haug: Wenn wir vor die letzten Eiszeiten in die pliozäne Warmzeit zurück sehen in eine 400-ppm-Kohlendioxid-Welt, wie wir sie heute haben, dann sehen wir eine ganz dramatische Veränderung in der Schichtung der Ozeane. Die Tiefsee enthält etwa sechzigmal mehr Kohlendioxid als die Atmosphäre. Es ist die Schicht vor allem der polaren Ozeane, die Halokline, die nur hundertfünfzig Meter dick ist, die verhindert, dass dieses Kohlendioxid aus der Tiefe entweicht. In der letzten großen Warmzeit mit einer zwei Grad wärmeren Welt, hat sich diese Schicht wie ein Ventil geöffnet und Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen. Es gibt also eine Schwelle, von der an der der Ozean eine echte Zeitbombe ist.

Schellnhuber: Wir haben dafür den Begriff der Kipp-Elemente eingeführt. Wir schieben ein System langsam über die Kante, lange bleibt es scheinbar stabil, dann kippt es - das ist die große Gefahr, weil die meisten Menschen, auch Entscheider, immer nur an linearen Wandel denken. Die Natur reagiert aber oft dynamisch. Wenn dann noch etwa der Permafrost auftaut und das starke Treibhausgas Methan freisetzt, wie das jetzt vor Ort schon zu beobachten ist und was lange unterschätzt oder gar belächelt wurde, dann bekommen wir möglicherweise eine ganze Reihe selbstverstärkender Prozesse und man rutscht weit über die zwei Grad hinaus, selbst wenn man auf zwei Grad zielt.

Heißt das nicht automatisch, dass die Diskussion um die negativen Emissionen und Geoengineering, vor der Klimaforscher zurückschrecken, mit dem neuen IPCC-Bericht erst richtig in Gang kommen wird?

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