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Gespräch zum 1,5-Grad-Bericht : „Klimaschutz ist kein Wunschkonzert“

Boetius: Wir Polarforscher sind auf der anderen Seite auch lauter geworden. Denn 1,5 Grad mehr globale Erwärmung bedeutet in der Arktis 4 Grad mehr. Da kam politisch also noch Extradruck dazu, denn 1,5 Grad global bedeutet dort eben, dass den Menschen im Norden der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das gleiche gilt für die Habitate. Es heißt: Walross weg, Eisbär weg. Das ist keine Anekdote. Wir haben alle unterschätzt, was es klimatisch bedeutet, wenn in der Arktis das Meereis schmilzt.

Das arktische Meereis schmilzt im Rekordtempo.
Das arktische Meereis schmilzt im Rekordtempo. : Bild: dpa

Schellnhuber: Mir wären auch 1,0 Grad lieber, wenn das ein Wunschkonzert wäre. Aber in den dreißig Jahren, in denen ich die Klimapolitik verfolgt habe, hat sie bisher alle ihre selbstgesteckten Ziele verfehlt. Dennoch sollten wir alles tun, diese 1,5 Grad als rote Linie zu realisieren und vielleicht noch mehr. Wir brauchen nur jetzt endlich einen Plan, auf wissenschaftlicher Evidenz, wie man wenigstens in die Nähe kommt.

Wie realistisch ist das?

Stocker: Wir werden wohl in Kürze in eine Situation kommen, wo die globale Politik deklarieren muss, dass wir das strengere Klimaziel von 1,5 Grad verpasst haben. Dies steht zur Zeit nicht explizit im Bericht. Auch wenn das viele Kollegen nicht mögen, sage ich trotzdem, dass diese Realität bekannt sein muss.  Ich erhoffe mir von dieser tragischen Einsicht dann allerdings, dass daraus eine anhaltende Dynamik zur Dekarbonisierung entsteht, so dass wir auf keinen Fall auch noch das zweite Ziel, die zwei Grad, verlieren werden.

Haug: Die 1,5 Grad sind leider sehr unrealistisch. Das wissen wir ja alle. Wir messen bereits jetzt eine globale Erwärmung von einem Grad über dem vorindustriellen Wert. Die Luftchemiker an meinem Institut in Mainz schütteln mit dem Kopf, denn mit den Schadstoffaerosolen haben wir noch immer die stärkste negative Rückkoppelung, das heißt: die Schadstoffe kühlen. Unsere Atmosphäre wäre also heute ohne die Schadstoffe sogar 0,3 bis 0,4 Grad wärmer. Wir sind also de facto bei fast 1,5 Grad plus. Und natürlich halten es viele für genauso wichtig, die Atmosphäre sauber zu halten wie die Erwärmung einzudämmen. So viel Energie also in den 1,5 Grad-Bericht reinzustecken, anstatt sich auf ein noch realistisches Ziel von 2 Grad festzulegen, hat viele von uns irritiert.

Die Korallen bleichen durch Hitzewellen im Meer und versuaern zusätzlich durch das im Wasser gelöste Kohlendioxid.
Die Korallen bleichen durch Hitzewellen im Meer und versuaern zusätzlich durch das im Wasser gelöste Kohlendioxid. : Bild: dpa

Wenn wir also anfangen drastisch weniger Kohle und Öl zu verbrennen und Kohlendioxid einzusparen, kommen auch weniger Schadstoffe in die Luft, und es würde erst einmal sowieso wärmer werden?

Stocker: Gerade in China ist das ein Thema, wo man jetzt weggeht von der dreckigen Kohle, die viele Schadstoffe und Aerosole produziert, zur sauberen Kohle. Das heißt pro Tonne Kohlendioxid mehr Wärmewirkung. Wenn Sie fragen, ob es dennoch möglich ist, auf 1,5 Grad zu kommen, dann muss man sagen, dass das 1,5-Grad, aber auch das 2-Grad-Ziel große Hoffnung auf die Technologie setzt, die sogenannte negative Emissionen ermöglicht, die – wenn überhaupt – wohl erst ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Verfügung stehen würden.

Welche Technologien werden das sein?

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