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Energiewende : Warum Wühlmäuse Windräder wählen würden

Trügerische Idylle: Windräder töten Fledermäuse und Raubvögel Bild: dpa

Alles nicht so einfach: Eine Studie zeigt, wie Windräder in die natürliche Nahrungspyramide eingreifen. Ein neues Argument für Windkraftgegner? Eine Glosse.

          Die Bäume der Energiewende wachsen schnell, aber dass sie in den Himmel wachsen, würde niemand allen Ernstes behaupten, der die politisch labilen Verhältnisse hierzulande im Blick hat. Hindernisse gibt es allenthalben. Es wäre ja auch ganz und gar undeutsch, wenn der Zubau an Windrädern, um nur eine Komponente der großen Transformation zu nennen, nicht gleichzeitig auch eine Reglementierungswelle hinter sich auftürmen würde. Mindestabstände zu Häusern und Höhenbegrenzungen der Windmühlen sind von der Groko schon beschlossen. Und dass auch die roten Warnlichter nächtens (von Ausnahmen mit Flugverkehr abgesehen) abgeschaltet werden, wird von allen unterstützt, seitdem das Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung klargemacht hat, dass das rote Blinken wandernde Fledermäuse anlockt und vielen den Kopf kostet.

          Niemand sollte jedoch glauben, dass den Kritikern das genug Rückenwind wäre. Ein paar Stichworte nur, weil ja niemand ahnen konnte, was so ein paar Windmühlen alles an naturschutzfachlichen Komplikationen hervorrufen: Scheucheffekte, Ausschlusseffekte, Drängeleffekte, Anziehungs-, Abschreckungs- und Vertreibungseffekte und natürlich auch Foulingeffekte. Für Reinhard Klenke, Ökosystemforscher aus Leipzig, der diese Effekte alle aus dem Effeff kennt, sind das Gründe genug, vor einer Transformation unserer „Natur-, Halbnatur- und Kulturlandschaften in Industrielandschaften“ zu warnen.

          Er reagiert damit auch auf eine neue Studie aus Indien, die diese Woche in „Nature Ecology and Evolution“ erschienen ist: Windfarmen, heißt es da, stehen an der Spitze der Nahrungspyramide, sie sind die neuen Top-Räuber im Naturhaushalt. Wo Windräder stehen, werden die Raubvögel dezimiert, bis auf ein Viertel sogar, und wo Raubvögel fehlen, vermehren sich Eidechsen – jedenfalls auf den Westghats in Westindien. Die Echsen fühlen sich unter den Windflügeln erkennbar sicherer, was am Stresshormonlevel und an ihrer Fluchtbereitschaft leicht zu ermitteln war. Einen möglichen Ventilatoreffekt oder Schneiseneffekt (mehr Sonne, flüchtiger Schatten) hat man wissenschaftlich nicht weiterverfolgt. Die indischen Biologen sorgten sich vielmehr um die reiche Insektenfauna, denn die werde durch den Echsen-Boom maßgeblich verändert.

          Bei uns wäre das Pendant zur Echse die Wühlmaus. Von Bevölkerungsexplosionen und Brutstätten der Wühlmäuse auf Windfarmen ist allerdings nichts bekannt. Wie lange wohl noch? Die Wühler sind die Erzfeinde von Gärtnern und Landwirten. Ganz sicher werden deshalb auch Schädlingseffekte bald Eingang in den Katalog der Windkraftgegner finden. Kein gutes Omen für unsere neuen Industrielandschaften mit ihren mächtigen Top-Räubern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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