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Energieverschwendung : Schamesröte in der Menschenzeit

Die Flugscham zwingt auch Klimaforscher zum Umdenken. Bild: Lucas Bäuml

Klimaforscher fliegen mehr als andere Professoren und die Siebzigjährigen werden zu den ersten Kindern des sündhaften Anthropozäns. Eine Glosse über die schwärzeste Energiebilanz der Erdgeschichte.

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          Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wieso die vergangenen siebzig Jahre verlorene waren für den Planeten, aber goldene etwa für die Luftfahrt, der kann sich mal an den Bilanzen des Anthropozäns versuchen. Das ist die Epoche der Erdgeschichte, die immer noch auf den offiziellen Segen der Geo-Kommissionen wartet. Was daran liegt, dass eine neue Erdepoche nicht einfach proklamiert werden darf, sondern besonderer Nachweise bedarf. Das Holozän, die noch gültige Epoche die vor 11.700 Jahren begann, soll also durch das Anthropozän abgelöst werden – die zutiefst ambivalente Menschenzeit.

          Das Jahr 1950, das Todesjahr George Orwells und Geburtsjahr von Thomas Gottschalk, hat allerbeste Chancen, den Schnitt geologisch zu markieren. Die wissenschaftlich damit betraute Anthropozän-Arbeitsgruppe hat nun in „Nature Communications Earth and Environment“ der Indizienkette ein wesentliches Element hinzugefügt. Es geht um unseren mithin monströsen Energiehunger. In den sieben Dekaden seit 1950 sind demnach 22 Zettajoule Energie verbraucht worden, das ist eine 22 mit 22 Nullen. Zum Vergleich: Von Beginn des Holozäns bis zum Jahr 1950 summierte sich der menschliche Energiehunger auf bescheidene 14,6 Zettajoule. Wofür in diesen letzten siebzig Jahren die ganze Energie verbraucht und großteils klimaschädlich vor allem mit Kohle, Öl und Gas erzeugt worden ist, könnte man gut an Thomas Gottschalks Lebenslauf exemplarisch festmachen.

          Als Pendler-Entertainer zwischen Bayern und Hollywood war er womöglich mehr in der Luft als am Mikrofon. Nur gehört Gottschalk auch nicht zur moralischen Mahnwache des Anthropozäns – anders als die Klimaforscher dieser Welt, von denen mindestens 1400 für eine Flugstudie des britischen UK Centre for Climate and Social Transformation an der Cardiff University befragt wurden. Resultat: Klimaforscher und insbesondere Professoren nutzen Flugzeuge signifikant mehr als Wissenschaftler anderer Disziplinen, fünf Flüge pro Jahr im Mittel. Akademischer Schnitt sind vier Flüge. Immerhin versuchen Klimaforscher inzwischen überdurchschnittlich oft ihre Flugsünden durch Zuzahlungen an Kompensationsagenturen auszugleichen. Das schlechte Gewissen fliegt mit, ganz nach dem Motto: Wenn das Wissen nicht ausreicht, muss es das Gewissen richten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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