https://www.faz.net/-gwz-w14b

Energieverbrauch : Die Bahn im Klima-Test

  • -Aktualisiert am

Zu viel CO2-Ausstoss pro Personenkilometer Bild: REUTERS

Die Statistik spricht eine bittere Wahrheit: Bequemes und flottes Reisen ist mit Klimaschutz nicht vereinbar - unabhängig vom Verkehrsmittel. Ein FAZ.NET-Spezial von Gottfried Ilgmann.

          5 Min.

          Eine Vergleichsrechnung wie in dem Artikel Noch eine unbequeme Wahrheit ist heute nicht vollständig, wenn sie sich auf den Energieverbrauch beschränkt. Über die drohende Klimaänderung wird derzeit viel mehr diskutiert. Bei fossiler Energie hängen die beiden Aspekte zusammen: Wir müssen vermeiden, das Verbrennungsprodukt Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre zu blasen.

          Die Steinkohle ist dabei weltweit das größte Problem. Sie steht üppig und preiswert zur Verfügung und setzt pro Einheit erzeugter Energie ein Maximum an CO2 frei. Noch schlechtere Werte hat nur die Braunkohle, wie deutsche Kraftwerke sie verbrennen. Das belastet auch die Klimabilanz der Eisenbahn.

          Pkw-Flotte stößt 185 Gramm CO2 pro Kilometer aus

          Die Basiswerte fürs Auto lassen sich der Statistik entnehmen. Die deutsche Pkw-Flotte stößt 185 Gramm CO2 pro Fahrzeug-Kilometer aus; das ist der Verbrauch ab Tankstelle. Neu zugelassene Fahrzeuge kommen durchschnittlich auf 170 bis 175 Gramm, die europäische Automobilindustrie hatte bis 2008 gar 140 Gramm versprochen. Das Ziel ist insbesondere in Deutschland verfehlt worden.

          Wenn wir nun wieder die durchschnittliche Besetzung der Autos (1,5 Personen) berücksichtigen, die Vorkette vom Bohrloch bis zur Tankstelle und die „sonstigen Energien“ wie Instandhaltung und Anlagenbetrieb mitrechnen, so erzielen die deutschen Autos einen Wert von 155 Gramm CO2 pro Personenkilometer. Im Fernverkehr - Verbrauch niedriger, Besetzung höher - sind es 122 Gramm.

          Bahn schlägt Pkw deutlich

          Die Deutsche Bahn hat 2004 für ihren Fernverkehr einen Ausstoß von 52 Gramm CO2 pro Personenkilometer veröffentlicht. Da auch hier wieder Emissionen aus Umwegen gegenüber dem Pkw und aus anteiliger stationärer Energie eingerechnet werden müssen, werden daraus 75 Gramm. Damit schlägt die Bahn den Pkw deutlich. Leider schafft sie es nur im Rohergebnis, das der Ergänzung bedarf.

          Denn wo Verkehrssysteme bereits etabliert sind - und das gilt jedenfalls für Bahn oder Auto -, muss immer die sogenannte Grenzbetrachtung den Ausschlag geben. Ihre Prinzipien sollten wir auch anwenden, wenn wir für eine Reise unser Verkehrsmittel wählen (siehe „Der Individualist als Sünder“). Die Grenzbetrachtung für den Klima-Test lautet: Was geschieht real, wenn ein Verkehrssystem mehr oder weniger Energie benötigt?

          Bahn fährt im Fernverkehr zu 98 Prozent elektrisch

          Die Deutsche Bahn fährt im Fernverkehr zu 98 Prozent elektrisch. Der Strom dafür kommt überwiegend aus bahneigenen Kraftwerken, der Rest aus der öffentlichen Elektrizitätsversorgung. Insgesamt rund 40 Prozent stammen aus Kernenergie und Wasserkraft - sind also fast klimaneutral erzeugt, CO2-frei.

          Doch ist das ein Argument pro Bahn? Ins Extrem getrieben: Wäre die Bahn klimafreundlicher, wenn sie ausschließlich Atomstrom oder Windstrom bezöge? Nein. Die einzige Folge wäre, dass Sie zu Hause Föhn, Herd und Eierkocher mit Strom betrieben, der zu einem größeren Anteil aus fossilen Kraftwerken stammt - wir alle also mehr CO2 auf unsere Kappe nähmen, damit die Bahn sauber erscheint.

          Der Umweltbonus der Bahn verschwindet beinahe

          Strom aus Kernkraftwerken oder Wasserkraft ist in Deutschland eine feste Größe - kein Ausbau möglich und geplant. Umweltfreundlicher Strom aus Windkraft und Biomasse wird auf viele Jahre hin eine begrenzte Ressource sein, die wir nur sehr langsam und teuer mit Einspeisevergütung und Investitionshilfen ausweiten können. Wenn also die Bahn mehr Strom braucht, können ihn beinahe nur fossile Kraftwerke liefern. Spart die Bahn hingegen Strom, dann können solche Kraftwerke heruntergefahren werden. So sieht die Grenzbetrachtung aus. Das Umweltbundesamt wendet sie auch an und nennt sie „Zuwachsbetrachtung“. Sie unterscheidet sich von der „Durchschnittsbetrachtung“, die man naiverweise verwendet - als könnte die Bahn ihren Stromverbrauch entlang ihrer vorhandenen Energiemischung ändern. Das kann sie eben nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.