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Marsforschung : Schrödingers Planet

Was guckst du? Die Sonde „Curiosity“ auf dem versteinerten Grund eines Sees auf dem Mars. Das Bild ist ein Selfie des Gefährts, auf dem der Kameraarm herausretouchiert wurde. Bild: Nasa

Eine Robotersonde hat definitiv organische Moleküle auf dem Mars gefunden. Damit bleibt unsere Nachbarwelt fürs Erste tot und lebendig zugleich.

          7 Min.

          Anzeichen für große Lebewesen wurden an keiner der Landestellen gesehen.“ So schloss der amerikanische Astronom Carl Sagan die Publikation der Ergebnisse der beiden Viking-Sonden, die 1976 auf dem Mars gelandet waren. Sagans Bemerkung wird ihm gerne als geistige Offenheit ausgelegt. Vielleicht war es aber nur Sarkasmus. Denn selbst Hinweise auf Mikroorganismen im Marsboden, die man sich schon damals erhofft hatte, fanden sich nicht die geringsten. Schlimmer noch: Die Analyseapparate der Vikings zeigten noch nicht einmal Spuren irgendwelcher organischer Verbindungen, also Moleküle aus den Elementen Kohlenstoff und Wasserstoff, aus denen sich alle bekannten oder realistisch denkbaren Lebewesen aufbauen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun gibt es gute Gründe dafür, dass auf dem Mars nie etwas gelebt hat. So klein wie unser Nachbarplanet ist, kühlte er nach der Entstehung des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren schnell ab, verlor daher früh seine geologische Aktivität, sein schützendes Magnetfeld und seine dichte, wärmende Atmosphäre. Andererseits gibt es auch Gründe dafür, dort wenigstens fossile Rückstände einer Biosphäre zu vermuten: Der Mars verfügt über große Mengen an Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid sowie über reichlich Wasser. Letzteres ist heute gefroren, schuf aber vor 3,8 Milliarden Jahren weitverzweigte Flusstäler. Und noch vor 3,5 Milliarden Jahren gab es ausgedehnte Seen, die zumindest Mikroorganismen Lebensraum geboten haben könnten.

          Geschwefelter Seeboden

          Zum Beispiel in dem 154 Kilometer weiten Krater Gale. Seit August 2012 operiert dort die fünfte Marslandemission seit den Vikings. Der Rover „Curiosity“ war bereits kurz nach der Landung auf versteinerten Seeboden gestoßen, mittlerweile ist die geologische Evidenz für ein einstiges Gewässer erdrückend. Aber am vergangenen Freitag konnten Wissenschaftler der Nasa endlich eine der Wunden schließen, die Viking den Hoffnungen auf Leben auf Mars geschlagen hatte: In Science berichteten zwei Forschergruppen über die Entdeckung organischer Moleküle auf dem Mars.

          Das eine Team leitet die Geochemikerin Jennifer Eigenbrode vom Goddard Space Flight Center der Nasa. Sie hatte Curiosity Schichten aus fossilem Schlamm anbohren lassen. Das Bohrmehl wurde auf 500 bis 820 Grad Celsius erhitzt und die entweichenden Dämpfe mit einem Massenspektrometer analysiert. Die Signale wiesen auf zahlreiche organische Stoffe hin, ringförmige Verbindungen wie Benzol, Toluol oder Naphthalin ebenso wie offene Kohlenwasserstoffketten, das schwefelhaltige Ringmolekül Thiophen wurde sogar direkt identifiziert. Und all diese Substanzen müssen Fragmente viel größerer Moleküle sein, die durch die Analyse aufgebrochen wurden. Wichtig ist Schwefel wie im Thiophen: „Schwefel hilft, der Oxidation zu widerstehen“, erklärt Eigenbrode. „Wir haben nur die obersten fünf Zentimeter angebohrt. Dort ist das Gestein intensiver ionisierender Strahlung ausgesetzt. Die erzeugt freie Radikale und oxidierende Stoffe, die organisches Material zersetzen.“ Schwefel, der auch die Moleküle im Gummi eines Autoreifens stabilisiert, wirkte wie ein Konservierungsstoff.

          2020 bohrt Europa tiefer

          Eigenbrode betont, dass Makromoleküle in Gale kein Beweis dafür oder auch nur Hinweis darauf sind, dass in jenem See vor 3,5 Milliarden Jahre etwas Lebendiges schwamm. Organische Moleküle entstehen auch durch geologische und photochemische Prozesse, sie finden sich zum Beispiel in Meteoriten. Daher war es seinerzeit so überraschend, dass die Viking-Sonden nichts davon fanden. Wahrscheinlich sind es oxidierende Salze wie Perchlorate, die alles schnell zersetzen, was an Organischem auf den Mars fällt.

          Die neuen Daten zeigen aber, dass dies nicht überall der Fall war. Sofern der Mars also einmal Leben trug, besteht wieder Hoffnung, Reste davon zu finden. Und der europäische ExoMars Rover, der 2020 seinen Dienst antreten soll, könnte dann auch auf ungeschwefelte Moleküle stoßen. Sein Bohrer wird Proben aus bis zu zwei Meter Tiefe holen können, weit genug entfernt von den aggressiven Verhältnissen nahe der Oberfläche.

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