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Elektrosmog : Bundesamt bei Magnetfeldern skeptisch

Die Elektrosmog-Angst geht um. Bild: dpa

Schwacher Elektrosmog verändert den Magnetsinn von Vögeln, war jüngst zu lesen. Kann er auch Menschen schaden? Die Bundesbehörde hat Stellung bezogen.

          Oldenburger Forscher waren nach einer großangelegten Studie und diversen Experimenten kürzlich zu dem Schluss gekommen. Der Magnetsinn von Zugvögeln wie Rotkehlchen wird schon durch vergleichsweise schwache elektromagnetische Strahlung, wie sie von Elektrogeräten und im Radiofrequenzbereich erzeugt werden, massiv beeinträchtigt. Offensichtlich aber ist der Vogelzug dennoch nicht zusammengebrochen.  Das dürfte vor allem daran liegen, dass Zugvögel noch andere genetisch fixierte Navigationssysteme für die Orientierung zur Verfügung haben und den Verlust des Magnetsinns vor allem in Städten kompensieren. Wie sieht es aber mit den Folgen der elektromagnetischen Einwirkung beim Menschen aus? Bilden sich Elektrosmog sensible Menschen ihr Unwohlsein und Krankheiten doch nicht bloß ein? Gibt es kausale Beziehungen zur Einwirkung der schwachen Strahlung im Bereich von 50 Hertz bis 5 Megahertz?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Vogelforscher um Henrick Mouritsen von der Universität Oldenburg konnten solche Fragen selbstverständlich nicht beantworten. Sie haben nur die entsprechenden Hinweise geliefert und alle Fragen im Hinblick auf den Menschen offen gelassen. Das Bundesamt für Strahlenschutz wollte sich die Studie vor einer Einschätzung genau ansehen. Jetzt hat die Bundesbehörde reagiert., Ihre Expertise ist ein Zeugnis dafür, wie schwierig es noch immer ist, Strahlenwirkungen klar zu erkennen und ihre Folgen abzuschätzen. In der Schlussfolgerung allerdings ist sich das Bundesamt sicher: „... Für den Menschen haben die vorliegenden Ergebnisse keine gesundheitsrelevante Bedeutung.“

          Nicht mehr nur die Flüge über das Meer gehören zur großen Gefahr der Zugvögel auf dem Weg gen Süden.

          Hier das Mini-Gutachten des Bundesamtes im Wortlaut:

          ------------

          Fachliche Stellungnahme“:

          • An der Universität Oldenburg wurde die Orientierung von Rotkehlchen während des Vogelzugs untersucht. Rotkehlchen können das Erdmagnetfeld mittels spezieller Rezeptoren (Cryptochrome) wahrnehmen und sich danach orientieren. Im Frühjahr bevorzugen sie die nördliche, im Herbst die südliche Richtung. Dieses Verhalten ist gestört, wenn sehr schwache elektromagnetische Hintergrundfelder (im Nanotesla-Bereich) im Frequenzbereich von 50 kHz bis 5 MHz vorhanden sind. Werden diese Felder abgeschirmt, ist das Verhalten der Vögel wieder normal.

          Die Experimente wurden über sieben Jahre hinweg mehrfach unter sehr gewissenhafter Verblindung durchgeführt. Es wurden geeignete Verhaltenstests angewandt, angemessen hohe Tierzahlen pro Versuchsgruppe (16 – 34) verwendet und geeignete statistischen Methoden zur Auswertung genutzt. Die Wirksamkeit der Abschirmung wurde messtechnisch überprüft. Aus fachlicher Sicht erscheinen die Ergebnisse glaubwürdig und belastbar. Allerdings handelt es sich um eine Einzelstudie, die nicht unabhängig reproduziert wurde.

          Der zugrundeliegende physikalische Mechanismus ist unbekannt. Bisher wurden ähnliche Effekte nur bei höheren magnetischen Flussdichten und bei bestimmten Frequenzen beobachtet, der beschriebene Einfluss eines sehr schwachen breitbandigen Magnetfeldes kann anhand der bekannten physikalischen und chemischen Eigenschaften von Cryptochromen nicht erklärt werden, hierzu ist weitere Forschung nötig. Es kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass nicht nur das Magnetfeld, sondern auch das elektrische Feld eine Rolle spielt, das wurde in der vorliegenden Studie nicht untersucht.

          Der hier untersuchte Frequenzbereich von 50 kHz bis 5 MHz betrifft weder Stromleitungen noch die Felder des Mobilfunks. Er wird von Rundfunksendern genutzt, außerdem entstehen derartige Felder in städtischen Gebieten in der Nähe von elektrischen und elektronischen Geräten. Die Forscher haben überprüft, dass die Orientierung der Vögel in einem nahe gelegenen ländlichen Gebiet (1-2 km vom Stadtrand) auch ohne Abschirmung nicht gestört war.

          Vögel nutzen zusätzlich zum Erdmagnetfeld auch Sonne, Sterne und Landmarken zur Orientierung. Störungen des Vogelzugs könnten in städtischen Bereichen oder in der Nähe von starken Rundfunksendern dann auftreten, wenn schlechtes Wetter die Orientierung nach diesen Merkmalen verhindert. In ländlichen Bereichen und bei Flügen in großer Höhe können keine Störungen auftreten. Eine generelle Beeinträchtigung des Vogelzuges mit negativen Auswirkungen auf die Populationen einzelner Vogelarten ist aufgrund der vorliegenden Ergebnisse nicht zu erwarten.

          Starke Rundfunksender gibt es in Europa seit Jahrzehnten, es ist aber bisher nicht beobachtet worden, dass sie den Vogelzug stören würden. Eine einzelne Beobachtung beschreibt Verhaltensänderungen von Brieftauben um einen Kurzwellensender. Die Tauben änderten ihre Flughöhe, konnten sich aber einwandfrei orientieren. Die vorliegenden Ergebnisse sind eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten.

          Die bisher in vielen Studien beschriebenen Schwierigkeiten mit der Reproduzierbarkeit von Verhaltensexperimenten zur Orientierung von Tieren nach dem Erdmagnetfeld kann durch die vorliegende Publikation möglicherweise erklärt werden, schwache hochfrequente Felder im Hintergrund, z.B. von den angewendeten Geräten, wurden nicht überwacht.

          Menschen haben keinen Magnetsinn und können das Erdmagnetfeld weder wahrnehmen noch sich danach orientieren. Für den Menschen haben die vorliegenden Ergebnisse keine gesundheitsrelevante Bedeutung.“

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