https://www.faz.net/-gwz-7pa9i

Eisschmelze der Westantarktis : Eine nicht zu stoppende Kettenreaktion

Ein 18 Kilometer langer Riss auf dem Pine Island Gletscher. Auch an solchen Merkmalen lässt sich die Bewegung der Eisströme ermitteln. Bild: Nasa

Unumkehrbar - was schon seit einiger Zeit auf den Radarbildern zu erkennen war, wird jetzt durch Klimamodelle untermauert: Die Gletscher der Westantarktis kollabieren. Schmelzendes Eis ist aber nur eine Seite des Problems.

          2 Min.

          Kollabiert die Westantarktis innerhalb der nächsten zweihundert Jahre - und erhöht den Meerespiegel weltweit damit um drei bis vier Meter? Was vor kurzem nach der Auswertung von Satellitenbildern der europäischen Radarsatelliten ERS-1 und ERS-2 bereits deutlich zu erkennen war, ist jetzt durch Kalkulationen an Computermodellen bestätigt worden: Die Geschwindigkeit der Eisschmelze in dem vermeintlich ewigen Eis hat sich extrem beschleunigt. Zu diesem Ergebnis kommen zwei neue Analysen von Forscherteams, die ein düsteres Bild für die Zukunft zeichnen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nach ihren Aussagen ist der Zusammenbruch des Eisschildes im Westen der Antarktis wahrscheinlich nicht mehr zu stoppen.Der für die Westantarktis entscheidende Thwaites-Gletscher könnte schon in 200 Jahren verschwunden sein. Spätestens in gut 1000 Jahren ist er den Berechnungen zufolge weg. Der Gletscher, der in die Amundsen-See mündet, dient als Stütze der benachbarten Eismassen. Kollabiert er, könnten weitere dahinter liegende Gletscher rasch folgen.

          Der Thwaites-Gletscher im Radarbild: Die über längere Zeiträume angefertigten Höhenmessungen lassen auf den Verlust der Eismassen schließen.

          Die schnelle Schmelze des Thwaites-Gletschers ergibt sich aus Computersimulationen, die in der Fachzeitschrift „Science“ vorgestellt wurden. Der globale Meeresspiegel steige, wenn er so weiter schmilzt, in der Folge um etwa 60 Zentimeter, schreiben Forscher um Ian Joughin von der Universität von Washington in Seattle. Ein komplettes Abschmelzen des westantarktischen Eisschilds als Folge des Klimawandels würde demnach zu einem Anstieg um drei bis vier Meter führen. Damit hatte lange keiner gerechnet. Auch der Weltklimarat hat solche galoppierenden Eisschmelzen nicht auf seiner Rechnung.

          Die Forscher um Ian Joughin hatten Radaraufnahmen und Satellitenmessungen genutzt, um zu simulieren, wie sich der Gletscher durch unterschiedlich starkes Abschmelzen in Zukunft entwickeln wird. Zwar könne der Gletscher bei geringen Abschmelzraten noch in 1000 Jahren existieren. Doch die Daten der vergangenen 18 Jahre passen nach Angaben der Forscher eher zu einem rasanten Zusammenbruch in 200 bis 500 Jahren.

          Noch vor  2008 sukzessive hatte er sich  gemächlich verändert. Seitdem hat der Thwaites-Gletscher Fahrt aufgenommen und ist mächtig ins Rutschen gekommen: Der Eisstrom hat um 25 Prozent bis zu 2013 zugelegt. Zusammen genommen transportieren die sechs Antarktis-Gletscher soviel Eis in den Ozean, dass allein durch ihr Abschmelzen der Meeresspiegel um knapp 0,3 Millimeter pro Jahr zunimmt - das ist ein Zehntel des weltweiten mittleren Gesamtmeeresspiegelanstiegs.

          Daten aus vier Jahrzehnten wiesen darauf hin, dass die sechs in die Amundsen-See mündenden Gletscher den Punkt schon passiert haben, von dem an es kein Zurück mehr gibt, schreibt auch ein Team um Eric Rignot von der Universität von Kalifornien in Irvine in den „Geophysical Research Letters“. Der „Point of no return“ sei überschritten, meint Rignot. Allein das schmelzende Eis dieser Gletscher könne die Meeresspiegel um etwa 1,2 Meter steigen lassen.

          Vor kurzem hatten Rignot und Kollegen eine Bilanz der Fließgeschwindigkeit und Masseverluste aufgrund der Radarmessungen gezogen und sechs Rieseneisschilde mit akutem Kollaps-Potential identifiziert: Haynes, Smith, Pope und Kohler, Thwaites und Pine Island. Interessant sind wegen ihrer schieren Eismasse vor allem die gewaltigen, bis zu 120 Kilometer  breiten Gletscherströme des Thwaites-Gletschers und die 55 Kilometer lange Eiszunge des Pine Island Gletschers. Zusammen umfassen die sechs Gletscher an die 393.000 Quadratkilometer.

          Weitere Themen

          Wie das Haus bei Hitze kühl bleibt Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Wie das Haus bei Hitze kühl bleibt

          Im Sommer steht einigen die Hitze bis ins Haus. Dabei lässt es sich in den eigenen vier Wänden leicht abkühlen. Mit einfachen Methoden verwandelt sich der Wohnbereich zur perfekten Abkühlung.

          Topmeldungen

          Nicht alle Jugendliche halten Ausschau nach einer ernsten Beziehung, auch eine Freundschaft plus ist für viele eine Alternative.

          Sex ohne Beziehung : Warum „Freundschaft plus“ oft schiefgeht

          Man mag sich, man hat Sex, man will keine Beziehung. Die Psychotherapeutin Harriet Salbach erklärt, warum „Freundschaft plus“ bei Jugendlichen so beliebt ist – und für viele dann doch nicht das Richtige.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.