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Einschulung und ADHS : Immer auf die Jüngsten?

Über Risikofaktoren für ADHS und mögliche Therapien ist noch nicht viel bekannt Bild: dpa

Die Einschulung an einen Stichtag zu binden erweist sich medizinisch als Irrweg: Opfer sind die Jüngsten, die „Hyperaktiven“, sie werden stigmatisiert und müssen Pillen schlucken. Politik als Trampelpfad in den ADHS-Sumpf.

          Sie sind meistens unreif und nicht etwa krank, aber wer will das schon wissen? Sie werden meistens mit den Falschen in der Klasse verglichen, kommen oft in zu große Multikulti-Klassen, und wenn man genau hinsieht haben viele von ihnen auch noch Pech, dass ihre ehrgeizigen Eltern das alles, vor allem aber den Entwicklungsstand ihres Sprößlings, nicht einfach hinzunehmen bereit sind. Konsequenz: ADHS-Verdacht schon bald nach der Einschulung, ab zum Arzt und notfalls Ritalin jeden morgen nach dem Frühstück. Häufig heisst das aber auch: Fehldiagnose vorprogrammiert.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So sieht das düstere Szenario aus, das jetzt nach der Veröffentlichung einer bundesweiten Studie, angeführt von Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität München, im „versorgungsatlas.de“  gezeichnet wird. Niemand muss sich über die Ergebnisse wundern. Seit Jahren ist die Häufung ebenso wie der Zusammenhang zwischen dem Einschulungsalter und der Häufigkeit von Diagnosen einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen bekannt.

          ADHS: Antipsychotika werden auch bei hyperkinetischen Störungen verordnet

          Aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Island, den Niederlanden und Spanien liegen entsprechende Daten längst vor. Und spätestens, seitdem ADHS-Diagnosen von Schulkindern so häufig sind wie die Diagnose Heuschnupfen, nämlich bei etwa jedem zwanzigsten Kind - mehrheitlich Jungen -, ist jedem Fachmann im Land klar: Hier läuft in der Diagnosestellung einiges schief. Zu leichtfertig werden Kinder zu Patienten abgestempelt, und zwar zuerst innerhalb der eigenen Familie, und zu schnell verschreiben die Ärzte daraufhin Methylphenydat als phyrmakologische Ultima ratio gegen das unaufmerksame, überaktive und impulsive Verhalten ihrer kleinen „Patienten“

          Für den Versorgungsatlas wurden nun zum ersten Mal, wie es heisst, „die vollständigen Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten„ der deutschen Vertragsätzte aus den Jahren 2008 bis 2011 für Kinder zwischen 4 und 14 Jahren zusammengestellt. Mehr als sieben Millionen Kinder sind so kassenübergreifend erfasst worden. Ein gewaltiger Datensatz. Das Ergebnis, statistisch betrachtet: Von den jüngeren Kindern, die im Monat vor dem Einschulungsstichtag geboren sind, erhielten im Schnitt im Laufe der nächsten Jahre 5,3 Prozent eine ADHS-Diagnose, bei den älteren Kindern, die im Monat nach dem Stichtag geboren wurden und damit jeweils knapp ein Jahr älter waren, lag der Prozentsatz bei 4,3 Prozent. Das ist, in der Sprache der Wissenschaftler, „ein Zusammenhang bedeutender Höhe“ zwischen dem Einschulungsalter und der ADHS-Diagnose. Es erklärt aber noch nicht alles.

          Konzentrationsprobleme - nur woher?

          In ihrer Studie machen die Forscher mehr als deutlich, dass über die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder wegen ADHS-Verdacht zum Kinderarzt oder Psychiater zu schicken, von mehr Faktoren als nur dem Einschulungsstichtag abhängt. Es ist vor allem der Vergleich mit den Klassenkameraden, der diese Bereitschaft offenbar stark fördert. Wenn Eltern mit  abgeschlossenen Berufsausbildung oder Hochschulabschluß merken, dass ihr Kind, noch dazu eines der Jüngsten im Klassenverband, nicht so konzentriert arbeitet und ruhig sitzen bleiben kann, wächst nach Darstellung der Studienautoren offenbar ihre Sorge, das Kind werde abgehängt. Der Faktor höheres Bildungsniveau könnte auch einen Teil der in den vergangenen Jahrzehnten allgemein gesteigerte Bereitschaft erklären, bei den eigenen Kindern medizinisch zu intervenieren und bildungstechnisch das „Optimum“ für ihre Kidner herauszuholen.

          Dann steht er halt mal Kopf: Die Diagnose ADHS schadet manchmal mehr, als sie hilft.

          Noch stärker ist dieser Eindruck der Unreife bei den Jüngsten, wenn die Unterrichtsbedingungen erschwert sind, sei es durch große Klassen oder durch einen, wie die Autoren aus ihren Daten heraulesen, höheren Anteil an ausländischen Schülern. Die Unruhe im Klassenverband fördert dann womöglich vor allem die entwicklungsbedingte innere Unruhe der Jüngsten noch zusätzlich. Die Kleinsten und Jüngsten fallen eher auf, auch den Lehrern.

          Entscheidend sei das „realtive Alter“ oder die relative Unreife - etwas ältere Kinder sind also vor ADHS-Verdacht nicht grundsätzlich geschützt. Mit den vorliegenden Daten kann jedenfalls die Frage nicht beantwortet werden, ob ADHS in jüngeren Kindern biologisch bedingt grundsätzlich häufiger vorkommt oder ob es sich eher, wie die Autoren schreiben, um eine „altersbedingte soziale Unreife“ handelt. Auffällig in der Studie - und deckungsgleich eben auch zu vielen früheren Studien in anderen Ländern - sind allerdings die Zusammenhänge zwischen Geburtsdatum und Einschulungsalter. Das ist in Deutschland angeblich besonders gut zu beobachten, weil sich seit 2013 hier 8 von 16 Bundesländern dazu entschieden haben, die Stichtage für die Einschulung zu verändern.

          Dänemark als Vorbild?

          Das Autorenteam um Amelie Wuppermann, Mikroökonometrikerin an der der LMU München, ist überzeugt: „Die Daten geben erste Hinweise auf Faktoren“, die die statistischen Sprünge in der ADHS-Häufigkeit erklären könnten. Abschließend die Ursachen beantworten könnten die Zahlen zwar nicht, aber ihr Vergleich mit Dänemark und ihre Schlussfolgerungen machen deutlich: Die Diagnose-Unsicherheit bei den Ärzten und die Sorgen der Kinder könnten durch politische Maßnahmen möglicherweise gemindert werden. Dann nämlich, wenn die Einschulungspolitik noch viel flexibler als bisher gehandhabt wird. In Dänemark  hat man bei einer ähnlichen Studie jedenfalls keinen Zusammenhang zwischen Stichtag der Einschulung und Geburtsdatum ermittelt. Die genauen Ursachen kennt man auch da nicht, doch die Unterschiede zu den anderen europäischen Ländern wie eben auch Deutschland sind auffällig: ADHS-Diagnosen werden nur von einer eingegrenzten und speziell ausgebildeten Fachärzteschaft gestellt. Und: Dänemark verfährt grundsätzlich flexibler  mit der Einschulung. Die Kinder werden offenbar stärker nach ihrer „relativen Reife“ beurteilt anstelle des blanken Geburtstdatums.

          Es wird also stärker anerkannt, dass sich Kinder biologisch, kognitiv, hormonell und damit auch in ihrer Persönleichkeitsentwicklung alles andere als uniform entwickeln. „Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann“, schreiben die Wissenschaftler. Sie plädieren deshalb dafür, dich bildungspolitisch für eine flexible Schuleingangsphase stark zu machen und in entsprechenden Studien „zu erproben“.

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