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Einschulung und ADHS : Immer auf die Jüngsten?

Dann steht er halt mal Kopf: Die Diagnose ADHS schadet manchmal mehr, als sie hilft.
Dann steht er halt mal Kopf: Die Diagnose ADHS schadet manchmal mehr, als sie hilft. : Bild: Picture-Alliance

Noch stärker ist dieser Eindruck der Unreife bei den Jüngsten, wenn die Unterrichtsbedingungen erschwert sind, sei es durch große Klassen oder durch einen, wie die Autoren aus ihren Daten heraulesen, höheren Anteil an ausländischen Schülern. Die Unruhe im Klassenverband fördert dann womöglich vor allem die entwicklungsbedingte innere Unruhe der Jüngsten noch zusätzlich. Die Kleinsten und Jüngsten fallen eher auf, auch den Lehrern.

Entscheidend sei das „realtive Alter“ oder die relative Unreife - etwas ältere Kinder sind also vor ADHS-Verdacht nicht grundsätzlich geschützt. Mit den vorliegenden Daten kann jedenfalls die Frage nicht beantwortet werden, ob ADHS in jüngeren Kindern biologisch bedingt grundsätzlich häufiger vorkommt oder ob es sich eher, wie die Autoren schreiben, um eine „altersbedingte soziale Unreife“ handelt. Auffällig in der Studie - und deckungsgleich eben auch zu vielen früheren Studien in anderen Ländern - sind allerdings die Zusammenhänge zwischen Geburtsdatum und Einschulungsalter. Das ist in Deutschland angeblich besonders gut zu beobachten, weil sich seit 2013 hier 8 von 16 Bundesländern dazu entschieden haben, die Stichtage für die Einschulung zu verändern.

Dänemark als Vorbild?

Das Autorenteam um Amelie Wuppermann, Mikroökonometrikerin an der der LMU München, ist überzeugt: „Die Daten geben erste Hinweise auf Faktoren“, die die statistischen Sprünge in der ADHS-Häufigkeit erklären könnten. Abschließend die Ursachen beantworten könnten die Zahlen zwar nicht, aber ihr Vergleich mit Dänemark und ihre Schlussfolgerungen machen deutlich: Die Diagnose-Unsicherheit bei den Ärzten und die Sorgen der Kinder könnten durch politische Maßnahmen möglicherweise gemindert werden. Dann nämlich, wenn die Einschulungspolitik noch viel flexibler als bisher gehandhabt wird. In Dänemark  hat man bei einer ähnlichen Studie jedenfalls keinen Zusammenhang zwischen Stichtag der Einschulung und Geburtsdatum ermittelt. Die genauen Ursachen kennt man auch da nicht, doch die Unterschiede zu den anderen europäischen Ländern wie eben auch Deutschland sind auffällig: ADHS-Diagnosen werden nur von einer eingegrenzten und speziell ausgebildeten Fachärzteschaft gestellt. Und: Dänemark verfährt grundsätzlich flexibler  mit der Einschulung. Die Kinder werden offenbar stärker nach ihrer „relativen Reife“ beurteilt anstelle des blanken Geburtstdatums.

Es wird also stärker anerkannt, dass sich Kinder biologisch, kognitiv, hormonell und damit auch in ihrer Persönleichkeitsentwicklung alles andere als uniform entwickeln. „Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann“, schreiben die Wissenschaftler. Sie plädieren deshalb dafür, dich bildungspolitisch für eine flexible Schuleingangsphase stark zu machen und in entsprechenden Studien „zu erproben“.

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