https://www.faz.net/-gwz-9p308

Nach der Mondfahrt : Einen Pinot auf den Mars

Eher zweckmäßig und erstmal nur Konzept: So soll eine Kolonie auf dem Mars einmal aussehen. Bild: Simulation Bryan Versteeg/Mars One

Der Mond lockt, doch unser Ziel heißt Mars. Nur wer will da hinreisen, wenn er riskiert, seine Gesundheit zu opfern? Die Antwort schmeckt nicht jedem: Nehmt die Weintrinker.

          Nicht als Erster ins Ziel kommen, sondern überhaupt erst ins Ziel kommen, das ist dieser große alte Sportsgeist, der unter den Apollo-Missionen vielleicht am meisten gelitten hat. Fünfzig Jahre Triumphgeschrei sind jetzt also rum, und wer genau hinhört, der kann hinter dem lauten Dröhnen des amerikanischen Raketenwunders und der unbestritten historischen Mondfahrt der Astronauten schon ein leises Seufzen hören. Es klingt fast, als würde John Bingham, der amerikanische Marathon-Philosoph, den Raumfahrern seinen berühmten Satz zuflüstern: „Das Wunder ist nicht, dass ich ins Ziel gekommen bin. Das Wunder ist, dass ich den Mut hatte, loszulaufen.“ Von den Mondfahrern kann das bescheidene Seufzen nicht kommen, die haben geliefert und feiern noch. Ganz anders die Mars-Eroberer. Die stehen seit gut einem Jahr wie die wissenschaftlich begossenen Pudel an der Startlinie, nachdem Mediziner der Georgetown University den ersten ernsthaften Stresstest gemacht und die Wirkung der kosmischen Strahlung während der monatelangen Reise zum Mars auf den Verdauungstrakt simuliert hatten. Der Mäusetest ging niederschmetternd aus. Die armen Tiere alterten rasend schnell, DNA-Schäden allenthalben. Die Krebsgefahr für innere Organe müsse vor dem möglichen Start zum Mars restlos eingedämmt werden, warnten die Wissenschaftler, was technisch allerdings alles andere als trivial ist. Eine bittere Pille für die Raumfahrer auf Startplatz eins. Deshalb werden sie diese Woche ganz genau studieren, was ein paar Harvard-Forscher in den „Frontiers of Physiology“ zu berichten haben. Wie, so fragen die Herausgeber des amerikanischen Fachblatts hoch pathetisch, können wir sicherstellen, dass unsere Sieger noch stehen können, wenn sie durch die Ziellinie gehen?

          Die Antwort aus Harvard: Mit Rotwein oder Beerensaft an Bord. Was auch sonst? Resveratrol, der empfohlene Inhaltsstoff der roten Beeren und nach Vitamin C das berühmteste Wundermittel aus dem Schoß von Mutter Erde, soll den Verdauungstrakt der Astronauten schützen. Die Dreifaltigkeit des Astronautenglücks lautet: anti-entzündlich, anti-oxidativ, anti-diabetisch. Die Wirkung gegen Diabetes ist besonders spannend. Laborratten, die von den Harvard-Forschern für die Länge einer Mars-Tour in künstlicher Schwerelosigkeit leben mussten, reagierten auf die Resveratrol-Gabe im Milligramm-Bereich mit einer erhöhten Insulin-Sensitivität, sprich: Die Muskeln nehmen mehr Zucker auf. Bei den Tieren in Schwerelosigkeit (alle 24 Versuchstiere waren übrigens männlich, was auch noch betont wurde) funktionierte das dramatisch gut: Statt um ein Drittel zu schrumpfen, wie das für Wadenmuskeln im Raumflug zu erwarten wäre, behielt das Gewebe annähernd seine irdische Masse und Stärke, und zwar ohne jedes Muskeltraining. Natürlich keimt jetzt neue Hoffnung bei den erfolgsverwöhnten Raumfahrern. Wer wollte es ihnen verdenken. Statt schwerer Trainingsgeräte stehen sie jetzt mit der Aussicht auf ein paar Kisten vom besten kalifornischen Pinot Noir an der Startlinie. Krebsrisiken sind da erst mal kein Thema mehr.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trumps Grönland-Idee : Eiskalte Interessen

          Manche Republikaner unterstützen die Idee von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Schließlich könnte man so den Einfluss von China und Russland begrenzen – und riesige Rohstoffvorkommen ausbeuten.
          Sommerurlaub verwehrt: Wenn man eine Reise stornieren möchte, kann es auf Internetplattformen Probleme geben.

          Probleme mit Buchungsplattform : Kein Geld zurück

          Plattformen wie Booking.com & Co. nehmen dem Urlauber viel Arbeit ab. Schwierig kann es werden, wenn eine Übernachtung storniert werden soll. Ein Erfahrungsbericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.