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Die Debatte : Brauchen wir eine Welt ohne Plastik?

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Müllhalde Strand – kann die Politik das Problem beseitigen? Bild: dpa

Kann die Welt der Plastikmüllschwemme noch Herr werden? Inzwischen ist das Problem in der großen Politik angekommen. Trotzdem herrscht Skepsis. Soll es der Bürger richten oder kann es die Politik? Nehmen Sie Teil an der Debatte mit Fachleuten zum Thema.

          Ist der Plastik ein Umweltproblem – und nur ein Umweltproblem?  In unserer Reihe “Die Debatte“, ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany(SMC) sowie der TU Braunschweig,  würden wir gerne erfahren, was Sie persönlich über Plastikmüll denken. Sehen Sie hier die Beiträge und Interviews mit Experten und kommentieren Sie.  Nehmen Sie außerdem an einer fünfminütigen, anonymen Umfrage teil, wenn Sie möchten. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begeitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

          „Kunststoffe sind nicht in allen Anwendungsbereichen ohne Probleme ersetzbar”, da ist sich Thomas Fischer, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe, sicher. Tatsächlich ist Plastik ist in unserem Alltag mehr denn je allgegenwärtig. Computer, Zahnbürste, Brotdose – und auch die Zahnfüllung, die Konservendose oder wasserdichte Kleidung kommen heutzutage nicht mehr ohne Plastik aus.

          Plastikprodukte sind außergewöhnlich haltbar, leicht formbar und extrem preiswert und befinden sich auch deshalb seit ihrer Entdeckung auf einem globalen Siegeszug. Belief sich die jährliche Produktion 1950 weltweit auf etwa zwei Millionen Tonnen, hat sich die Zahl bis heute vervielfacht: Rund 380 Millionen Tonnen Kunststoff produziert die Menschheit weltweit pro Jahr. Das ungelöste Problem: Niemand weiß nach dem Verbrauch, wohin mit dem langlebigen Abfall. „Wenn Plastik erst einmal in der Natur ist, verschwindet es für sehr lange Zeiträume nicht mehr, reichert sich an und wird zur Umweltbelastung”, sagt Fischer. So dauert der Abbau einer einzigen PET-Flasche schätzungsweise 450, der einer Angelschnur gar 600 Jahre.

          „Die lange Verweildauer von Kunststoffen fällt uns Menschen derzeit auf die Füße“, sagt Dr. Holger Freund vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg. Allein rund zehn Prozent der jährlichen Produktion gelangten durch unsachgemäße Verwertung in die Umwelt und dann über Umwege teilweise in die Ozeane. Vier bis 13 Millionen Tonnen werden jährlich in die Meere gespült. „Die Folgen für die Tier- und Umwelt sind verheerend“, sagt Freund. „Tiere verheddern sich in Plastikmüll, strangulieren sich in Ballonschnüren, ersticken in Fischernetzen, verschlucken Plastikteile und verhungern dann mit vollem Magen.“

          Mikroplastik vergiftet die Lebenswelt

          Jedoch sind das nur die sichtbaren Umweltwirkungen des Plastiks. Über die Auswirkungen von Mikroplastik, also Teilchen unter fünf Millimeter Durchmesser, ist hingegen noch wenig bekannt. In Laborversuchen konnte zwar gezeigt werden, dass Mikroplastik schädlich ist. Ob jedoch bereits die Menge, die Forscher derzeit in den Meeren und Bodensedimenten aufspüren können, Schäden verursacht, ist nicht ausreichend erforscht. Problematisch könnte es noch aus einem anderen Grund sein: „Bei all dem, was wir wissen, sind Mikroplastikpartikel auch deshalb problematisch, weil sie Schadstoffe aus der Umwelt aufnehmen, die sich in immer stärkerer Konzentration anreichern”, sagt Dr. Mark Lenz, Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

          Plastikfressende Raupen–: Wollen wir auf sie warten und unsere Hoffnungen setzen?

          Auf der politischen Agenda ist das Thema seit dem G7-Gipfel im Jahr 2015 angekommen. Seitdem beschäftigt sich eine internationale Arbeitsgruppe damit - durchaus mit Erfolg. Im Mai 2018 wurde beispielsweise ein erster EU-Maßnahmenkatalog vorgestellt, der weitreichende Verbote von Plastikprodukten, wie Strohhalme und Tüten, vorsieht. Und auch beim G7-Gipfel in Kanada im Juni 2018 stand das Thema weit oben auf der Tagesordnung. Das Ergebnis: Teile der Staaten unterschrieben eine Selbstverpflichtung, bis 2030 mindestens 55 Prozent ihres Plastikmülls zu recyceln und dessen Wiederverwertbarkeit zu steigern. Japan und die USA verweigerten jedoch die Unterschrift.

          Ebenso präsent ist es inzwischen in der Gesellschaft, was sich neben Schlagzeilen in den Medien in immer mehr Projekten niederschlägt, die es sich zum Ziel machen, die Meere und Strände vom Plastikmüll zu befreien.

          Antiplastik-Initiativen in der Kritik 

          Sowohl zu den bisher ergriffenen politischen Maßnahmen als auch zu den Aktionen von Umweltaktivisten gibt es kritische Stimmen aus der Wissenschaft. So hält Dr. Henning Wilts, Leiter des Forschungsbereichs Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut, die Vorschläge der EU für nicht weitreichend genug: „Das primäre Ziel hierbei ist weniger, die Ozeane von Plastikmüll zu befreien. Diese Produkte machen vom gesamten Kunststoffverbrauch maximal ein Prozent aus. Somit werden die Verbote vielleicht die Strände entlasten – am Gesamtsystem werden sie aber nichts ändern.“ Zudem fehle es an globalen und verpflichtenden Lösungsansätzen. Und für Mark Lenz steht fest: „Wir müssen bei den Ursachen des Plastikmülls ansetzen, also bei der Herstellung und der Entsorgung”.

          Insgesamt sind sich die meisten Wissenschaftler einig, dass allein ein Umdenken in der Bevölkerung und vor allem der Industrie das Problem nachhaltig lösen kann. Dies zu erreichen, ist allerdings keineswegs leicht, wie Florian G. Kaiser weiß, Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg: „Es braucht mehr als die bloße Information, damit man an seinem Verhalten etwas ändert. Erst wenn wir selber von der Sinnhaftigkeit des Klima- und Umweltschutzes überzeugt sind, unterstützen wir auch Initiativen, die Plastikmüll reduzieren helfen und überdenken unser eigenes Tun.”

          Das Projekt „Die Debatte“

          „Die Debatte“ (www.die-debatte.org) ist ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany(SMC) sowie der TU Braunschweig. Die Frankfurter Allgemeine Zeitungmit ihrer Online-Plattform FAZ.NET unterstützt das Projekt als Medienpartner. „Die Debatte“ bietet in unterschiedlichen Abständen zu aktuellen Themen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft verständliche Informationen. Mit kurzen Hintergrundtexten, Infografiken, Interviews und Videos macht „Die Debatte“ wissenschaftliche Erkenntnisse verfügbar und unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gespräche mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben einen tieferen Einblick in die jeweilige aktuelle Forschung. Besonders spannend sind die Live-Debatten. Dabei diskutieren Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft live über wissenschaftliche Fakten und wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind eingeladen – vor Ort oder im Livestream.

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