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Farbphilosophie am Patienten : Welt ohne Namen

Eine Farbenpracht. Bild: ZB

Ist unsere Wahrnehmung der Welt abhängig davon, wo wir groß werden? Ein Schlaganfallpatient lässt ahnen, wie Sprache und Farbe im Gehirn zusammenhängen - und wo dessen Grenzen sind. Eine philosophische Glosse.

          2 Min.

          Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, hatte Ludwig Wittgenstein in seinem „Tractatus“ geschrieben und damit viele nachfolgende Philosophen davon überzeugt, dass unsere Sprache zentral prägt, wie wir die Wirklichkeit erfahren. Farben sind hierfür ein besonders beliebtes Beispiel. Denn was gibt uns vor, wo wir im kontinuierlichen Spektrum die Schnitte zwischen diskreten Farbnamen setzen?

          Könnte es fremde Völker geben, die ihre Umwelt so wie wir wahrnehmen, aber Farben ganz anders einteilen? Für die Blau und Grün sich so ähnlich sehen wie für uns Rubin- und Karminrot? Die aber dafür 25 verschiedene Gelbtöne als verschiedene Farben unterscheiden? Farblinguisten und Anthropologen arbeiten seit vielen Jahrzehnten daran, diese Frage empirisch zu beantworten, indem sie mit Farbplättchensammlungen durch die Welt ziehen und Menschen nach Namen und Sortierung fragen. Eine eindeutige Entscheidung der Frage, ob Farben universell und sprachübergreifend oder doch eher kulturell bestimmt sind, konnten diese Studien bisher aber nicht liefern. Nun versucht eine Gruppe europäischer Mediziner und Psychologen in der Zeitschrift „Cell Reports“, ihren Beitrag zur Aufklärung zu leisten.

          Ihr Studienobjekt ist ein 54-jähriger Schlaganfallpatient, genannt „RDS“, der weitgehend die Fähigkeit verloren hat, Farben korrekt beim Namen zu nennen. Der Französisch sprechende Portugiese, dessen Farbwahrnehmung von seinem Schlaganfall unbeeinträchtigt ist, konnte im Bezeichnungstest nur jede dritte Farbe korrekt benennen, wo gesunde Testpersonen eine 93-prozentige Erfolgsquote aufwiesen. In einem sprachunabhängigen Experiment legten die Forscher ihm und den anderen Testpersonen je zwei Tafeln mit jeweils zwei verschiedenen Farben vor. Im Kategorientest sollten sie bestimmen, auf welcher Tafel sich Farben derselben Farbkategorie befinden – beispielsweise Hell- und Dunkelblau –, im Benennungstest, auf welcher Tafel eine konkrete benannte Farbe zu sehen ist. Während RDS keine besonderen Probleme hatte, zusammengehörige Farbtöne zu identifizieren, schnitt er wiederum deutlich schlechter als die anderen ab, wenn es darum ging, spezifische Farben zu finden. Das Fazit der Wissenschaftler: Die erfolgreiche Einteilung von Farben in Kategorien ist von der Fähigkeit unabhängig, sie zutreffend zu benennen.

          Mit der Kernspintomographie konnte außerdem diejenige geschädigte Region im Hirn des Schlaganfallpatienten identifiziert werden, die wahrscheinlich für die Namensschwäche verantwortlich ist. Zumindest also scheinen Farbeinteilung und Farbbenennung somit auf verschiedenen neuronalen Prozessen zu beruhen, so die Forscher. Was man nun aber von jemandem ohne Farbbegriffe über diejenigen mit fremden Farbbegriffen lernen kann, darüber dürfen nun wiederum die Philosophen streiten.

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