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Quarantäne-Bewohnerin spricht : „Man fühlt sich schon als Opferlamm der Politiker“

In der Kaserne in Germersheim sind Deutsche und andere Staatsbürger aus Wuhan kommend untergebracht worden. Bild: dpa

Zuerst Buschfeuer, dann das Coronavirus: Die Flucht aus Wuhan wird für eine junge deutsch-chinesische Familie zur extremen Nervenprobe. Und in der Quarantäne in der Südpfalz machen sie auch bittere Erfahrungen.

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          Eine junge deutsch-chinesische Familie, beruflich seit einiger Zeit in Australien unterwegs, flieht vor den australischen Buschfeuern nach Wuhan, weil „die Luft schon so schlimm war, dass man den Rauch auch im Haus sehen konnte“. In der Heimatstadt des Ehemanns kommen die zwei jungen Akademiker mit ihrem zweijährigen Sohn bei der chinesischen Familie gut unter. Bis die Coronavirus-Epidemie ausbricht. Mit dem ersten Rücktransport deutscher Bewohner aus Wuhan vor einer Woche kommen Mutter und Kind nach Deutschland. Während ihrer mindestens vierzehntägigen Quarantäne in einer Kaserne in Germersheim in der Pfalz hat Anna Yates-Lu, eine Münchenerin, unsere Fragen beantwortet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Frau Lu, haben Sie sich mit ihrem Sohn einigermaßen eingelebt in der Kaserne?

          Ja, uns beiden geht es gut, wir haben uns inzwischen vom Flug erholt und das Leben hier in Quarantäne scheint langsam eine gewisse Struktur angenommen zu haben. Die Freiwilligen des DRK haben wirklich Unglaubliches geleistet, unter extrem erschwerten Bedingungen uns den Aufenthalt hier doch noch so angenehm wie möglich zu gestalten – man hört, dass ihnen fast stündlich etwas Neues verordnet wird.

          Aber bei Ihnen ist alles in Ordnung?

          In den ersten Tagen waren viele sehr frustriert, weil wir zusehen mussten wie verschiedene Pressesprecher angaben, wie gut es uns gehe, dass wir alle W-Lan hätten und Spätzle mit Salat zum Mittagessen hatten etc., was nicht gerade der Wahrheit entsprach. Einige Leute hier konnten erst am Mittwoch anfangen, das Internet zu nutzen, und am 5.Februar gab es auch zum ersten Mal erkennbares Gemüse als Teil der Mahlzeiten. Dass dazu noch eine Auswahl von Wein und Bier serviert wurde, war natürlich auch sehr willkommen.

          Wie ist es mit Kontakten nach draußen?

          Ein im Moment für die meisten hier ziemlich heikles Thema ist das Zusenden verschiedener persönlicher Gegenstände von Angehörigen – nachdem uns vorgestern gesagt wurde, dass unsere Angehörige uns Pakete schicken konnten, haben natürlich viele sich Verschiedenes zukommen lassen, um sich das Leben hier doch noch etwas zu verschönern, auch vom psychologischen Standpunkt, da es hier viele Familien mit sehr jungen Kindern gibt, die die schon sehr stressige Zeit für ihre Kinder etwas angenehmer machen wollen. Am Tag darauf wurde uns aber dann gesagt, dass die Pakete nun doch nicht an uns geliefert werden können – der angebliche Grund dafür sei die Möglichkeit, externe Erreger in die Quarantänezone hereinzubringen. Die Freiwilligen des DRK tun ihr Bestes, unseren Bedürfnissen entgegenzukommen, es wurden zum Beispiel Hausschuhe geliefert, sie haben auch Spielsachen für die vielen Kinder eingekauft und psychologische Beratung angeboten für die, die es brauchen. Es ist aber weiterhin unklar, was mit den Paketen passieren wird, die schon abgeschickt wurden. Des Weiteren sind viele gestresst von der Möglichkeit, dass ein einziger Krankheitsfall unter den 120 Leuten hier zu einer Verlängerung der Quarantäne um weitere 14 Tage für alle führen könnte.

          Vor der Ankunft der Rückkehrer: Mitarbeiter des Roten Kreuzes stehen auf dem Gelände der Kaserne Südpfalz der Bundeswehr vor dem Gebäude.

          Ist es richtig, dass Sie sich nicht frei bewegen können, weil immer noch nicht klar ist, ob jemand weiteres infiziert ist in der Gruppe?

          Es stand in einigen Medienberichten, dass der Plan, die Insassen der Quarantäne in kleinere Gruppen aufzuteilen, daran gescheitert sei, dass das Gebäude zu eng sei und die Menschen durcheinander laufen würden. Ich habe persönlich nichts davon gehört, dass es hier je so einen Plan gab, das wäre auch von Anfang an nicht praktikabel gewesen, da es nur einen einzigen Kiosk im Erdgeschoss gibt, wo man sich Getränke, Mundschutz und andere benötigten Dinge holen kann, womit also Kontakt mit anderen nicht vermieden werden kann. Das ursprüngliche Konzept des Gesundheitsamtes Frankfurt mit einer Aufteilung der 120 in vier kleinere Gruppen, erscheint natürlich völlig logisch in so einer ,“Seuchen-Situation“. Es hätte aber vermutlich doch noch ein paar mehr Freiwillige oder noch anderes zusätzliches Personal gebraucht. Natürlich wäre es möglich gewesen, auf jedem Stockwerk einen Kiosk einzurichten und uns als Gruppe zu trennen, damit die mögliche Verbreitung nicht alle 120 betrifft. In Großbritannien wurden die Rückkehrer in Kleingruppen von 5-6 Personen zusammengefasst. Wir werden aber als Gruppe von 120 gesehen, mit einer möglicherweise immer weiter verlängerten Quarantäne.

          Es gibt bei Ihnen ein Gefühl von Eingesperrtsein?

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