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Biblische Archäologie : So sah Jerusalem zu Zeiten Jesu aus

Pilgerziel Jerusalem Bild: AFP

Zu Ostern pilgern wieder Zehntausende zu den Stätten der Passionsgeschichte. Doch das historische Jerusalem ist längst zerstört, überbaut und teilweise restauriert. Eine interaktive Zeitreise in die biblische Geschichte.

          5 Min.

          „Als die Truppen nichts mehr zum Töten oder Ausplündern hatten – denn es war niemand mehr übrig –, befahl der Kaiser ihnen, die gesamte Stadt und den Tempel von Grund auf zu zerstören.“ So beendet der um 38 n.Chr. geborene Jerusalemer Joseph ben Matityahu alias Flavius Josephus den Bericht über den Untergang seiner Heimatstadt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur die westliche Stadtmauer, schreibt der zu den Römern übergelaufene Jude, sollten die Soldaten der zehnten Legion unter Titus stehenlassen, ebenso die drei großen Türme Phasael, Hippikos und Mariamne, um der Nachwelt zu zeigen, was für Bollwerke hier bezwungen worden waren. „Den Rest der ganzen Stadtbefestigung aber machten die Abrisskommandos so gründlich dem Erdboden gleich, dass Besucher fortan glauben mochten, sie sei nie bewohnt gewesen.“ Es war der Sommer des Jahres 70, als nach einem jüdischen Aufstand gegen die Römer die Stadt verschwand, in der Jesus und seine Jünger vierzig Jahre zuvor Gegenstand und Zeugen des Ostergeschehens gewesen waren.

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          Jerusalem : Auf der Suche nach dem biblischen Jerusalem

          Doch das hält auch dieses Jahr wieder Zehntausende von Christen nicht davon ab, vor Ort danach zu suchen. Dicht gedrängt schreiten sie die „Via Dolorosa“ ab, viele in der Vorstellung, dasselbe Pflaster zu betreten, über das einst der Heiland wandelte. Andere lassen sich die Räume zeigen, in denen er das letzte Abendmahl gehalten habe oder wo er nach seiner Verhaftung vor dem Hohen Rat stand – wieder andere wissen sehr wohl, dass nichts davon authentisch ist. Denn nicht nur das Wüten der zehnten Legion macht den Status dieser immobilen Reliquien problematisch.

          Eine ganz neue Stadt: Aelia Capitolina

          Schon 55 Jahre später, nach einem abermaligen Aufstand, machte Kaiser Hadrian noch kürzeren Prozess. Diesmal wurde mehr als nur zerstört – es wurde eine komplette neue Stadt namens Aelia Capitolina darüber gebaut und Juden der Zutritt bei Todesstrafe verboten. Das heilige Jerusalem sollte verschwinden.

          Doch kaum war das Römerreich christlich geworden, war es wieder da. Hadrians Forum samt Aphroditentempel wurde abgetragen, um das darunterliegende Grab Christi freizulegen und eine riesige Basilika darum herum zu bauen. Tragischerweise war es gerade ihre religiöse Bedeutung (und die sich daran anschließende symbolische wie wirtschaftliche), welche die Stadt immer wieder zur begehrten Beute machte.

          615 eroberten sie die Sassaniden, 629 holten die Byzantiner sie sich zurück, um sie nur fünf Jahre später an die Araber zu verlieren, zwischen deren verschiedenen Gruppierungen Jerusalem danach öfter den Besitzer wechselte. 1099 kamen die Kreuzritter, 1187 die Araber Saladins, 1244 choresmische Söldner, 1260 die Mamluken, 1516 die Osmanen, 1917 die Briten, 1948 Jordanien und 1967 schließlich Israel.

          Erst im 20. Jahrhundert nahmen die an den Herrschaftswechseln beteiligten Parteien Rücksicht auf die historischen Stätten. Davor war der Frieden durch die Neubauprogramme der jeweiligen Besitzer zuweilen zerstörerischer gewesen als die Kampfhandlungen.

          Auf Spurensuche

          Wie kann angesichts dieser Geschichte ein Pilger hoffen, hier irgendwo auch nur ein Stückchen original jesuszeitliches Jerusalem zu finden? Immerhin, die schriftlichen Quellen – neben dem Neuen Testament vor allem die Werke des Flavius Josephus – erlauben es, eine ungefähre Skizze wie die in unserem Interaktiv gezeigte zu erstellen. Sie zeigt das Jerusalem etwa um 30 n. Chr., dem wahrscheinlichsten Jahr der Osterereignisse, und gibt mutmaßliche Orte von Bauwerken und Ereignissen an. Die Betonung liegt oft genug auf mutmaßlich.

          Zwar sind einige Stätten, etwa die Teiche Bethesda und Siloah, archäologisch klar nachweisbar. Nachdem aber selbst die Lage von Großbauten wie dem herodianischen Theater strittig ist, kann man kaum erwarten, das Haus des Hohepriesters Kaiaphas eindeutig zu lokalisieren, ganz zu schweigen von Stätten wie dem Raum des letzten Abendmals, zumal dieses sich, wie der Evangelist Markus schreibt, in einem Obergeschoss befand, das mit Sicherheit bereits durch Titus’ Legionäre eingerissen wurde. Umgekehrt können die Quellen reichen, um traditionelle Zuschreibungen auszuschließen.

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