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Mondfinsternis : Es geht auch ohne Zeitgeist

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Als vor wenigen Wochen die Mondfinsternis viele Menschen spät abends aus den warmen Stuben lockte, trat auch in Berchtesgaden mancher vor die Tür. Doch damit war es nicht getan. Der wolkenlose Himmel, die seltene Naturerscheinung und dazu eine gehörige Portion Neuschnee ...

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          Als vor wenigen Wochen die Mondfinsternis viele Menschen spät abends aus den warmen Stuben lockte, trat auch in Berchtesgaden mancher vor die Tür. Doch damit war es nicht getan. Der wolkenlose Himmel, die seltene Naturerscheinung und dazu eine gehörige Portion Neuschnee überzeugten den einen oder anderen, trotz Dunkelheit und Kälte die Skier herauszuholen, die Felle zu montieren und mit einer Stirnlampe ausgerüstet in etwa zwei Stunden auf den Jenner zu steigen, um das Naturschauspiel an diesem Logenplatz zu betrachten. Und so trafen sich in jener Nacht im "Stahlhaus" hinter dem Jennergipfel mehr als hundert Gleichgesinnte und feierten mit Bier und Schnaps die Mondfinsternis. Stunden später wagten sie bei hellem Mondlicht die lange Abfahrt durch den frischen Pulverschnee. Die letzten verließen erst im Morgengrauen die Hütte.

          Für die Einheimischen, von denen viele passionierte Tourengeher sind, ist es nichts Ungewöhnliches, sich auch in eisigen Winternächten oben auf dem Berg in den Hütten zu treffen. Und da Auswärtige nicht ohne weiteres auf eine solche Idee kommen, ist der Jenner, dieser traditionsreiche Skiberg oberhalb des Königssees, fest in der Hand der Leute aus der Berchtesgadener Gegend. Das ist einerseits verwunderlich, denn schon zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren die Abfahrten des 1874 Meter hohen Gipfels ein beliebtes Ziel von Skipionieren. Andererseits ist der Jenner kein Terrain für Anfänger. Die Pisten zwischen Berg- und Mittelstation sind anspruchsvoll und mitunter recht bucklig. Vor dem Spinnergraben, einer schmalen und steilen Rinne unterhalb der Seilbahn, haben selbst die Einheimischen Respekt. Sie verlangt eine solide Schwungtechnik und eine gehörige Portion Mut. Den hatten auch die ersten Rennläufer am Jenner, die 1905 von Vorderbrand über den Mitterkaser aufstiegen und dann durch den Spinnergraben abfuhren. Seinerzeit, mit weichen Lederschuhen und langen Holzlatten ohne Kanten, war das schon eine beeindruckende Leistung. Der Sieger brauchte etwas weniger als eineinhalb Stunden - für Aufstieg und Abfahrt wohlgemerkt, denn so wurden in den Zeiten ohne Lifte und Seilbahnen noch die Rennen gewertet.

          Einer, der sich an die alten Zeiten noch gut erinnern kann, ist Otto Obraczka vom Königssee. Obwohl längst im Pensionsalter, ist der ehemalige Jäger an jedem schönen Tag mit den Tourenskiern unterwegs. Rund um den Jenner kennt der drahtige Pensionist mit dem wallenden Vollbart jede Hütte, jeden Tiefschneehang und weiß auch von den Skirennen von damals zu erzählen. Da habe es das "Steinbachrennen" gegeben und das "Silberschildrennen", bei dem drei Läufer eine Staffel gebildet hätten. Zwei hätten aufsteigen müssen und der dritte sei dann bei der Abfahrt an der Reihe gewesen. Die "Watzmann-Gams" im Frühjahr ist auch heute noch ein Saisonhöhepunkt für die Berchtesgadener Skisportler. Mit dem Startschuß geht es vom Kirchlein in Kühroint hinauf bis zur Watzmannscharte und dann durch den Tiefschnee wieder hinunter. Weniger als eine Stunde brauchen die Schnellsten, die fast immer Einheimische sind, denn außerhalb von Berchtesgaden ist der urige Wettbewerb, der mit einer deftigen Feier ausklingt, kaum bekannt.

          Der Jenner hatte freilich einmal Ambitionen, über die Grenzen des Landkreises hinaus berühmt und zu einem der führenden Skigebiete der Alpen zu werden. Als 1953 die Seilbahn gebaut wurde, war man sich am Königssee sicher, die Weichen für eine große Zukunft gestellt zu haben. Die Voraussetzungen waren ja auch günstig. Berchtesgaden und der Königssee galten als populäres und traditionsreiches Urlaubsziel. Im neunzehnten Jahrhundert zog es den Bayernkönig Max II. und später den Prinzregenten Luitpold zur Jagd an den Königssee, weshalb es heute noch in der Berchtesgadener Region etliche feudale Adelssitze gibt. Später dann brachten amerikanische Gäste gutes Geld in die Gegend.

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