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Gefälschte Studien : Ein Skandal, der mitten ins Herz trifft

  • -Aktualisiert am

Forschung für die Kloake: Auch die Herzmedizin ist nicht davor gefeit. Bild: dpa

Ein Harvard-Mediziner schürte Hoffnungen und fälschte schamlos Studien. Der Fall zeigt, wie nachhaltig Patienten und Ärzte darunter leiden, wenn die konstruierte „Wahrheit“ nur prominent und sexy genug daher kommt.

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          Es klingt immer noch wie die Erfüllung eines medizinischen Traums: Infarktpatienten und solchen mit bedrohlicher Herzschwäche soll durch die Stimulation von Stammzellen im Herzen selbst neues Leben eingehaucht werden. Der wissenschaftliche Pate hinter diesem Heilsversprechen ist der in Ungnade gefallene amerikanische Wissenschaftler Piero Anversa. Nach mehrjährigen Untersuchungen sind seine früheren Arbeitgeber – die Harvard-Universität und das Brigham and Women’s Hospital in Boston – nun zum Schluss gekommen, dass nicht weniger als 31 wissenschaftliche Publikationen des von Anversa geleiteten Forscherteams auf gefälschten oder konstruierten Daten beruhen.

          Wie Kenner der Szene mutmaßen, dürfte die Gruppe um Anversa noch weitaus mehr Bullshit-Artikel verfasst haben. Diese Erkenntnis als solche hat viele Wissenschaftler zwar nicht überrascht, wohl aber das Ausmaß des Betrugs. Schon im vergangenen Jahr hatte das Brigham and Women’s Hospital eingewilligt, insgesamt zehn Millionen Dollar der von Anversa missbräuchlich verwendeten staatlichen Fördermittel zurückzuzahlen. Damit lässt sich der Schaden für die Wissenschaft, aber auch für die vielen getäuschten Patienten kaum beheben.

          Der menschliche Herzmuskel ist nicht beliebig regenerierbar.
          Der menschliche Herzmuskel ist nicht beliebig regenerierbar. : Bild: psdesign1, Fotolia.com

          Blamabel ist der Vorfall nicht zuletzt für die Harvard-Universität. Denn die Elitehochschule hat den Herzforscher erst im Jahr 2007 eingestellt – zu einer Zeit, als längst die ersten dunklen Wolken über dessen Forschungspraktiken aufgezogen waren. So hatte sich eine drei Jahre zuvor veröffentlichte Studie seiner Gruppe als frei erfunden herausgestellt, was Anversa einem Mitarbeiter anlastete. Dass er tatsächlich nichts ahnte, war schon deshalb wenig glaubwürdig, da die Publikation das Herzstück seiner Hypothese belegen sollte. Dieser zufolge verfügt das menschliche Herz über einen Pool an Stammzellen, die abgestorbene Herzmuskelzellen laufend ersetzen und bei hinreichender Stimulation dem schwachen Herzen auf die Sprünge helfen könnten.

          Können Herzen komplett regenerieren?

          Die Studie suggerierte, dass das Herz während des Erwachsenenalters rund achtmal komplett erneuert wird, also schon per se ein hohes Regenerationspotential besitzt. „Für Anversa war diese Studie außerordentlich wichtig“, sagt Wolfgang Schaper, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim, „denn er wollte unbedingt die Studienergebnisse schwedischer Forscher widerlegen, deren Erkenntnisse ihm ein Dorn im Auge waren.“ So hatten Wissenschaftler um Olaf Bergmann vom Karolinska-Institut in Stockholm mit einem eleganten Verfahren, über die Messung von radioaktivem Kohlenstoff im Erbgut von Verstorbenen, die während der Atomtests im Kalten Krieg geboren worden waren, nachgewiesen, dass die Erneuerungsrate von menschlichen Herzmuskelzellen ausgesprochen gering ist. So liegt sie im Säuglingsalter bei jährlich rund fünf Prozent, fällt danach aber steil ab und beträgt bei Zehnjährigen dann noch 1,5 Prozent, bei Zwanzigjährigen noch 0,8 Prozent und bei fünfundsiebzigjährigen Menschen lediglich noch 0,3 Prozent im Jahr. Laut den Berechnungen werden zudem höchstens vierzig Prozent aller Herzzellen im Laufe des menschlichen Lebens überhaupt ersetzt, und das zumeist innerhalb der ersten zehn Jahre.

          Die gezinkten Studiendaten des gefallenen Spitzenforschers waren letztlich auch eine Steilvorlage für andere kritische Stammzelltherapien am Herzen: Über die Infusion von Knochenmarkszellen wird auch dabei versucht, die trägen Herzstammzellen dazu zu bringen, sich zu teilen und neues Muskelgewebe zu erzeugen. „Diese Therapie wurde auch in Deutschland jahrelang angewandt, ohne dass ihre Wirksamkeit zuvor belegt worden wäre“, betont Schaper und fügt hinzu: „Ihr Nutzen scheint allerdings äußerst dürftig zu sein. Das legen zumindest die Ergebnisse belgischer und skandinavischer Studien nahe.“ Lohnt es sich überhaupt noch, weiter auf dieses Verfahren zu setzen? Dass sich diese Frage trotz intensiver Forschung bis heute nicht beantworten lässt, liegt unter anderem an den jahrelangen Täuschungsmanövern Anversas. Denn viele seriöse Wissenschaftler versuchen bis heute, die Fake-Ergebnisse zu reproduzieren.

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