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Alexander von Humboldt : Ein Riese auf allen Gipfeln

Der Chimbarazo von der Ebene von Tapia aus gesehen. Den kolorierten Kupferstich fertigte Jean-Thomas Thibaut nach einer Skizze von Alexander von Humboldt an. Bild: Picture-Alliance

Ökologie – das ist heute das politische Abenteuer der Berliner Republik. Für Alexander von Humboldt, den vor 250 Jahren geborenen Abenteurer und Berliner Urökologen, war es die Wurzel aller Erkenntnis. In den Bergen wurde er besonders reich belohnt.

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          Ein Humboldt-Fest an der Goethe-Universität, der große Festakt für Humboldt im noch unfertigen Humboldt Forum in Berlin-Mitte, dazu Ausstellungen, Lesungen, Gespräche, Musicals, ja auch Schnitzeljagden zu Humboldts Ehren – die Berliner Republik verbindet schon seit Wochen, aber besonders an diesem Samstag, dem 250. Geburtstag des berühmten Urberliner Weltreisenden, ein großes Einheitsgefühl: Wir sind Humboldt!

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wann, wenn nicht jetzt, möchte man sagen. Einen Öko, Humanisten, Entdecker und Meistererzähler vom Schlage des Alexander Freiherr von Humboldt steht dem Land, in dem dessen Themen – Klima, Natur und Mensch – politisch so hoch wie nie im Kurs stehen, besonders gut zu Gesicht. Mensch und Natur, tief miteinander verwoben, darin gipfelte Humboldts Weltsicht. Der erste authentische Augenzeuge des Anthropozäns. Und ein aus heutiger Sicht auch immens progressiver Netzwerker des Weltwissens.

          Das Denkmal für Alexander von Humboldt vor dem Eingang der nach ihm benannten Universität (HU Berlin).

          Um es mit den Worten Goethes zu sagen: „Nur der Naturforscher ist verehrungswerth, der uns das Fremdeste, Seltsamste, mit seiner Localität, mit aller Nachbarschaft, jedesmal in dem eigensten Elemente zu schildern und darzustellen weiß. Wie gern möchte ich nur einmal Humbolden erzählen hören.“

          Es waren also keineswegs nur die Wissenschaftler und die Bildungsbürger, die der große Universalgelehrte zu inspirieren wusste. Weil Humboldt auf seinen Reisen über die Zusammenhänge der Natur genauso Unglaubliches zusammentrug wie über die Sprachen, das Menschsein, die Geographie, Geologie und die Kulturen dieser Welt, war er zu seiner Zeit schon eine einmalige Quelle des Wissens und deshalb auch ein großer Mittler zwischen Wissenschaft und Kunst. Seine eigenen künstlerischen Ansätze waren in den Zeichnungen, die er von seinen großen Reisen mitbrachte, durchaus erkennbar. Besonders die von ihm auf seiner 1799 begonnenen Forschungsreise in die Neue Welt erstellten Ansichten des Chimborazo üben auf die Nachwelt, die Kunst wie die Wissenschaft, eine besondere Faszination aus.

          Der 6267 Meter aufragende Gipfel in den ecuadorianischen Anden ist wegen seiner Nähe zum Äquator der Punkt auf der Erdoberfläche, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist. Überhaupt die Berge. Sie waren die geographische Basis für eine Großzahl von Humboldts ökologischen wie anthropologischen  Einsichten – und der Chimborazo gewissermaßen das Olympia der Ökologie. An dessen Tier-, vor allem aber dessen Pflanzenreichtum hat er die vertikale Abstufung der Lebensgemeinschaften studiert, und damit ein bis heute als „Humboldt-Rätsel“ bekanntes Phänomen notiert: Die Lebensvielfalt in den Bergen ist eine ganz außergewöhnliche: Zusammengefasst in Zahlen und mit dem heutigen taxonomischen Wissen: 85 Prozent der Vogel-, Amphibien- und Säugetierarten leben auf Bergen – obwohl die Bergregionen zusammengenommen wenig mehr als ein Viertel der Landfläche auf der Erde einnehmen.

          Die international bedeutende Wissenschaftszeitschrift „Science“ hat schon aus diesem Grund dem deutschen Naturforscher und der von ihm initiierten Bergökologie-Forschung ein Spezial gewidmet. Eine sehr spezielle Humboldt-Betrachtung, wenn man so will, die nicht nur über die naturwissenschaftliche Bedeutung des Abenteuerreisenden aufklärt, sondern den Berliner Gelehrten auch als einen zukunftsweisenden Pionier der alpinen Sozialforschung entdeckt. Tatsächlich leben heute zwar die meisten Menschen an den Küsten, aber immerhin gut 1,11 Milliarden Menschen bewohnen die Bergregionen rund um den Globus.

          Einige dieser Völker sind heute wie zu Humboldts Zeiten auch für Forscher schwer zugänglich, viele zählen zu den kulturell besonders spannenden, aber politisch oft bestenfalls geduldeten indigenen Völker. An ihnen war Humboldt viel gelegen, sie als der modernen Zivilisation fernstehende Menschen wahrzunehmen, verbot sich für Humboldt ganz selbstverständlich. Es waren andere Kulturen in anderen Welten, nicht mehr und nicht weniger. Menschen wie wir.

          Auch sie, die Indigenen, haben nach langem, ungleichem Kampf in den globalen Umwelt- und Klimadebatten unserer Tage eine neue Rolle. Der Weltklimarat IPCC hat in seinem jüngsten Sonderbericht über die Landnutzung und das Klima ihre legitime Rolle als Hüter der Natur, ja als „Wächter des Waldes“ – und damit riesiger Kohlenstoffreservoire – erstmals explizit erwähnt. Die ungeheure Produktivität der Wälder ist zu einem entscheidenden Faktor der Klimastabilisierung geworden. Tatsächlich sind mehr als vierzig Prozent der Berge von Wäldern bedeckt. Womöglich hätte Humboldt gegen die Klimarolle der Indigenen nur einen Einwand geäußert: Die Natur ist reich, aber sie ist nicht ihrer Produktivität wegen schön. An den politisch Unentschlossenen gerichtet, in den Worten Humboldts: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“      

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