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Soziale Systeme : Ein Märchen aus der Militärpsychologie

  • -Aktualisiert am

Gewissensbisse zeigen sich nicht durch Gewalthemmungen. Das zeigte Michael Mann durch psychologischen Untersuchungen an Kriegsheimkehrern. (Symbolbild) Bild: dpa

Kann es sein, dass manche Soldaten zu gehemmt sind, um auf den Gegner zu schießen? Der britisch-amerikanische Soziologe Michael Mann hinterfragt Mythen der Militärpsychologie.

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          Im Amerikanischen Bürgerkrieg waren die Verlustraten pro Schlacht recht gering, und die große Gesamtzahl der Toten spiegelt nur die große Gesamtzahl der Schlachten, nicht aber den besonders blutigen Charakter einzelner Kämpfe. Man führt dies auf eine Art von Schießhemmung der Soldaten zurück, und auch die Waffenfunde auf dem Schlachtfeld von Gettysburg scheinen dies zu belegen: Fast alle der gut 27.000 Flinten, die man dort fand, waren noch geladen.

          Die klassische, auch heute noch weitverbreitete Deutung dieser Daten stammt von zwei Amerikanern. Der Militärpsychologe Dave Grossman vertritt die Auffassung, die Soldaten hätten in diesem wie auch in anderen Kriegen moralische Hemmungen gehabt, den Gegner zu töten. Weder die gesellschaftliche Institutionalisierung der Rolle des Soldaten, die ihm die persönliche Verantwortung für sein Handeln im Kampf abnimmt, noch der soziale Druck seiner Kameraden, die er durch eigene Feigheit gefährden würde, reichen demnach aus, um ihm die Gewissensbisse beim Töten zu nehmen. Ähnlich hatte es schon der wichtigste Gewährsmann von Grossman gesehen, ein Kriegsberichterstatter und Militärhistoriker namens Marshall. Die amerikanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, mit denen er Gruppendiskussionen geführt hatte, beschrieb er als „Kriegsdienstverweigerer“, die zu spät erkannt hätten, dass sie es sind.

          Schon früh hatten Ideologiekritiker gefragt, ob diese These nicht nur darum so beliebt sei, weil sie den Vorstellungen friedliebender Zivilisten entspreche, wie sie selbst sich in seiner Situation fühlen würden. Nun hat der britisch-amerikanische Soziologe Michael Mann die Gelegenheit einer in Hamburg gehaltenen Preisrede genutzt, um die These von den moralischen Hemmungen des Soldaten einer inhaltlichen Kritik zu unterziehen, die vernichtend zu nennen keine Übertreibung ist.

          Unwissen statt moralischer Hemmungen

          Das Fußvolk des Amerikanischen Bürgerkriegs, so Mann unter Berufung auf neuere Forschungen, hatte man praktisch ohne Ausbildung in die Schlacht geschickt. Gegen die Weisung ihrer Vorgesetzten schossen die Infanteristen daher schon, als sie die Fernfeuerwaffen ihres Gegners zu spüren bekamen, und nicht erst, als auch er selbst in Sichtweite war. Dass sie ihn nicht trafen, lag also nicht daran, dass sie es nicht versucht hätten; auch die Briefe und Tagebücher der damaligen Kriegsteilnehmer bezeugen keine moralischen Hemmungen.

          Nicht anders steht es mit jenen Amerikanern, die im Zweiten Weltkrieg kämpften. Wie Assistenten jenes Militärhistorikers unterdessen verrieten, waren sie in den Gruppendiskussionen nach ihren etwaigen Hemmungen beim Gebrauch der Schusswaffe gar nicht gefragt worden; die Berichte darüber hatte der angebliche Forscher, der einmal freimütig bekannte, die Statistik sei für ihn nur eine „Verzierung des Glaubens“, vielmehr erfunden. Seriös dokumentierte Interviews mit Soldaten zeigen demgegenüber, dass moralische Hemmungen bestenfalls ein Problem des Neulings sind, das aber schon beim zweiten und vollends beim dritten Schuss auf einen Gegner verschwindet.

          Spätestens die Verluste in den eigenen Reihen machen aus den Kämpfenden eine Gefahrengemeinschaft, deren eigene Moral sich von derjenigen der Zivilisten stark unterscheidet. Und wie Michael Mann zeigt, erlauben auch psychologische Untersuchungen an Kriegsheimkehrern durchaus nicht den Schluss, dass Gewissensbisse sich in Gewalthemmungen umgesetzt hätten. Wohl aber zeigen sie, in welchem Umfange ihr Verhalten durch Todesangst bestimmt war. Von den 5.000 amerikanischen Soldaten einer Untersuchung hatten 76 Prozent über heftiges Herzklopfen berichtet, 52 Prozent über unkontrollierbares Zittern, 50 Prozent über Erfahrung mit Ohnmachten, Schweißausbrüchen oder Übelkeit und 12 Prozent darüber, dass ihr Schließmuskel versagte.

          In dieser Angst sieht Mann denn auch die Erklärung dafür, dass die Soldaten in aller Regel zu viel und nicht etwa zu wenig schießen. Nicht die geringe Zahl der Schüsse, sondern dass die weitaus meisten ihr Ziel verfehlen, ist das zu erklärende Datum. Die Trefferquote nimmt dabei offenbar mit den Fortschritten der Waffentechnik ab. Für die Zeit der Musketen rechnet man damit, dass zwischen 500 und 3.000 Kugeln erforderlich waren, um einen einzigen Gegner zu töten. Bei den hochgerüsteten Einsätzen der Amerikaner im Irak und in Afghanistan brauchte es für dieselbe Leistung nicht weniger als 250.000 Schüsse.

          „Das Zu-viel-Schießen“, hält Mann dazu fest, „erlaubt es den Soldaten, ihre Angst in den Griff zu bekommen, und zwar einfach dadurch, dass sie in alle möglichen Richtungen schießen, während sie klugerweise in Deckung verharren. Man versteht, warum. Erfahrenen Militärs wird der Soziologe damit freilich nichts Neues sagen. Folgt man dem amerikanischen Weltkriegsgeneral George S. Patton, dann besteht der Mut des Soldaten in der Fähigkeit, die eigene Angst eine Minute länger zu unterdrücken als der Feind.

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